Donnerstag, 7. April 2016

„Belastete“ Musik - Der Tango Plegaria komponiert von Eduardo Bianco

Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem sehr sperrigen und unbequemen Thema und ich gestehe, ich habe große Schwierigkeiten, mir da eine abschließend festgelegte Meinung zu bilden. Trotzdem möchte ich dieses Thema einmal im Blog aufgreifen und zur Diskussion stellen. Es geht um „belastete“ Musikstücke oder „missbrauchte“ Musik.

Früher habe ich sehr häufig beim Auflegen vor der der letzten Tanda die Schlussmelodie aus der Zeichentrickserie: "Der rosarote Panther" gespielt „Wer hat an der Uhr gedreht …". Mir ging es um ein zusätzliches Signal für die Tanzenden, die letzte Tanda anzukündigen (ich achte den Brauch, dass einige Paare diese letzte Tanda einer Milonga miteinander tanzen wollen). Mit Bekanntwerden des Umstands, dass Ausschnitte aus der Fernsehserie (und wohl auch die Schlussmelodie) von den Terroristen des sog. „NSUs“ als Untermalung für ihre selbstproduzierte, menschenverachtende DVD benutzt wurde, war bei mir augenblicklich Schluss mit dieser Gewohnheit.

Vor einigen Tagen fand ich im Rahmen meiner üblichen Wartungsarbeiten an meiner Tangosammlung bei der Suche nach Informationen zum Tangotitel Poema aus der Feder von Eduardo Bianco (die wohl bekannteste Version wurde vom Orchester von Francisco Canaro mit dem Sänger Roberto Maida eingespielt) eher zufällig einen älteren Artikel im Blog Poemas del río Wang. Dieser Artikel behandelt die historischen Ereignissen, die hinter dem Text des Tangos Poema stehen.

Gemäß den Informationen in dem verlinkten Blog-Artikel spielte Eduardo Bianco bis 1924 Violine im Orchester des Theaters Apolo. Nach einem Seitensprung seiner Frau mit dem Pianisten des Orchesters, erschoss er den Nebenbuhler und nur seine guten Verbindungen in die höchsten Kreise ermöglichten ein vorzeitiges Ende seiner Haft. Er musste allerdings Argentinien verlassen und tourte fortan durch Europa.

Er war nicht der Einzige, der aufgrund des großen Interesses am Tango in Paris und anderen europäischen Hauptstädten, als Expat im damals üblichen folkloristischen Poncho durch Europa tingelte. Im Bezug auf diese Musiker hat man wohl im damaligen Buenos Aires die Nase gerümpft. Sicherlich war ein Großteil der Darbietungen auch auf ein europäisches Publikum zugeschnitten, aber das ist hier gerade nicht das eigentliche Thema.

In dem oben verlinkten Artikel wird auch von dem Komponisten und Musiker Enrique Cadicamo berichtet. Er warnte seine befreundeteten argentinischen Musikerkollegen eindringlich vor politischen Diskussionen mit Bianco, da dieser wohl ein Spitzel der Gestapo in Frankreich war. Damit wird die Sache ärger. Aber es kommt noch schlimmer, bei einem Dinner in der argentinischen Botschaft hat Bianco wohl Hitler persönlich getroffen und soll seine Komposition Plegaria (Gebet) aus dem Jahr 1929 (ursprünglich dem letzten spanischen König und Franco-Bewunderer Alfonso XIII. gewidmet), auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin, aufgeführt haben. Die mehr als unappetitlichen Details sind in dem Artikel nachzulesen.

Ich wusste bislang nicht, dass die Komposition Plegaria in den Konzentrationslagern, gespielt vom jeweiligen „Lagerorchester“, als „Tango des Todes“ die jüdischen Menschen auf ihrem Weg in die Gaskammern begleitete. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann geschah dies wohl Aufgrund einer Weisung von ganz oben. (Der jüdisch-stämmige Dichter Paul Celan hat später die Geschehnisse um den gewaltsamen Tod seiner Eltern in seinem schmerzlichen und düsteren Gedicht Todesfuge verarbeitet.)

Ich denke, jede und jeder im Tango kommt allein aufgrund der kalendarischen Auffälligkeiten an den Punkt, an dem sie oder er über das Verhältnis der Argentinier zum Nationalsozialismus nachdenkt. Aber unsere europäischen Denkmuster von links und rechts und ihre jeweiligen extremsten Formen lassen sich nicht so einfach auf südamerikanische Gesellschaften übertragen. So galt beispielsweise der durch einen Militärputsch 1955 gestürzte Päsident Juan Perón als großer Bewunderer Hitlers. Schon aus diesem vergleichsweise winzigen Detail wird deutlich, wie – aus europäischer Sicht – unorthodox die politischen Grenzlinien im damalige Argentinien gezogen waren.

Und an diesem Punkt überkommt mich massives Unwohlsein. Ich gestehe, auch ich habe schon einmal den Titel Plegaria in der Version von Osvaldo Fresedo mit dem Sänger Ricardo Ruiz (aufgenommen im April 1940) aufgelegt. Das Aufnahmedatum weit vor der Wannseekonferenz (Januar 42) und sogar fast ein Jahr vor Heydrichs Ermächtigung durch Göhring, die „Judenfrage“ „endgültig“ zu „lösen“, macht diese konkrete Aufnahme unverdächtig. Dennoch denke ich, ich werde diesen Titel als DJ nie wieder in einer Milonga auflegen. Um es so neutral wie möglich zu formulieren: Das ist für mich „belastete“ Musik.

Nun sind die Sensibilitäten der Beteiligten im Tango unterschiedlich. Manche spielen schon keine Titel mit gewaltverherlichenden Inhalten (beispielsweise A la luz de candil). In solchen Fällen kann man zumindest argumentativ vertreten, dass die Texte Fiktion sind - ausgedacht. Im Fall von Plegaria verhält es sich für meinen Geschmack allerdings deutlich anders…

Bin ich da zu empfindlich? Vielleicht stelle ich das Thema zur Diskussion und warte auf Anmerkungen zum Thema und möglicherweise andere Sichtweisen.

16 Anmerkung(en):

Rainer hat gesagt…

Oh - eine schreckliche Geschichte. Danke für den Blog. Natürlich ist die Musik belastet: Plegaria kann man einfach nicht mehr spielen, das Orquesta Típica Bianco-Bachicha meines Erachtens auch nicht. Das gleiche gilt für die frühere Aufnahme von Plegaria von Fresedo (da gilt wohl der Text von "Die alten Lieder" von Franz Josef Degenhardt: "Tot sind unsere alten Lieder ... braune Horden (haben sie) totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft."). Ich wünschte mir, dass ich etwas nachsichtiger mit "Poema" sein könnte - da geht es ja "nur" um Mord und nicht um den Holocaust. Aber wer möchte schon auf eine vertonte Mordbeichte Tango tanzen... Und ich finde, dass wir als DJs da auch eine Verantwortung haben. Mich persönlich trifft das hart, weil Poema zu meiner persönlichen Tango-Sozialisation gehört. Es war meine erste "Tangoliebe" und ich habe es mehrere Jahre lang als mein Lieblings-Tangostück bezeichnet...

Austin hat gesagt…

Ich glaube, es kommt hier darauf an, ob ein bestimmtes Stück Musik im kollektiven Bewusstsein mit Ballast behaftet ist oder sonstwie "belegt". Das ist sicherlich auch regional verschieden und hängt von der Zeit ab.

Mancinis "Pink Panther Theme" ist ein Welthit, und in fünf Jahren erinnert sich auch in Deutschland niemand mehr daran, dass die NSU-Terroristen dieses Stück für ihre Zwecke eingesetzt haben. Dann kann man es sicher auch wieder spielen, ohne dass irgendjemand sich fragt, ob das eine Sympathie mit dem NSU ausdrücken soll. Das Hören löst dann nichts mehr aus, was mit der Musik nichts zu tun hat.

Genauso ist es mit Hitlers angeblichem Lieblingsmarsch (dem Badenweiler Marsch), den kennt heute auch niemand mehr, und wenn eine Blaskapelle den spielt, löst das bei der Hörerschaft nichts aus und vermutlich indiziert es auch keine braune Gesinnung der Blaskapelle.

"Rienzi" von Wagner (überhaupt Wagner, der ja erklärter Antisemit war, und das lange vor Nazideutschland) wäre auch so ein Fall, aber es gibt einfach zuviele unverdächtige Wagnerfans, die sich ihre Musik nicht vom Dritten Reich wegnehmen lassen wollen.

Wenn du "Plegaria" nicht auflegen willst, weil Du die Bilder dazu nicht aus dem Kopf bekommst, finde ich das ehrenwert, aber andere Tango-DJs, die das vielleicht nicht so genau recherchiert haben, wollen mit dem Stück sicher weder der KZ-Opfer gedenken noch die KZs gutheißen, sondern sie wollen einfach nur das Stück spielen. Und die Hörer, die vermutlich ebenso wenig wissen, hören das Stück nicht als "Begleitmusik zum Völkermord", sondern als einen ganz normalen Tango.

Fazit: Solange das kollektive Bewusstsein der jeweiligen Hörenden-Gruppe mit einem Stück nichts verbindet, bleibt die empfundene Belastung eine recht subjektive Sache.

Erbse hat gesagt…

Der hier angestoßene Gedanke von "belasteter" Musik" bedarf m. E. einer deutlichen Trennschärfe zwischen solcher Musik, mit der verwerfliche, etwa Gewalt verherrlichende Inhalte verbreitet werden und solcher Musik, die von Gewalt ausübenden Verbrechen missbraucht wird/wurde. In erstgenanntem Fall kann man wohl. Von "belasteter Musik" sprechen, im zweiten, dem ich auch die von Cassiel angeführten Beispiele (Pink Panther-Thema, Plegaria) würde ich eher von missbrauchter Musik sprechen. Ob man Missbrauch durch Meidung gerecht wird, ist dm persönlichen Empfinden jedes einzelnen anheim gestellt. Mit dem Erheben moralischer Bedenken in diesem Kontext ist indessen Zurückhaltung die angemessene Haltung. Musik ist nicht schuldig, böse, verwerflich. Es sind lediglich die Menschen, die sich ihrer bedienen.

Donato hat gesagt…

@Cassiel
Danke für die Information. Zur Beschäftigung mit einem Kulturgut gehört eben auch Negatives. Davon hat unsere Kultur ja auch Einiges zu bieten (siehe z.B. Wagner und eben "Plegaria" im KZ, was man ja durchaus als Entwicklungsreihe betrachten kann).
Bin (obwohl eigentlich sehr daran interessiert) beim Tanzen manchmal auch froh, viele Tango-Texte sprachlich/inhaltlich nicht verstehen zu können. Habe wohl schon so manches Mal sehr vergnügt zu sehr traurigen Texten getanzt, bei denen mich die Musik und der sprachliche Klang begeisterten, deren Inhalt ich aber nicht verstehe.
Ein Titel, den ich als DJ z.B. nicht als gesungene Version auflegen würde (die Melodie ist phantastisch), ist "A media luz". Dazu würde dann leider auch die Version Donato/Horacio Lagos zählen. So toll war und ist die Prostitution nun auch wieder nicht.
Herzliche Grüße!

chamuyo hat gesagt…

Nicht-Wissen um historische und kulturelle Zusammenhänge ist nie eine akzeptable Entschuldigung für erwachsene Menschen, die sonst auch gerne zu jedem aktuellen politischem Thema eine Meinung haben.
Das Thema ist öfters in Tango- und DJ-Foren diskutiert worden. Danke Cassiel dafür, dass es auch auf Deutsch veröffentlicht hat.
Was man mit dieser Kenntnis macht, bleibt jedem überlassen.

chamuyo hat gesagt…

@Donato: In "A media Luz" geht es nicht um Prostitution, sondern um ein Stundenhotel. Diese sind auch noch heute in Buenos Aires weit verbreitet und werden von breiten Schichten der Bevölkerung in Anspruch genommen.

Anonym hat gesagt…

@Chamuyo
Merci für den Hinweis! Ist doch gut, wenn man miteinander spricht.
Also, dann soll Lagos es auch in der Milonga singen!
Herzliche Grüße!

Donato hat gesagt…

@Chamuyo
Korrektur.
Pardon, hatte mich bei meinem "Merci" als Absender wohl verklickt und auf "Anonym" geklickt.

haribold hat gesagt…

Ich schließe mich im Wesentlichen Austin an.

Wagner betrachte ich schon immer als belastete (rechtsnationale) Musik.

Alle anderen Empfindlichkeiten sind eher (das verkneife ich mir)...

Austin hat gesagt…

Habe gerade den Selbst-Test gemacht, und es ist wirklich ein ziemlich blödes Gefühl, das Stück nochmal anzuhören und sich dazu diese Bilder vorzustellen. Die Kombination ist auf eine wirklich ekelhafte Weise zynisch.

Bin mir nur nicht sicher, ob das mit anderen Stücken nicht genau so funktionieren würde.

deka hat gesagt…

Es gibt wohl noch mehr Titel die in Argentinien nicht in der Milonga gespielt werden. "Adios Muchachos" als, angeblich leter Titel, den Gardel aufgenommen hat - was aber nicht stimmt - ist so einer.

Auserdem habe ich gehört, dass "Adios Marinero" von Alfredo de Angelis nicht gespielt wird. Muß was mit dem Falklandkieg zu tun haben.
Vielleicht weiß jemand darüber mehr?

Anonym hat gesagt…

Hallo Cassiel,
vielen Dank für diesen nachdenklichen Beitrag. Er hat mich sehr berührt. Bisher - unwissend - fand ich gerade die Version von Fresedo/Ruiz immer sehr schön. Schockierend war für mich dann diese http://www.folkways.si.edu/aleksander-tytus-kulisiewicz/das-todestango-the-death-tango/historical-song-judaica-world/music/track/smithsonian Version. Ich denke aber auch, dass man nicht im eigentlichen Sinn von "belasteter Musik" sprechen kann. Nach meinem Verständnis wurde hier Musik - wie auch die vielen Stücke der Aufnahmen von Aleksander Tytus Kulisiewicz zeigen - wirklich auf das übelste mißbraucht. Wie ich zukünftig damit umgehen werde wenn ich den Titel auf einer Milonga höre weiß ich noch nicht.
Danke + Grüsse

CB hat gesagt…

Es gibt immer wieder Themen, bei denen ich mich frage, worüber sich Leute so alles einen Kopf machen.
Wann wird ein Lied unspielbar? Schon dadurch, dass Dritte es für Ihre Zwecke missbraucht haben? Was kann Mancini dafür, dass die NSU einen seiner Klassiker missbraucht haben?
Wird ein Lied jetzt dadurch künstlerisch untragbar, dass der Komponist oder Interpret später mal irgendein Verbrechen begangen hat?

Oder durch den Inhalt? Wieviele Tangos drehen sich denn um Liebe, Hass, Fremdgehen oder sonstige amouröse Angelegenheiten? Wenn man die aus streng katholisch/moralischen Gründen aus der Playlist streicht, was bleibt dann noch über?

Lena hat gesagt…

Wow, also ich bin offensichtlich hypersensibel. Ich kannte Plegaria nicht und wollte es mir auf Youtube anhören. Musste nach 5 Sekunden abschalten. Werde es auch in Zukunft nicht auflegen. Danke für die Infos!

Gorrión hat gesagt…

Einige Monate sind bereits vergangen doch ich bin immer noch sehr berührt von diesem Thema; von der Geschichte von 'Plegaria'.
Gestern lief im Schweizer Radio eine stündige Sendung über den jiddischen Tango. Die Dokumentation vertieft und verbreitert das Thema, z.B. «Der jiddische Tango diente den deportierten Jüdinnen und Juden als emotionale Stütze, er diente zur Aufrechterhaltung des Selbstwertgefühls und des Überlebenswillens, auch wenn das unwirklich klingt.» Das ist insofern hilfreich, als dass der Schwerpunkt nicht die Bösen Nazis ist sondern die Kultur der Juden in Osteuropa.

http://www.srf.ch/kultur/buehne/viel-verschollen-und-fast-vergessen-jiddischer-tango

Ähnliches fand ich im Buch

Sarah Zalfen, Sven Oliver Müller (Hg). Besatzungsmacht Musik. Zur Musik- und Emotionsgeschichte im Zeitalter der Weltkriege (1914-1949). 2012 transcript Verlag, Bielefeld. S220 Katarzyna Naliwajek-Mazurek

Auch hier wird betont, dass die Musik im Naziregime allgegenwärtig war, um bestimmte Emotionen zu generieren respektive zu kaschieren. Es wurde in diesen Konzentrationslagerorchester nicht nur Tango gespielt sondern auch Allzubekanntes aus der Klassik, Musik, die wir heute noch immer oft und gerne hören.

In Cassiels wird nicht erwähnt - ich wusste das auch nicht - dass der Text von 'Plegaria' einen neuen erhielt, einen Deutschen.

»Hörst du wie die Geige schluchzend spielt?
Blutig klingen ihre Töne
Hörst du wie dein Herz sein Ende fühlt?
Das Todestango spielt
Hab' kein Angst, mein Lieb'.

Sand wird deine Leiche decken
Sternenkerze dient als Brenner
Und als Polster dient dir nur ein Stein
Doch glücklich wirst du sein so ganz allein.


Schüsse fallen, Kugeln knallen,
Segregieren!! Gift! Nur spielen
Und der Tod packt dich in Hand
Drum sei fertig und bereit.«

Würde das helfen, den Originalsong mit spanischem Originaltext weniger zu belasten - und ihn hin und wieder zu spielen?
Mir bleiben dazu Zweifel, weil ich bei diesem Lied nicht nur intellektuell denken kann sondern Bilder von damals in meinen Augen sehe.


cassiel hat gesagt…

Vielen, vielen Dank für die weiteren Informationen. Das war auch neu für mich. Aus der Quellenangabe von Gorrión mache ich mal einen klickbaren Link:

Schweizer Radio: Ein Feature über den jiddischen Tango