Meine hoch geschätzte Blogger-Kollegin Elbnymphe war mal wieder
schwer investigativ unterwegs und hat eine
Corset-Tango Veranstaltung auf einer
Erotik-Messe und deren Rezeption durch einen bekannten schrägen Vogel ausgegraben (ich erspare es mir, den ganzen Schrott hier noch einmal zu verlinken - für weitere Nachweise bitte Elbnymphes Artikel lesen).
Erotik-Messe? Welch ein
Euphemismus... aber dazu später mehr. Prinzipiell soll ja jede / jeder nach ihrer / seiner Façon glücklich werden. Ich will aber nicht alles wahrnehmen müssen. Nachdem aber das Thema
Tango und Sex in jüngster Zeit derartig massiv
von allen Seiten einschlägt, muß ich wohl oder übel noch einmal dazu schreiben.
Vielleicht werden mir nun Teile meiner Leserschaft Prüderie vorwerfen und ich habe wenige Argumente, diesen Vorwurf zu entkräften. Aber sei's drum, dieser
Hype um das Thema "Sex" regt mich langsam gewaltig auf. So ist also die Tendenz der
Sexualisierung des allgemeinen Lebens auch im Tango angekommen.
Aber lehnen wir uns einmal entspannt zurück und betrachten die ganze Geschichte in Ruhe. Im Gegensatz zu den Tieren kennt der Mensch die
Erotik, die im ursprünglichen Wortsinn die geistige Affinität (im Gegensatz zur ungebremsten körperlichen Attraktivität) bezeichnet. Es geht (mit anderen Worten) um die Distanz zwischen den Geschlechtern (manchmal auch innerhalb der gleichen Hälfte der Bevölkerung) im alltäglichen Umgang. Es ist also die Handhabung des Alltags zwischen potentiellen Fortpflanzungs- bzw. Sexualpartnern - oder es ist eine weitere Instanz der bekannten Frage nach
Distanz und Nähe. Welcher Reichtum sich in den verschiedenen Spielarten der Erotik in den unterschiedlichsten Kulturen der Welt entwickelt hat, das muß ich ja nicht weiter erwähnen (man denke vielleicht exemplarisch an das "Hohelied Salomos" in der alttestamentarisch-jüdischen Tradition, die persischen Märchen, das Kamasutra usw. usw.).
Ich will ja hier gar nicht leugnen, daß es eine erotische Komponente im Tango Argentino gibt. Deutlich machen möchte ich allerdings, daß ich den Begriff Erotik in der ursprünglichen, abendländisch-tradierten Weise benutze. Es geht um die Andeutung, die Möglichkeit, die Wagheit. Da ist für mein Verständnis kein Platz für das Plakative. Die erwähnte
Sex-Messe lässt dieses reichhaltige Spiel von Nähe und Distanz einfach aus - unnötiges Vorspiel. Mit Vollgas geht es gleich zur Sache. Und damit auch keine Mißverständnisse aufkommen werden allerlei Prothesen zur Erektionsherbeiführung vorgestellt. Wer das mag, der möge sich dort tummeln. Meines Erachtens versperren solche Umgebungen den Zugang zum Tango. Und da kann man noch so viel über
Authentizität fabulieren.
Wenn es also eine erotische Komponente im Tango gibt, so ist trotzdem anzunehmen, daß das Thema
Tango und Sex ein Widerspruch in sich ist. Lebt denn nicht der Tango Argentino von der Andeutung, von der Möglichkeit oder von der Wagheit? Muß wirklich alles entsprechend plakativ auf das zwingende Resultat
Beischlaf deuten? Brauchen wir diese ganzen Prothesen? Muß ich denn wirklich ein Korsett, einen extrem kurzen Rock, Mörder-High-Heels, Strapse, Netzstrümpfe usw. usw. wahrnehmen? Ich denke, das braucht es nicht.
Und jetzt werde ich ketzerisch und behaupte: Der echte Tango Argentino kann nur dann funktionieren, wenn die Grenzen zwar nach hinten verschoben, aber dennoch da sind. Wie sollen sich denn bitte zwei fremde Menschen in ihren jeweiligen Lebenskontexten angstfrei auf einen gemeinsamen (möglicherweise in dichter Umarmung stattfindenden) Tango einlassen können, wenn nicht als unausgesprochener Grundkonsens die Achtung der Grenzen der beteiligten Individuen vorgegeben ist? Eben!
Man kann toben, schreien oder sich trommelnd auf den Boden werfen, wir leben in unsere Gesellschaft seit ein paar Jahren (also so etwa seit
Platon, 427 - 347 v. Chr. - maßgeblich vielleicht sein Werk:
Symposion) in einer definierten und überwiegend monogam organisierten Gesellschaftsform. Nachdem ein Protest bei den Ahnen wirkungslos verhallen wird, bleibt entweder der Ausweg, sich in diese Lebensform einzufinden, oder aber in einen Kulturkreis zu übersiedeln, der polygam strukturiert ist.
So, nun bin ich meinen Leserinnen und Lesern noch die eingangs angekündigte Begründung, warum der Begriff
Erotik-Messe für mich ein Euphemismus ist schuldig. Ich denke
Sex-Messe oder
Fachmesse für Prothesen zur Befeuerung der Libido wäre eine adäquateres Etikett. Wer's mag... bitte sehr! Ich will es nicht wahrnehmen müssen!
Und...
Señor Tango Desnudo alias Promisc, ich gönne Dir ja Deine Titel durch die Du Dich offenbar unglaublich geschmeichelt fühlst. Ich für meinen Teil lebe ganz glücklich als androgynes Wesen, das nicht permanent über den nächsten F*** nachdenken muß (Sorry für die Wortwahl, aber manchmal muß man verbal drastisch werden).
Merke: Es gibt Körperteile, die sind von der Evolution nicht primär für die Erledigung emotional (über-)lebens-strategischer intellektueller Entscheidungen bestimmt. ;-)