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Dienstag, 27. September 2011

Tango & Tschäritie

Eigentlich hätte ich mir ja hier mit Glossen häufig genug den Mund verbrannt, aber diese Steilvorlage (eine Ankündigung eines Kriminaltangos als charity event), die heute in mein Postfach flatterte, reizt mich über alle Maßen, es noch einmal zu probieren...

Liebe Funktionäre vom bdk(*),

wer von Euch hat denn (um Himmels willen) bittschön diese Idee ausgebrütet? Das ist doch wohl nicht Euer Ernst! So, so! Ihr veranstaltet also einen Kriminaltango als Tschäritie-Iwänt. Das ist ja prinzipiell sehr löblich. Wir Tangotänzerinnen und -Tänzer hätten da allerdings so unsere erheblichen Zweifel, ob denn der Tango Argentino unbedingt als Deko für Eure Gala herhalten muss. Um genau zu sein: Es stört einige von uns gewaltig und das hat rein gar nichts mit Eurem Beruf zu tun; wohl eher mit den Rahmenbedingungen.

Donnerstag, 25. August 2011

Kampf dem Sommerloch - Der Schuh des Tangueros

In jüngster Zeit häufen sich die Stimmen, die hier "echte" Inhalte und Informationen zum Tango Argentino vermissen. Leider kann ich nicht auf Knopfdruck "echte" oder "wertvolle" Inhalte produzieren und so gibt es heue aus den Tiefen des Sommerlochs cat-content (cat-content ist eine Klassifizierung aus der Blogger-Szene; manchmal bloggt der Blogger über seine Katze... oder, wenn er keine Katze hat, über seine Schuhe). Nachdem mir neulich ein Forenteilnehmer inhaltliche Defizite vorgehalten hat und gleichzeitig einen Beitrag über das Schuheputzen anregte, greife ich seinen Vorschlag heute auf und schreibe zu meinen Schuhen... :-)

Nachdem es bislang ein Privileg der weiblichen Tango-Bloggerinnen war, über die eigenen Tango-Schuhe zu schreiben, breche ich heute das Tabu und schreibe aus männlicher Sicht über den Schuh des Tangueros, das unbekannte und wenig geliebte Wesen. Tangueras entwickeln zum Teil eine hingebungsvolle Liebe zu ihren Tango-Schuhen und jeder, der länger in Tango-Blogs stöbert, gerät früher oder später auf eine Seite, auf der eine Tanguera ihre Comme Il Fauts - manchmal auch liebvoll als CIFs abgekürzt - präsentiert (trotz anders lautender Gerüchte: Comme Il Faut produziert keine Tangoschuhe für Männer!). Diese hingebungsvolle Schuhleidenschaft teilen männliche Tangueros i.d.R. nicht.

Dienstag, 28. Juni 2011

Offener Brief an Bruno R.

Jetzt reicht's! Ich kann auch anders...

Werter Kollege Bruno R.,

bekanntlich bin ich ja ein sehr höflicher Mensch und so habe ich mich bereits vor Wochen vermittelnd auf tango-de versucht, aber nun drängt es mich doch zu schreiben. Deine Einlassungen in tango-de in den letzten Tagen haben für mein Empfinden das Fass zum Überlaufen gebracht.

Eingangs habe ich Dich als Kollegen angesprochen, aber bist Du das wirklich? Ich bemühe mich hier seit gut zwei Jahren die Daseinsform eines Bloggers zu erlangen und Du arbeitest kräftig daran, auf der (Vor-)Stufe des Blog-Befüllers zu verharren. Unter einem Blog-Befüller verstehe ich jemanden, der die technische Umgebung eines Blogs mit alphanumerischen Zeichen befüllt. Viel mehr ist bei Dir bislang noch nicht herausgekommen. Leider!

Donnerstag, 13. Mai 2010

Tangueros zum Abgewöhnen V: Kasimir, der Casanova

Neulich am Rande der Tanzfläche: Eine Tanguera (nennen wir sie einfach Eleonore) saß tapfer kerzengerade auf ihrem Stuhl und schaute einfach durch die tanzenden Paare durch. Es schien so, als wäre sie nicht wirklich anwesend. Ihr Gesicht verriet keinerlei emotionale Regung und der aufmerksame Beobachter konnte nur erahnen, was in ihr vorging... und dies auch nur, wenn er die Vorgeschichte mitbekommen hatte.

Ein paar Wochen zuvor war Eleonore noch die Favoritin von Kasimir und er tanzte fast ausschließlich mit ihr. Dann kam die nächste Tanguera und Eleonore musste zusehen, wie ihr die Gunst des Maestros kalt entzogen wurde. Aktuell steht... nennen wir sie... Kunigunde in der Gunst des Meisters.

Keine Frage, Kasimir ist ein guter Tangotänzer und das weiß er auch. Er hatte genügend Zeit und Gelegenheit seine Fertigkeiten zu perfektionieren. Kasimir ist offen, locker und meistens ein wenig zu laut. Er ist der Schwarm vieler Frauen. Wenn er in seinem sorgfältig komponierten Äußeren eine Milonga betritt, dann hat sein Erscheinen etwas Messianisches. Kasimir tritt in verschiedenen Outfits auf. Manchmal erscheint er im hellen Anzug, die Sonnenbrille im Haar; manchmal kommt er in extrem lässigen Sportklamotten und manchmal ist er fast unauffällig mit Jeans und T-Shirt. Viele Damen beobachten ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken. Und Kasimir hat lange trainiert, das scheinbar gelassen zu ignorieren. Beobachtet man ihn allerdings länger, dann fällt diese Rastlosigkeit auf. Permanent scannt er seine Umgebung und kontrolliert die Wahrnehmung seiner Person; das muss anstrengend sein. Aber er ist sich seiner Wirkung durchaus bewußt. Dementsprechend bewegt er sich auf der Tanzfläche: Seine Führung ist raumgreifend, effektvoll und kontrolliert. Ob sie nun immer genau zur Musik passt? Das ist kaum auszumachen. In ganz wenigen Augenblicken sieht man Kasimir ratlos während eines Tanzes. Es sind die Momente, in denen die Musik ein bewegungsloses Warten anbietet. Die bereits erwähnte Rastlosikeit führt dazu, daß Kasimir diese Pausen nicht aushalten kann.

Aber kommen wir noch einmal zu Kunigunde zurück. Kunigunde sitzt und hofft, seit Kasimir erschienen ist. Nachdem er seine joviale, professionell freundliche Begrüßungsrunde absoviert hat geht schließlich er mit ausgestreckter Hand auf sie zu und bitte zum Tanz. Er tanzt lange mit ihr. Und sie versinkt im Glück des Augenblicks; nicht wissend, daß dieses Glück mit einiger Wahrscheinlichkeit bald ein jähes Ende finden wird.

Vielleicht fragt sich nun mancher Tanguero, wie Kasimir es schafft, scheinbar mühelos die Gunst der Damen zu erobern. Ist es verbal oder sogar physisch gekonnt übergriffig? Aber das bleibt Kasimirs Geheimnis.

Eine etwas unangenehme Eigenschaft ist erwähnenswert: "Das Revierpinkeln". Wie ein Leitwolf beansprucht er die Alpha-Position in einer Gruppe. Tanzt ein Tanguero zu lange und zu innig mit einer Tanguera, so muß er diese unmittelbar anschließend auffordern und seine Rolle als Leitwolf verteidigen. So gesehen ist eine Milonga eben auch nur ein Zoo. Sein Umgang mit anderen Tangueros ist eher schwierig. Irgendwie vermittelt er sehr häufig den Eindruck, daß es ihm um einen wie auch immer gearteten abstrusen "Längenvergleich" geht. Das ist etwas mühsam.

Vielleicht müssen wir auch ein paar Archetypen von hoffenden und schließlich enttäuschten Tangueras aus seiner Vergangenheit beschreiben damit das Phänomen Kasimir greifbarer wird. Da wäre zunächst Frida, die Frustrierte: Sie hat nach ihrer Enttäuschung mit Kasimir dem Tango komplett und endgültig abgeschworen. Dann gibt es noch Wilma, die Wütende: In ihrer Denkwelt gibt es nichts mehr, was positiv an Kasimir wäre. Ihr Tango ist phasenweise etwas ehrgeiziger und hektischer geworden. Und schließlich blieb einzig Ina, die Indolente; seit Ewigkeiten ist sie, scheinbar vollkommen schmerzfrei, solidarisch mit Kasimir und hält zu ihm - hoffend, daß er eines Tages erkennt, sie ist die einzig wahre Freundin.

Gibt es Hoffnung für Kasimir? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Sicherlich hinterlässt die Jagd nach einem immer neuen Kick auch Spuren in der Seele. Gerade aus diesem Grunde wird das Agieren auch immer hektischer. Aber nun ist ein Tango-Soziotop kein schier unendlicher Ozean und irgendwann gibt es eine natürliche Grenze. Dann wird Kasimir hoffentlich den anderen, den stillen Tango kennenlernen. Vielleicht kann er einen Zugang finden.

Samstag, 14. November 2009

Und das nächste Mal...

... wenn ein DJ auf einer Milonga Somewhere Beyond the Sea in der Interpretation von Robbie Williams direkt nach einem (einzelnen) Pugliese auflegt, werde ich auffällig oder vielleicht sogar grob.

Gleiches gilt für den Abend an dem wieder einmal vollkommen schmerz- und merkbefreit sechs Non-Milongas in Folge aufgelegt werden.

Also noch einmal zum Mitschreiben: Das Auflegen in Tandas ist keine Macke von Traditionalisten oder irgendwelchen Tango-Spießern! Es ist viel mehr ein Akt der Höflichkeit gegenüber den Gästen einer Milonga. Und wenn ich bei bestimmten DJs schon beim Betreten der Milonga weiß, welche Einzeltitel an dem Abend mit Sicherheit gespielt werden (Annett Louisan, Kevin Johanson, Patricia Kaas usw.), dann sollte man vielleicht ein Wettbüro einrichten. Werde ich schon um den Tangogenuss gebracht, würde ich wenigstens reich. ;-)

Natürlich wird nichts davon passieren, aber so ab und zu darf ich ja zumindest in der anonymen Umgebung dieses Blogs meinem Ärger Luft machen.

Freitag, 13. November 2009

Tangueros zum Abgewöhnen IV: Timo, der Tai-Chi Tänzer

Er gehört zweifelsohne einer sehr kleinen Spezies an und die Eingruppierung dieser Gattung gestaltet sich äußerst schwierig. Manchmal tarnt sich Timo auch als Zacharias, der Zen Tänzer oder er tritt als Charlie, der Qi-Gong Tänzer auf. Letztlich erkennt man ihn aber immer.

Timo hat etwas mönchisch Strenges. Seine Bewegungen sind äußerst akkurat; es wirkt oft so, als würde er tagelang vor dem Spiegel nur den perfekten Bewegungsablauf einstudieren. Dieser asketisch durchtrainierte Bewegungsablauf wird vollkommen unaffällig durch die Wahl der adäquaten Bekleidung wirksam in Szene gesetzt. Timo kommt zur Milonga wie zum Kung-Fu Training. Eine fast gerade geschnittene Hose (vorzugsweise aus einer leicht glänzenden Kunstfaser... ähem... Entschuldigung: Eine Funktionstextilie natürlich), die unten dann doch etwas weiter wird - gerne geschmückt von martialisch wirkenden asiatischen Stickereien (hoch im Kurs sind Drachen in allen Variationen).

Der gestählte Oberkörper wird von einem maßgeschneiderten T-Shirt umhüllt. Hmmm... das Wort "umhüllt" ist irreführend, das T-Shirt zeigt mehr, als daß es etwas verhüllen würde. Die muskuläre Brust ist deutlich wahrnehmbar - kein Gramm Fett. Praktischerweise wird auch seine wichtigste erogene Zone, die männliche Brustwarze perfekt inszeniert.

Timo hat immer einen super-korrekten Haarschnitt (wahrscheinlich geht er jeden zweiten Tag beim Friseur vorbei) und er ist äußerst diszipliniert.

Das alles würde sich ja noch innerhalb der breit gesteckten Toleranzen einer Milonga bewegen, wenn er nicht jede Tanguera auf artistische Distanz halten würde. Als Beobachter fragt man sich, welche Frau müsste vorbeikommen, damit er seine strenge äußere Haltung einmal vergisst und einfach nur den Augenblick genießt. Gelegentlich schaut Timo auch seine aktuelle Tanguera einfach nur mißbilligend an; sie bewegt sich nicht exakt genug. Da wird es dann für mich als Außenstehenden sehr eng.

Aber bei Timo ist Heilung möglich. Er kann ohne größeren Aufwand das Etikett "Tanguero zum Abgewöhnen" ablegen. Er muß sich nur etwas entspannen und auf die liebevolle Toleranz großartiger Tangueras vertrauen. Sie nehmen ihn, wie alle übrigen Tangueros mit all ihren Macken an. Die Großmutter einer Bekannten sagte immer: "Der Herrgott hat einen großen Zoo". Und im Sinne dieses gelassen weisen Spruchs wird auch Timo eines Tages angenommen und befreit werden.

Ich möchte diesen Beitrag mit einem Augenzwinkern verstanden wissen. Ja, es ist eine Glosse. Sie soll aber keinesfalls verachtend oder vernichtend gemeint sein. So, diesen Beitrag habe ich auf Anregung von dem treuen Kommentator Austin verfasst; schließlich ist man ja sein Lesern etwas schuldig. ;-)
Nun aber ab nach Hause, Raubtier füttern, kochen, essen, duschen und dann zur Milonga. Schönes Wochenende!

Freitag, 18. September 2009

Nackter Tango - ein verbalisiertes Unbehagen

[Update 13. Januar 2011: Manche Neuauflagen bestimmter Ereignisse werfen ihre Schatten voraus und so ist die Diskussion zu diesem Beitrag nach über einem Jahr neu entbrannt. Eigentlich dachte ich, ich hätte deutlich gemacht, daß ich die Verwendung des Rotlicht-Milieus im damaligen Buenos Aires als Tango-Kulisse total unangebracht finde. Offensichtlich ist es mir nicht gelungen, das zu transportieren. Und so habe ich noch einmal gesondert zum Mythos des Tangos im Bordell geschrieben.]

Auf tango-de entwickelte sich in den letzten Tagen eine lebhaftere Diskussion (Folgebeiträge sind dann hier, hier und hier zu finden) zu einer Veranstaltung "Nackter Tango", die am kommenden Wochenende in Stuttgart stattfinden wird. Ich habe kein Problem damit, die Internetseite Nackter-Tango.de zu verlinken; ich muß nicht für meine Leserinnen und Leser Informationen filtern. Ob nun eine solche Veranstaltung stattfindet oder nicht, daß ist mir eigentlich relativ egal. Allergisch reagiere ich allerdings, wenn in irgendeiner Form (ausgesprochen oder unausgesprochen) dieser Veranstaltung das Etikett "authentisch" gegeben wird. Vielleicht hätte ich für diesen Eintrag auch die Überschrift: "Die nackte Authentizität oder die authentische Nacktheit" wählen sollen. ;-)

Das wirklich Unangenehme in diesem Kontext sind die schnell ausufernden Diskussionen (da gibt es ein eindrucksvolles Beispiel bei Patrick und bei Elbnymphe entwickelte sich hier und hier eine längere Diskussion. Auch in der Mailingliste tango-de wurde es schnell sehr robust. Also gut! Ich bin ja nun schon ein wenig Troll-erprobt und fürchte keine Diskussion.

Montag, 7. September 2009

Der Annett-Louisan-Aufleger - Eine Polemik

Jetzt habe ich einige Wochen überlegt, soll ich eine Polemmik schreiben? Oder soll ich eine ausgewogene Abhandlung über die verschiedenen Arten der musikalischen Gestaltung einer Milonga verfassen? Ich habe mich für die Polemik entschieden und veröffentliche sie unter meinem Pseudonym in der Rubrik Glosse. Es geht also bestimmt nicht gegen eine einzelne Person.
Merkwürdigerweise gibt es in der Tango-Blogosphäre seltsame Themencluster, die dann häufig gleichzeitig an die Oberfläche kommen. So berichtet Patrick beispielsweise auf seine unnachahmliche Art von einer Milongaerfahrung, bei der der DJ den Crossfader des Mischpultes intensiv bemühte und auch einige Stücke arg einkürzte. Pantina schreibt über das Milonga-Experiment und vergleicht Veranstaltungen mit sehr konservativer Musikauswahl mit äußerst hippen Alternativ-Milongas.


Es ist ist unfassbar! Man geht nichtsahnend am Abend auf eine Milonga und der Annett-Louisan-Aufleger steht am Mischpult! Na das kann ja heiter werden. Um es frei von Mißverständnissen zu formulieren: Annett Louisan macht bestimmt gute Musik! Diese Musik trifft nur nicht meinen Musikgeschmack und... mit Verlaub... im argentinischen Tango haben diese Nummern nichts verloren; na ja äußerst sparsam dosiert geht es vielleicht schon noch. Wir könnten diesen DJ-Typus auch den Katie-Melua-Aufleger nennen, es wäre nur ein anderes Etikett für das gleiche Phänomen.

Der Begriff Tanda-Struktur ist für Vertreter dieser DJ-Gattung ein Fremdwort. Da werden die (Pseudo-)Tangos vollkommen schmerzfrei in bliebiger Reihenfolge gemäß den persönlichen Präferenzen des DJs aneinander gereiht. Einer schlimmer als der Andere. Um einen kurzen Eindruck zu geben nenne ich jetzt einmal vollkommen willkürlich und spontan typische Stücke:
  • Die Katze (Annett Louisan)
  • Nine Million Bicycles (Katie Melua)
  • To tango the nephelis (Haris Alexiou)
  • Sur (Kevin Johanson)
  • Milonga sentimental (Otros Aires)
  • Goldfinger (Tina Turner)
  • Tango del mar (Quadro Nuevo)
  • ...
Die Liste ließe sich vermutlich beliebig verlängern. All diesen Stücken ist ein sehr klarer Rhythmus gemeinsam. Da kommt niemals Unsicherheit auf. Vielleicht ist das der wahre Grund? Bei vielen Tangostücken aus der goldenen Ära gibt es Phasen in denen sich das Tempo deutlich verlangsamt. Das Bandoneon weint melancholisch eine Note zu Ende. Der Takt scheint aufgehoben. Wie reagiert man beim Tanzen auf solche Musik. Man nimmt die Geschwindigkeit aus den Schritten und man darf auch einfach einmal stehen bleiben. Das ist eine Herausforderung. Komme ich mit einer Tanguera wirklich in den Moment der Regungslosigkeit, so bleibt von mir nichts außer meinen Gefühlen. Das muß sie aushalten und... das muß ich aushalten.

Will ich das nicht aushalten, dann lege ich rhythmisch klare Musik auf. Da kann ich bedenkenlos mit jeder Tanguera meine Runden drehen. Figuren, die mehrere Taktschläge benötigen kann ich jederzeit einbauen. Es geht um das Sportliche. Mich ödet diese Musik spätestens nach zwei Stunden an. Ich werde dann übel-launig und bevor es ganz schlimm wird, gehe ich nach Hause. In besonders hartnäckigen Fällen gehe ich erst gar nicht zur Milonga. Ich habe auch einige Versuche zur Missionierung unternommen. So habe ich einem exponierten Vertreter der Gattung Annett-Louisan-Aufleger einfach einmal eine CD gebrannt und mitgbracht. Das war ein netter Versuch, ihm andere Musik nahe zu bringen - allerdings blieb es im Versuchsstadium stecken. Einige Milongas später sagte er mir, er habe die CD gehört und die Musik sei ihm zu "traditionell". Da fehlen mir die Worte!

Umgekehrt versuche ich mich in derartige Menschen hineinzuversetzen und überlege mir, wie sie die traditionelle Musik auf einer Milonga empfinden. Das ist denen wahrscheinlich viel zu eng, zu rigide und außerdem spaßbefreit. Im Vergleich zu einer Milonga mit streng klassischer musikalischer Gestaltung ist vermutlich jede Beerdigung eine Vergnügungssteuer-pflichtige Veranstaltung. Sie können mit der traditionellen Musik genauso wenig anfangen, wie ich mit diesen Fahrstuhlmusiktangos, die vor lauter Weichspüler mir den Gehörgang verkleben.

Es geht so ein wenig in die Richtung, die ich in einem Kommentar bei Me Likey Tango gelesen habe:
"If it didn't move us, it wouldn't be tango."

An den Satz halte ich mich zukünftig noch strikter und werde um die Veranstaltungen der Annett-Louisan-Aufleger ein riesigen Bogen machen.

Gerne lese ich Anmerkungen, Ergänzungen und andere Ansichten in Kommentaren.

Donnerstag, 2. Juli 2009

(noch ein) Leserbrief

Hola Cassiel,

[...] Ich helfe bei einen Tangoclub als "Springer" aus, d.h. ich tanze in den Kursen mit Damen, die keinen Tanzpartner haben. Ich mache alle Kurse: ab Anfänger bis Fortgeschrittene (F3). Da ich relativ lange tanze, haben "meine Damen" ein leichtes Spiel - mit mir klappt (fast) jede Figur relativ einfach :)
Gestern Abend habe ich den F1 Kurs mit einer Dame abgeschlossen. Sie teilte mir nach dem Kurs mit, dass Sie nicht mehr mitmachen möchte, da sie angeblich mit keinem anderen außer mir tanzen kann. Es geht so weit, dass sie in Panik verfälllt, wenn wir in Kurs Partnertausch machen sollen. Auf meine Frage, wie nun bei der Milongas geht, antwortete sie, dass sie bis jetzt noch keine Milonga besucht habe. Nun war ich baff - sie hat mehr als einen Jahr Kurse besucht und ist nicht einmal zu einer Milonga gewesen... Ich denke manche Leute haben eine ganz schiefe Vorstellung, wie man Tango lernt. Nun weiß ich nicht, was ich denken soll - einerseits bin ich von mir enttäuscht, weil ich wahrscheinlich der arme Frau eine Illusion vermittelt habe. Anderseits sage ich mir, dass manche Leute nur eine Beschäftigung brauchen, sie hätte auch einen Joga-Kurs belegen können. [...]


Hmmm... zunächst bedanke ich mich erst einmal für die Zuschrift und dann frage ich mich, wie ich auf diese Schilderung reagiere. Nachdem ich die Genehmigung zur anonymen Veröffentlichung bekommen hatte, mußte ich erst einmal eine Nacht schlafen. Glücklicherweise gibt es im Blog die Rubrik Glosse. Das macht es etwas einfacher.



So ist es recht liebe Tangolehrer! Passend für Deutschland haben wir ein Kursprogramm für die Tango-Anfänger gestrickt. Anfängerkurse A1 bis A10 und Fortgeschrittenenkurse F1 - F10. Da kann ja nichts mehr schief gehen. Anfängerkurse werden so gestaltet, daß Tangoneulinge am Ende den "Grundschritt" und die Ochos tanzen können und notfalls Milonga-tauglich sind, aber eigentlich sollten sie brav weiter Kurse belegen. Damit sich Tangoschüler auf den Milongas nicht zu wohl fühlen tanzen Lehrerinnen und Lehrer nicht mit ihren Schülern auf Milongas; schließlich sind die Ärmsten ja noch Anfänger. Und... damit ihnen Enttäuschungen erspart bleiben, machen wir ihnen auch keinen Mut, zu Milongas zu gehen. Stattdessen gibt es noch einen Kurs, noch eine Figur und wir hämmern den Anfängern ein, daß Figuren wirklich wichtig sind. Kleine Linksdrehung, große Rechtsdrehung, Giros etc. etc.

Und die Tangoschüler zahlen brav. Und dann... irgendwann... geben sie auf. Na ja, Schwund gibt es eben immer!

[So! Bevor sich Aufregung und Hektik breit macht, betone ich noch einmal ausdrücklich: Dieser Beitrag erscheint in der Rubrik "Glosse".]

Donnerstag, 2. April 2009

Zur Abwechslung mal eine Provokation

Heute früh hatte ich ein kurzes E-Mail Hin-und-Her mit einer Tanguera, die ich sehr schätze. Da kann man schnell ein Lächeln per Datenfernübertragung übermitteln. Im Verlauf dieses kurzen Kontakes kam mir die Idee zu dem folgenden Beitrag.

Tangosüchtige als evolutionsbiologische Totalausfälle

Machen wir uns doch bitte nichts vor. Tangosüchtige sind eine evolutionäre Fehlentwicklung, die durch die Evolution selbst korrigiert wird. Diese emotionale Haltlosigkeit! Ständig auf der Jagd nach dem nächsten emotionalen Kick! Das kann ja nicht gutgehen...

Tangosüchtige haben aber keine Kapazitäten frei sich dauerhaft und stabil zu paaren um sich schlußendlich zu vermehren. Tangosüchtige haben im Optimalfall Kinder vor ihrer Tangokarriere - oder sie bleiben kinderlos. Das ist der Mechanismus der Evolution. So gesehen wird es sich demnächst mit dem Tango von selbst erledigen. ;-)

Andererseits!

Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Smalltalk auf irgendeiner Party mit einer Ärztin. Sie vertrat (ernsthaft!) die These, daß Linkshänder eine evolutionäre Fehlentwicklung sind. Kinder von Linkshänderinnen würden auf dem rechten Arm getragen (mit dem linken Arm wird gearbeitet). Damit wären sie weiter entfernt vom Herzschlag der Mutter. Dies führe dazu, daß Kinder von Linkshänderinnen schwächer sind. Eine interessante These! Aber bislang hat die Evolution diesen Mißstand noch nicht korrigiert. Schließlich ist der Autor dieser Zeilen ebenfalls ein Linkshänder (allerdings umerzogener).

So! Ich mußte den Gedanken eben loswerden. Ich hoffe, niemand nimmt es persönlich. Es ist nur eine Glosse!

Sonntag, 22. März 2009

Ewald, der Event-Fotograf - Eine Schmähschrift

Heute geht es um eine Begleiterscheinung vom Tango in Zeiten von Web 2.0. Leider ist immer häufiger zu beobachten, daß Fotografen von Web-Portalen Tangoveranstaltungen entdeckt haben und dort ein Blitzlichtfeuerwerk abfackeln, daß man meint, man wäre auf dem Bundespresseball und nicht auf einer Milonga.

Auf einer zugegebenermaßen nicht ganz leeren Tanzfläche war ich schwer beschäftigt, meine Tanzpartnerin sicher durch die Heere von Tanzpaaren zu führen und pötzlich stand Ewald im Weg. Ewald ist Event-Fotograf, er ist also im Auftrag eines regionalen Web-Portals unterwegs um die Highlights des sozialen Lebens einer Region in Bildern einzufangen. Im Zeitalter der Digitalfotografie kostet so etwas ja auch fast kein Geld mehr. Gut! Man muß eine Kamera haben. Aber die teure und langwierige Filmentwicklung ist weggefallen.

Mittlerweile sind Speicherchips einem dramatischen Preisverfall ausgesetzt, so kann man also einige Gigabyte in der Tasche haben und schon geht es los. Weil Bilder bekanntlich wirklich das Wichtigste auf der Welt sind, steht Ewald selbstverständlich auf der Tanzläche und hält sein Objektiv direkt auf die Gesichter der Tanzenden. Nun sind Milongas üblicherweise nicht mit Flutlicht beleuchtet. Das macht nichts, denn Ewald hat einen Monster-Blitz mitgebracht der es schon richten wird. Ewald ist so unauffällig wie ein Exhibitionist. Sollte jemals ein Kamerahersteller einen Preis für "kreative Kamerahaltung" ausloben, Ewald wäre in der Endauswahl.

Ewald zielt also mit seinem Monster-Objektiv direkt auf das Gesicht meiner Tanzpartnerin. Gott sei Dank kann ich noch eine schnelle Vierteldrehung einbauen und bringe einige Paare zwischen Ewalds Objektiv und dem Gesicht meiner Tanzpartnerin. Puh! Gerade noch einmal gutgegangen.

Spricht man Ewald direkt darauf an, erntet man Unverständnis. Er kommt nicht einmal auf die Idee, daß seine Bilder ein Intimitätsbruch sein könnten. Schließlich möchte jeder einmal schöne Bilder von sich beim Tango haben.

Nun denn! Wir werden wohl damit leben müssen, daß die Ewalds dieser Welt als moderne Reinkarnation eines apokalyptischen Reiters den Tango entdecken und mit ihren digitalen Spiegelreflexkameras und Super-Zooms (18-300mm Brennweite - wie praktisch, da reicht ein Objektiv für den ganzen Abend) auf die Jagd gehen.

Dienstag, 10. März 2009

Anamnesebogen zur Tangosucht

Nachdem hier im Blog in einem Kommentar neulich über die Anzeichen einer Tangosucht geschrieben wurde, habe ich mal im Internet recherchiert. Auf Tangomegusta.de bin ich tatsächlich fündig geworden. Das englische Original findet sich übrigens bei Del Tango, El Amor Y Otros Demonios. Für eine Veröffentlichung in diesem Blog habe ich die Geschichte etwas aufpoliert. Auf beide Quellvorlagen sei ausdrücklich und dankbar hingewiesen.

Vorläufiger Anamnesebogen zur Tangosucht

Liebe Patientin,
Lieber Patient,

nachdem die Tangosucht noch keinen offiziellen ICD-Schlüssel hat, überreicht Ihnen Ihr Arzt diesen vorläufigen Fragebogen Ihrer kassenärztlichen Vereinigung um die Möglichkeit einer Erkrankung an der Tangosucht abzuklären. Bitte gehen Sie die folgenden Fragen gewissenhaft durch. Führen Sie bitte eine Strichliste für Ihre Ja-Antworten.

  1. Empfinden Sie die Farbkombination schwarz-rot als angenehm?
  2. Haben Sie permanent Pfefferminzpastillen in der Jackentasche (Handtasche o.ä.)?
  3. Wünschen Sie sich, Spanisch zu können?
  4. Finden Sie das Reiseziel Buenos Aires attraktiv?
  5. Bringen Sie intuitiv im Alltag Knöchel und Knie ständig zusammen?
  6. Haben Sie ein Paar Tanzschuhe permanent im Auto?
  7. Hören Sie etwa Tangomusik auch außerhalb von Milongas und Practicas?
  8. Finden sich in Ihrem Musikarchiv mehr als 5 verschiedene Versionen von La Cumpasita?
  9. Haben Sie jemals am Arbeitsplatz im Internet nach Tango-Webseiten gesucht?
  10. Sind Sie jemals weiter als 200km für einen Tangoabend gefahren?
  11. Haben Sie jemals einen Einkaufswagen als imaginären Tangopartner genutzt?
  12. Suchen Sie vor einer Reise (egal ob beruflich oder privat) im Internet nach Tangoevents am Reiseziel?
  13. Planen Sie Ihr kümmerliches Privatleben so, daß es nicht mit Tangoabenden in Konflikt kommt?
  14. Haben Sie Entzugserscheinungen (nervöse Unruhe o.ä.) ohne mindestens einen Tangotag pro Woche?
  15. Haben Freunde von Ihnen jemals ernsthaft geplant, Sie für eine Woche zur Umprogrammierung zu kidnappen?
  16. Haben Sie nicht mehr länger Parties bei Ihnen zu Hause, sondern veranstalten Sie Milongas?
  17. Nehmen Sie etwa eigene Tango CDs zu Hochzeiten und Parties mit, um sicher zu gehen, daß Ihre Wünsche auch gespielt werden?
  18. Haben Sie jemals nachts an einem ungewöhnlichen Ort (leerer Parkplatz, im Urlaub am Strand unter Palmen usw.) Tango getanzt?
  19. Hängen an einem wichtigen Ort in Ihrer Wohnung Werbeflyer für Tangoevents?
Multiplizieren Sie nun bitte die Anzahl Ihrer Ja-Antworten mit der Anzahl der Tage, an denen Sie in den letzten 12 Wochen Tango getanzt haben.
(Beispiel: Alle zwei Wochen eine Milonga; das entspricht 6 multipliziert mit 5 Ja-Antworten => Testergebnis: 30 Punkte)


0 - 10 Punkte:
Herzlichen Glückwunsch! Sie sind bestimmt nicht von der Tangosucht befallen. Entspannen Sie sich. Aus statistischen Überlegungen folgt, daß Sie sich vermutlich auch nicht mit dieser Krankheit infizieren werden. Meiden Sie jedoch vorsorglich Räumlichkeiten, die abends von dunkel gekleideten Besuchern mit seltsamen Stoffbeuteln am Handgelenk aufgesucht werden. Hier besteht höchstes Infektionsrisiko.

11 - 30 Punkte:
Sie kennen den Tango entfernt, aber Sie haben ein gesundes soziales Umfeld. Sie finden Stricken und Ikebana sind auch adäquate Freizeitbeschäftigungen. Notfalls können Sie ja noch auf die Orchideenzucht umsteigen. Ein Tangoevent im Quartal gilt auch als unbedenklich. Tanzen Sie aber möglichst nur mit Ihrer Partnerin / ihrem Partner, das minimiert das Infektionsrisiko. Hören Sie bitte niemals daheim Musik von Piazzolla; nehmen Sie die Möglichkeit einer Erkrankung an der Tangosucht nicht auf die leichter Schulter.

31 - 200 Punkte:
In Ihrem Fall muß von einer alarmierend hohen Wahrscheinlichkeit einer akuten Infektion mit der Tangosucht ausgegangen werden. Es gilt nun differenzialdiagnostisch abzuklären, ob bei Ihnen schon von einem chronischen Verlauf gesprochen werden muß. Der Behandlungsplan sieht vor, daß Ihr Musikprogramm daheim auf James Last, Richard Clayderman und Julio Iglesias umgestellt wird (CDs gibts auf Krankenschein). Befolgen Sie bitte genau die Anweisungen Ihres Arztes. Aber, sind wir realistisch, Ihre Prognose sieht äußerst düster aus.

201 Punkte und mehr
Leider zeigt das Testergebnis, daß bei Ihnen die Krankheit bereits chronische und damit irreversible Züge angenommen hat. Da ist nun nichts mehr zu machen. Vielleicht verkaufen Sie Ihr Hab und Gut und übersiedeln nach Buenos Aires. Dort lebt es sich leichter mit dieser Krankheit. Wie? Sie haben Bedenken wg. Ihrer Freunde? Sind wir ehrlich! Sie haben keine Freunde mehr. Jedenfalls keine, die nicht ebenfalls tangosüchtig sind. Die Tangosüchtigen werden Sie natürlich in Buenos Aires besuchen kommen.

Freitag, 6. März 2009

Abgedroschene "Weisheiten" über den Tango I


Tango is the vertical expression of a horizontal desire.
[Tango ist der vertikale Ausdruck eines horizontalen Begehrens.]

Meine Güte! Wie furchtbar und wie lebensfremd ist dieser Spruch! Ich habe keine Ahnung, wer der Urheber dieser intellektuellen Straftat ist, aber es stimmt nicht.

Aber betrachten wir das einmal mit Ruhe und Abstand. Vielleicht ist es dazu erforderlich, zwei Fälle zu unterscheiden. Die erste Möglichkeit wäre, das Objekt des Begehrens ist die aktuelle Tanzpartnerin / der aktuelle Tanzpartner. Welch eine Mißachtung von Grenzen. Eine Milonga wäre demnach eine Sammelbecken für triebstau-beeinträchtigte Menschen, die nur eine Gelegenheit suchen, diesen Stau abzubauen. Die feinen und leisen Zwischentöne würden komplett negiert und der Mensch auf seine evolutionäre Funktion reduziert. Das kann es doch nicht sein! Stünde tatsächlich ein gesteigertes sexuelles Interesse beim Tango im Vordergrund, so wäre ziemlich schnell Schicht mit dem Leisen, dem Einfühlsamen und der Melancholie.

Bliebe noch eine zweite Möglichkeit: Das Objekt des Begehrens ist nicht die aktuelle Tanzpartnerin / der aktuelle Tanzpartner. Welch eine unglaubliche Unverschämtheit! Man tanzt vertraut mit einem Menschen und die Phantasien wandern komplett woanders hin.

Viel mehr muß ich zu dieser angeblichen Weisheit wohl nicht schreiben.

Tangueros zum Abgewöhnen III: Grimbald, der Grobmotoriker

Vielleicht vorab eine Bemerkung: Mir ist durchaus bewußt, daß die Serie "Tangueros zum Abgewöhnen" eine freche Pöbelei ist. Im echten Leben käme das (zumindest bei mir) nicht vor. Hier in der Anonymität des Netzes erlaube ich mir, ein paar Gedanken zu veröffentlichen, das tut den Vorlagen für meine Charakterstudien nicht weh. Sie wissen ja nicht einmal davon.

Letztens wieder einmal... ich tanze friedlich auf einer Milonga und plötzlich passiert es. Ich habe einen Mörder-Stöckel in der Ferse - genau da, wo es richtig weh tut. Aber: Zähne zusammenbeißen und durch. Ein Entschuldigung oder Sorry höre ich auch nicht. Unauffällig drehe ich mich und meine Partnerin und erblicke Grimbald. Dacht' ich's mir doch!

Es ist fast ein wenig gemein, aber wenn Grimbald unterwegs ist, dann versuche ich möglichst viele Quadratmeter zwischen ihn und mich zu bringen. Grimbald hat leider eine angeborene Begabung, wortlos seine aktuelle Tanzpartnerin immer wieder in ein anderes Tanzpaar hineinzuschieben. Und Grimbald nimmt seit zwei Jahren Einzelstunden. Das ist wirklich tragisch und da darf man dann auch nicht schimpfen.

Weh tut es trotzdem!

Können wir Grimbald etwas wünschen? Hmmm... Er nimmt ja schon Unterricht. Vermutlich bleibt nur der eine Ausweg: Abstand! Schade! Manchmal beeinträchtigt so ein Tanguero den ungetrübten Tangogenuss schon sehr.

So, nun mache ich eine Pause in der Serie "Tangueros zum Abgewöhnen". Ich mußte es mir einmal von der Seele schreiben. Jetzt reicht es wieder für einige Zeit.

Dienstag, 3. März 2009

Auch das noch... Boris Becker beim Tango

Die online-Herberge für Zocker, Pockerstars.de warb schon im letzten Jahr mit Boris Becker für ihre Dienste. Natürlich wissen wir alle nicht, wer den perfiden Plan ausgeheckt hat, Boris B. in dem Werbespot ausgerechnet Tango tanzen zu lassen. Hier soll aber der Spot nicht vorenthalten werden.

Und für den Fall, daß nichts sichtbar ist, gibt es hier den Link zum Video bei YouTube.
Wahrscheinlich handelt es sich um einen ganz subtilen Beitrag zum Kampf gegen den Männermangel beim Tango. ;-)

Nur mal so gefragt: Was machen wir eigentlich, wenn nun Heerscharen von online-Pokerspielern die Milongas bevölkern?

Vielleicht Spieltische aufstellen?

;-)

Montag, 2. März 2009

Vollkommen gaga!

Ich sitze noch immer im Büro und warte darauf, daß mein lahmer Computer endlich die Datensicherung überspielt hat. Zeit für ein wenig Surfen im Netz!

Was ich nun letztendlich an Wahrheit aus dem Netz der Netze gezogen habe ist von zweifelhafter Relevanz. Es geht um die Frage, ob der Tango eine Kunstform ist oder nicht. Genauer: Ist eine Tangolehrerin eine Künstlerin im Sinne des Sozialgesetzbuches oder nicht.

Den erstaunten Leserinnen und Lesern dieses Blogs sei ein Satz aus einer Entscheidung des Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2006 präsentiert:

[...] Daraus folgt, dass der Argentinische Tango zum Bereich des Sports (Freizeitsport, Breitensport, Turniertanzsport) zählt, weil er in Sportverbänden organisiert ist und wettkampfmäßig ausgeführt werden kann. Er unterscheidet sich insoweit nicht von vielen anderen Tanzdisziplinen, bei denen es Turniere und Meisterschaften gibt. [...]
Aha!

Die ganze Entscheidung gibt es hier zum Nachlesen. Tja, da gehen wir doch lieber zur nächsten Milonga... oder?

Donnerstag, 26. Februar 2009

Tangueros zum Abgewöhnen II: Dieter, der Distanzlose

Neulich bei der Milonga: Ich betrete den Saal, entrichte meinen Eintritt (den man wohl als Beitrag zur Miete des Raumes betrachten muß) und bestelle mir gleich anschließend ein großes Mineralwasser. Schon habe ich eine Faust im Bauch (nicht wirklich heftig, aber doch eben auch nicht das, was man eine herzliche Begrüßung nennt). Erschrocken drehe ich mich um etwa 90 Grad im Uhrzeigersinn und schaue direkt in das Gesicht von Dieter. Der Schmollmund und der Dackelblick. Na Mahlzeit! Das kann ja heiter werden! Durch mein Gehirn wandern flink die verschiedenen Handlungsoptionen. Zurückboxen? Nein, ich schlage keine Tiere. Anschreien? , das kann es nun auch nicht sein. Sachlich erklären, daß er doch bitte etwas mehr Abstand halten soll? Die Worte wären vergebens. Ich entscheide mich für einen Satz, der so ähnlich klingt wie: "Auch ich grüße Dich". Doch bevor ich ihn aussprechen kann ist Dieter schon weiter und begrüßt eine Tanguera. Ob Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit... die "Küsschen links - Küsschen rechts" Nummer läuft so ab, daß die Dame einige widernatürliche Verrenkungen vollführen muß, um nicht einen Kuss direkt auf die Lippen zu bekommen. Jetzt wird es langsam ärgerlich! Ich überlege mir, ob ich Dieter mal diskret zur Seite nehme und ihm ein paar Takte sage. Das würde allerdings deutlich gegen das Höflichkeitsgebot beim Tango verstoßen. Also gibt es hier nun einen offenen Brief.
Mensch Dieter,
mach' Dich doch bitte nicht zum Affen. Es schmerzt wirklich, Dich anzusehen. Dein kugelrundes Bäuchlein (ist ja nicht wirklich schlimm, aber ein paar Weißbier weniger und alles wäre gut), Dein Jack-Wolfskin Fleecepullover, Dein Gehampel und Deine Distanzlosigkeit fallen auf. Hast Du schon einmal den Satz gehört: "Weniger ist mehr"? Nein? Das merkt man. Nur weil wir die gleiche Leidenschaft (i.e. Tango) teilen, heißt das noch lange nicht, daß ich unbedingt Dein Freund sein will. Ich kann sehr gut entspannen, wenn Du ebenfalls beim Tango bist. Aber komm' mir doch bitte nicht zu nahe.
Und... Ja, es stimmt, der Mann führt beim Tango. Aber die Frau bestimmt in der Frage von "Distanz und Nähe". Was das heißt? Nun, nicht jede Frau möchte in Deiner Umarmung wie in einem Schraubstock gefangen sein. Und nicht jede Frau sehnt sich danach, von Dir zur Begrüßung feucht abgeschlabbert zu werden. So einfach ist das! Schau' Dich doch bitte einmal ein wenig im Internet um. Da gibt es kilobyteweise Beiträge über die besondere emotionale Situation der Milonga. Die Nerven liegen etwas schutzloser da als im restlichen Leben. Wehmut und Erinnerungen kommen unwillkürlich hoch.
Wenn dann ein Tanguero wie ein Panzerkreuzer daher kommt, dann stört das ungemein. Vielleicht trainierst Du mal, etwas sensibler und leiser zu werden. Das ist gar nicht so schwer. Du wirst ganz schnell merken, daß ein solches Verhalten von den Damen sehr geschätzt wird. Und dann... irgendwann... kommen sie freiwillig in Deine Umarmung.

So einfach ist das!
Nachtrag: Dieter hat es dann doch nicht verstanden. Gestern mußte ich etwas sagen und eigentlich ist das schade. Er hat mich gezwungen, gegen mein selbstauferlegtes Höflichkeitsgebot beim Tango zu verstoßen. Das nehme ich ihm schon ein wenig übel.

Natürlich heißt Dieter im echten Leben nicht Dieter. Der Name wurde hier frei erfunden.

Samstag, 14. Februar 2009

Tangueros zum Abgewöhnen I: Edgar, der Ehrgeizige

Fast jede Tangoszene hat ihren Edgar(*) und er ist äußerst lästig. Edgar tanzt seit so einem Jahr Tango und verbringt sehr viel Zeit damit, den Tango zu lernen und das nur mit seinem Verstand. Edgar ist Single - frisch verlassen von seiner letzten Freundin, hat er nun den Tango entdeckt und das gründlich. Es ist nicht bekannt, ob Edgar den Tango deshalb so fanatisch zu lernen versucht, um möglichst schnell wieder eine Freundin zu bekommen oder ob es einen anderen Grund gibt. Jedenfalls nervt er.

Wenn in einer Practica eine Schrittfolge vorgeführt wird, steht Edgar schon am Rande der Tanzfläche und übt die Schritte damit er den Damen nachher zeigen kann, wie es richtig getanzt wird. Selbstverständlich lehnt Edgar die alten knisternden Tangoaufnahmen ab: "Die sind qualitativ so schlecht, daß es in den Ohren wehtut". Edgar hat kaum ein Gespür für die Musik. Seine Fortschritte beim Erlernen neuer Figuren sind allerdings beeindruckend. Er hat viel Zeit und die verbringt er gerne damit, bei YouTube didaktische Kurzvideos anzuschauen (solchen Leuten sollte ein offizielles DSL-Verbot erteilt werden). Das gelernte setzt er dann auf der nächsten Milonga mit einer Frau um. Am Rande der Tanzfläche erklärt er wortreich und lautstark, wie der "getoastet Boleo mit Zick-Zack Gancho" richtig getanzt wird. Betrachtet man Edgar beim Tanzen, dann erinnert man sich unwillkürlich an das olympische Motto: "Schneller, höher, weiter". In einen rasanten Tempo jagt er in Riesenschritten über die Tanzfläche und das unabhängig von der Musik und den Fähigkeiten seiner aktuellen Tanzpartnerin.

Das alles wäre ja noch erträglich. Richtig unangenehm wird es dann, wenn eine Frau seine Erklärungen nicht versteht oder aber seiner Führung nicht sofort folgen kann. Dann wird es unappetitlich. Edgar verliert die Nerven und das gerne auch geräuschvoll. Er schimpft, ist unzufrieden und glaubt fest daran, wenn er den Druck auf die Dame nur hoch genug schraubt, wird sie schon reagieren. Auf die Idee, daß es an ihm liegen könnte, kommt er überhaupt nicht.

Selbstverständlich hat Edgar ein Tangozimmer in seiner Wohnung. Väterlich lädt er (vor allem) die hübschen und jungen Anfängerinnen zu sich ein und lässt sie an seinem Tangowissen antizipieren. Angesprochen auf dieses Tangozimmer erklärt er lächelnd: "Dann muß ich nicht immer alles auf den Milongas erklären... ".

Und Edgar vergleicht sich gerne mit anderen Tangotänzern. Er kommentiert jeden Tangotänzer der Szene mit akribischen Sprüchen. Und keiner kann es gut genug.

Wir alle wünschen Edgar natürlich nur das Beste und ein wenig mehr entspannte Gelassenheit. Aber ab und an dürfen auch wir einmal sagen: "Edgar, Du nervst ungemein!"

(*) Natürlich tritt Edgar auch unter anderem Namen auf. Erkennbar ist er allerdings sofort.