Mittwoch, 7. Dezember 2011

Für die neue Woche 129: Osvaldo Fresedo, Roberto Ray - Niebla del riachuelo

Wieder einmal leicht verspätet stelle ich den Tango für die neue Woche ein. Ich habe es mir dieses Mal sehr leicht gemacht. Am Wochenende war ein bisher unbekanntes Tangopaar zu Besuch und ich habe die Tanguera einfach nach Ihrem Lieblingstango gefragt.

Etikett der Schellack (Quelle: deu.tango.info)
Niebla del riachuelo (manchmal auch: Nieblas del riachuelo Komposition: Juan Carlos Cobián Text: Enrique Cadícamo) beschreibt die wehmütige Erinnerung an eine vergangene Liebe mit dem Bild des Nebels über dem Fluss (den spanischen Text und eine englische Übersetzung findet man bei tangodc.com).

In der Aufnahme mit Osvaldo Fresedo und dem Sänger Roberto Ray hört man übrigens sehr deutlich die Harfe heraus. Die Komposition wirkt für meine Wahrnehmung erstaunlich frisch und modern, man könnte beinahe von polyphonen Strukturen in seinen Arrangements sprechen.

Fresedo kann mit einer über sechzig Jahre dauernden Karriere glänzen. Die Anfänge lagen wohl 1913 (genaue Informationen habe ich nicht gefunden). 1920 spielte er bereits mit dem Orquesta Típica Select (eine Aufnahme hatte ich hier schon einmal vorgestellt) und er beendete seine Karriere erst kurz vor seinem Tod - Anfang der 80er Jahre.

Osvaldo Fresedo (Gesang: Roberto Ray), eine Aufnahme vom 17. September 1937

Direkter Link zum Titel bei goear.com.

Vielleicht schreibe ich noch ein paar Worte zu den äußerst angenehmen Neuzugängen im Tango-Freundeskreis. Es funktioniert doch immer wieder und gleichzeitig erstaunt es mich auch jedes Mal. Da kam Besuch für drei Tage (wir hatten uns noch nie vorher gesehen oder gesprochen) und es war so, als ob alte Freunde vorbei gekommen sind.Auch das ist sehr reizvoll im Tango.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Start in die neue Woche.

11 Anmerkung(en):

Evaristo hat gesagt…

Definitiv einer meiner Lieblingstangos. Da würde es mir immer schwer fallen, am Rande der Tanzfläche bleiben zu müssen.
Die Harfe unterstreicht für mich das romantische Element in diesem Tango - wieso eigentlich Harfe ? - was hat die Harfe im Tangoorchester zu suchen ?

cassiel hat gesagt…

@Evaristo

Die Harfe hat Fresedo nur deshalb eingesetzt, damit seine Stücke leicht erkennt. :-)

Es gab häufiger Orchesterleiter, die jenseits der üblichen Instrumente auch auf andere Instrumente zurückgegriffen haben (Canaro und Lomuto beispielsweise Klarinetten und andere Blasinstrumente). Bei Fresedo war es eben die Harfe und das Vibraphon (ab und zu hört man bei ihm auch einen Akzent vom Schlagzeug; es wurde aber nie für einen durchgängigen Rhythmus verwendet, es waren immer nur spärlich gesetzte Glanzpunkte).

bird hat gesagt…

Mal eine Verständnisfrage.
Dieser Tango gespielt von:
Orquesta Tipica Fervor De B.A. auf der cd Quién Sos, ist das nun Goldenes Tangozeitalter oder eher modern, will sagen eine jüngere Einspielung ?
Und ich stimme Evaristo zu, ein sehr schöner, feiner Tango diese Einspielung von Osvaldo Fresedo mit Roberto Ray

cassiel hat gesagt…

Hallo bird,

also... Orquesta típica fervor de Bs As ist ein zeitgenössisches Orchester...

lg

c.

bird hat gesagt…

Danke cassiel,

also bei einer rein klassischen Milonga wäre eine Tanda mit diesem Orchester sozusagen schon die eine Ausnahme, die eine Tanda, die rein klassisch-gestimmte Tanguer@s, gerne bereit sind zu dulden ?

cassiel hat gesagt…

@bird

Ich denke, es ist keine dogmatische Frage, sondern eine Frage der Qualität. Höre Dir vielleicht abwechselnd Fresedo und Fervor (möglicherweise mehrmals) an. Dann wird ziemlich schnell deutlich, daß die moderne Einspielung im Vergleich zum Vorbild aus den 30ern sehr viel an Detailreichtum vermissen lässt.

Ich hatte hier schon einmal den direkten Vergleich einer EdO-Aufnahme mit einer zeitgenössischen Interpretation vorgestellt. Das ist leider sehr ernüchternd.

Theresa hat gesagt…

Speziell bei Fervor de Buenos Aires ist mein Problem, dass die Violinen schauderhaft intonieren. Obwohl sie den "Tango-Groove" ganz gut raushaben, tut es mir (und einigen anderen) einfach in den Ohren weh. Ich habe sie zuerst auf der Straße spielen gehört, es war Winter und vielleicht 5 Grad, da dachte ich, es läge an klammen Fingern. Aber auf der CD klingt es leider genauso.
Theresa

sweti hat gesagt…

@Theresa
"Obwohl sie den "Tango-Groove" ganz gut raushaben" – ja, für eine zeitgenössisches Orchester, stimmt die Aussage. Das "Tango-Groove" diese Kapelle hat aber mit Groove der Orchester der EdO nicht zu tun.

@bird
Auf eine traditionelle Milonga hat Fervor nichts zu suchen. Welche Notwendigkeit gibt es, unbedingt diese Gruppe auf eine Milonga aufzulegen? Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass die die Musik untanzbar (auch für nicht traditionelle Tänzer) ist.

esteban hat gesagt…

Interessant was Alberto Dassieu auf practimilonguero zu Fresedo und übrigens auch A.Gobbi zu sagen hat (Interview vom 21.July 2011). Die Harfe untertreicht doch deutlich die upperclass-attitude. Kaum vorstellbar, dass in einer populären Milonga in BA eine Harfe auf die Bühne gehieft wird ;-)

die polin hat gesagt…

hallo cassiel,
komme leider erst heute dazu, dir für die wunderschöne aufnahme zu danken. das ist für mich "tango in reinkultur", da stimmt einfach alles.

Kerstin hat gesagt…

Danke! Cassiel, für diesen schönen Tango, mit einem poetischen und vielschichtigen Text, dem die englische Übersetzung nicht ganz gerecht wird ( es ist auch SEHR schwer, Poesie zu übersetzen)! Das Dichten war vielleicht gesünder als das komponieren.... :-) - denn Cadicamo ist über 90 Jahre alt geworden.
Kerstin