Montag, 9. November 2009

Für die neue Woche 36: Astor Piazzolla - Oblivion

Vermutlich denken viele Lesenden, mein Musikgeschmack im Tango ist unglaublich konservativ und wahrscheinlich haben sie Recht. An diesem Montagmorgen war ich wild entschlossen einen Non-Tango zu präsentieren. Passacalli Della Vita, ein italinisches Barockstück von einem unbekannten Schöpfer aus dem Jahre 1650. Wie ich darauf komme? Nun, ich hatte am Freitag während eines gesungenen Tangos die ungewöhnliche Frage der mit mir tanzenden Tanguera zu beantworten, ob ich lieber Männer- oder Frauenstimmen mag. Ich war von der Frage überrascht. Sie blieb in meinem Hinterkopf... über das gesamte Wochenende. Gestern ging ich meine gewohnte Runde mit meinem vierbeinigen WG-Mitbewohner und dachte bei grauem, wolkenverhangenen Himmel noch einmal nach. Mir fiel noch einmal das Passacalli Della Vita ein und ich dachte unvermittelt an barocke Kirchen, mit all ihrer barocken lebensbejahenden Pracht, aber eben auch mit den drastischen Darstellungen vom Sensenmann und irgendwelchen Skeletten an barock geschmückten Gräbern. Der Gassenhauer über die Vergänglichkeit des Lebens hat dieser Lebenseinstellung eine auditiv wahrnehmbare Form gegeben (nebenbei bemerkt: Es ist ein tiptop Non-Tango, der vor Jahren in entsprechenden Umgebungen einmal ziemlich en vogue war). Für mein Empfinden tickt der Tango ein ähnliches Paradoxon. Und weil Passacalli Della Vita nicht in einer embedded Version zu finden war, verlinke ich hier Oblivion von Astor Piazzolla, ein Stück für einen wolkenverhangenen Novembertag. Google-Translation übersetzt Oblivion mit "Vergessenheit" vielleicht ist "Vergänglichkeit" der semantisch passendere Begriff...

Und ich denke trotzdem: Der Tango hilft, diese Widersprüchlichkeit im Denken und Fühlen aufzulösen.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Start in die neue Woche!

11 Anmerkung(en):

yy hat gesagt…

Hallo Cassiel!
Ich hatte mich ja schon auf das neue Stück für die Woche gefreut und wurde nicht enttäuscht :)
___

Zu der PASSACAGLIA DELLA VITA: die wurde von Stefano Landi komponiert. Hier kommt ein Link zu Amazon, wo man sich die Hörproben der CD von Christina Pluhar zu Gemüte führen kann, sie ist wirklich sehr empfehlenswert Homo fugit velut umbra!!! "Popmusik" aus dem 17. Jahrhundert ;)
Und hier noch ein Link zu YouTube:
Passacaglia della vita; dort ist auch der Text zu lesen ("bisogna morire" = man muss sterben - und dazwischen: "è un sogno la vita" = das Leben ist ein Traum. Der Text ist sehr schön, ich habe allerdings keine Zeit, ihn vollständig zu übersetzen, ich müsste auch zu viele Vokabeln nachsehen...).

In diesem Sinne: liebe Grüße!
C.

cassiel hat gesagt…

Hallo Caren,

danke für Deine Anmerkung. Meine Version (von der CD /Vanitas vanitatum Rome 1650 gibt es als Ausschnitt hier.

Normalerweise schätze ich die Gitarre im Tango nicht so sehr, dieses Stück mag ich allerdings besonders.

Und zur ursprünglichen Fragestellung: Hier beeindruckt mich das Duett zweier kraftvoller und zugleich sensibler Frauenstimmen - begleitet nur von einer Laute.

lg

c.

yy hat gesagt…

Hi nochmal :)
Die CD habe ich mir sofort bestellt! Danke für den Tip!
Für mich hört es sich so an, als sängen ein Mann und eine Frau zusammen.? Es gibt ja sehr hohe Männerstimmen (Farinelli ist wohl der bekannteste Kastrat). Egal, ich mag kraftvolle Duette zweier Seelen sehr gerne.

cassiel hat gesagt…

Hmmm... da muss ich ja gleich das Booklet inspizieren. Ehrlich gesagt: Über die Frage habe ich bislang noch überhaupt nicht nachgedacht...

Sehr peinlich...

Lydia hat gesagt…

@Cassiel:

Für mich trifft Vergessenheit die Sache vollkommen: Jedes Mal, wenn ich das Stück anhöre (und das habe ich heute schon einige Male getan - vielen Dank!), versinke ich in tiefste Vergessenheit.

Was merkwürdig ist: In meinem Spanisch-Wörterbuch kann ich oblivion nicht finden; das habe ich außer bei Lunfardo-Begriffen noch nicht erlebt. Im Deutsch-Spanisch-Band finde ich unter Vergessenheit: olvido. Dafür finde ich oblivion im Englisch-Wörterbuch - mit der Übersetzung Vergessenheit. Und im Kleinen Stowasser unter oblivio, onis: Vergessenheit, das Vergessen, im übertragenen Sinne auch Vergesslichkeit. Nur so am Rande ... sorry ... bin ein totaler Wörterbuchfreak!

@Caren42

Vielen Dank auch Dir für die beiden Links - ein wunderschönes Lied! Und toll, dass man bei dem You-Tube-Clip den Text mitlesen kann ... Die Vision des Todes, die durch die ganze pralle Lebenslust hindurchscheint - sehr barock! Dazu würde ich auch gern einmal tanzen ...

Austin hat gesagt…

Wen's interessiert: die aktuelle CD von Christina Pluhar ("Teatro d'Amore") ist auch ganz großartig, insbesondere das Duett "Pur ti miro", und wer die Duett-Passagen aus der oben erwähnten Passacaglia schätzt, der wird bei "Pur ti miro" (Schlussduett aus Poppea, aus Ermangelung an Kastraten mit Countertenor und Sopran besetzt) nur noch willenlos vor seinen Lautsprechern sitzen und dem Himmel für diesen Moment danken. Ehrenwort!

cassiel hat gesagt…

@Lydia und Austin

Danke für Eure Anmerkungen. Ich bin immer sehr gerührt, wenn Input kommt.

Mich beschleicht der Verdacht, daß sich hier Menschen mit ähnlichem Musikgeschmack getroffen haben. Kann das sein? ;-)

Anonym hat gesagt…

Ich staune. Wie diese Diskussion sich entwickelt hat, bin ich beinahe geneigt, an die Existenz morphischer Felder zu glauben. Am 21.10. habe ich auf dem Deutschlandfunk in der immer wieder schönen Sendung KLASSIK-POP-ET CETERA Pluhars "Amor, dicea il ciel mirando, il piè fermo" aus der CD Lamento della ninfa gehört. Wie vom Donner gerührt, schickte ich einem befreundeten Tanguero (!) eine SMS, daß er sich das unbedingt anhören müsse. Und nun sehe ich auf diesem Forum, daß ich nicht die einzige Tanguera mit einer Vorliebe für italienische Alte Musik bin … Es freut mich.

Raxie hat gesagt…

@Elbnymphe

ich denke, da wird es noch mehr Tangueros und Tangueras geben, die sich für alte Musik begeistern können... und mitunter schwer zu kämpfen haben, wenn sie sich zwischen einem Abend in der Oper (noch dazu Barock-Oper) und einer Milonga entscheiden müssen... gar nicht so einfach...

Meine Faszination für Barockopern hat übrigens ihren entscheidenden Ausgang bei Händels Rodelinda genommen. Die war original mit einem Countertenor besetzt. Ich habe Gänsehaut bekommen, sobald er den Mund geöffnet hat. Die Inszenierung habe ich mir vier mal gegönnt. Unvorstellbar berührend...

Bei Tangomusik hatte ich hingegen noch keine Gänsehaut. Könnte ich mich zumindest gerade nicht dran erinnern.

Aber eine meiner Theorien ist es, dass man in der Oper ähnlich wie beim Tango Emotionen ausleben kann. Sowohl die Oper als auch der Tango können sehr sehr berührend sein und in andere persönliche Welten führen, für die im Alltag selten Raum ist. Von daher bin ich keineswegs erstaunt, dass es hier so viele Anhänger der italienischen Barockmusik gibt...

Austin hat gesagt…

Wenn wir schon beim Ausloten gemeinsamer musikalischer Interessen sind: wie steht denn die geschätze Gemeinde hier zum Thema Fado? Bei mir ist das so, dass besonders traurige und getragene Tangos wie diese "Oblivion"-Aufnahme dieselbe Saite anschlagen wie Fados. Das liegt wahrscheinlich daran, dass beide Musiken meist in Moll stehen und im weitesten Sinne Wurzeln irgendwo auf der iberischen Halbinsel haben. Der großartigste mir bekannte Fado (und es gibt verdammt viele großartige Fados) heißt "Rosa Enjeitada" von Maria Armanda.

cassiel hat gesagt…

@Austin

Fado? Na klar! Immer her damit... ;-)