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Donnerstag, 7. Mai 2015

Von der scheinbaren Unmöglichkeit die eigene Entwicklung im Tango vorherzusehen…

No, I cannot teach you the feeling, nobody can teach you the feeling…
Carlos Gavito (1942 - 2005) in einem YouTube-Video (etwa ab 3:38)

Nobody can teach you feelings…
Ricardo Vidort (1929 - 2006) in einem YouTube-Video (ab etwa: 2:02)

Neulich habe ich an einem Workshop teilgenommen, in dem es noch einmal um die absoluten Grundlagen ging. Zum wiederholten Male wurde das Gehen analysiert und ich habe mich anfänglich bei dem hochmütigen Gedanken ertappt: „Gehen? Das habe ich nun doch wirklich häufig genug gelernt.“ Minuten später habe ich erkannt, ich habe es wohl immer noch nötig, gezeigt zu bekommen, wie man „richtig“ geht.

Freitag, 30. Januar 2015

Der Tango innerhalb und außerhalb der Milonga und die Spieltheorie

Ich habe viel nachgedacht und nun versuche ich einmal, meine Überlegungen in einem Artikel schriftlich zu fixieren. Bevor es aber losgeht gibt es hier eine eindringliche Warnung: Der folgende Text hat den Status „Work in progress“; es sind Überlegungen, die vielleicht sogar auf den ersten Blick sehr wenig mit dem Tango zu tun haben. Leserinnen und Leser, die schnelle Lektüre und eine hohe Faktendichte erwarten, werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit enttäuscht sein. Deswegen meine ausdrückliche Warnung vorab: Wer sich nicht auf ungewöhnliche, höchst subjektive Gedanken einlassen kann oder will, wer nicht etwas nachdenken möchte und wer es nicht aushält, dass dieser Artikel in letzter Konsequenz keine Antworten gibt, sondern im Optimalfall nur neue Fragen produziert, der sollte einfach auf die Lektüre verzichten. Allen anderen versuche ich meine Gedanken einmal aufzuzeigen und bin gespannt, welche Reaktionen, andere Ansichten und weiterführenden Gedanken, ich in Anmerkungen vielleicht noch lesen werde.

Vorbemerkungen

Im Zusammenhang mit meinem vorletzten Blogpost (einige Gedanken zum Jahreswechsel) habe ich noch einmal in dem wunderbaren Podcast alternativlos.org von Frank Rieger und Fefe gestöbert. Es ging um die Frage, wie sich die Kommentarkultur im Internet gewandelt hat. Der Podcast Alternativlos behandelt in unregelmäßig erscheinenden Ausgaben gesellschaftliche Phänomene und die beiden Autoren unterhalten sich jeweils mit einem Gast über ein entsprechendes Thema. Ich will jetzt nicht auf die Erkenntnisse zum Wandel der Diskussionskultur im Internet näher eingehen (Interessierte können sich die Folge 31 zu diesem Thema anhören). In diesem Zusammenhang fiel mir dann auch die Folge 29 mit dem Gast Frank Schirrmacher zum Thema Weltbildmanipulation auf. Ich lud mir die knapp 2 ¾ Stunden lange Folge herunter und hörte sie in der letzten Woche während der Hin- und Rückfahrt zu einem etwas entfernter gelegenen Tangokurs. Ganz grundsätzlich finde ich die Auseinandersetzung mit neuen, möglicherweise zunächst auch eher unhandlichen, Gedanken immer spannend. Und dann erlebte ich in der Folgezeit den Verlauf der Diskussion zum letzten Gastbeitrag: Fotografieren im Tango. Ich hatte aber im Hinterkopf den Gedanken der Entscheidungs- bzw. Spieltheorie aus der Unterhaltung von Frank Rieger und FeFe mit Frank Schirrmacher, dem leider sehr früh im letzten Jahr verstorbenen Leiter des Feuilletons und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Sonntag, 29. Dezember 2013

Bis hierher und weiter...

Ich sitze wieder einmal vor dem Rechner - wild entschlossen, diesen Artikel fertigzustellen, nicht zu kritisch mit mir selbst zu sein und ihn anschließend zu veröffentlichen...

"Bis hierher und so nicht weiter", das war die ursprüngliche Version der Überschrift für diesen Beitrag. Nachdem es hier aber gute Nachrichten geben soll, habe ich die Überschrift dann doch umformuliert. Ich habe mich eigentlich im letzten Jahr konsequent an einen Punkt geschrieben, an dem ich dann doch einmal über meinen Tangobegriff schreiben muss und mich damit der Gefahr aussetze, erneut als Wahrheitseigentümer, als arroganter Traditionalist etc. etikettieren lassen zu müssen. Dabei bin ich eigentlich ein sehr friedfertiger Mensch. Und so kam es, dass ich eine längere Pause des Reflektierens und Nachdenkens gebraucht habe.

Samstag, 11. Februar 2012

Der 3. Tangoblog-Geburtstag: Und wieder ist es einmal so weit...

Natürlich habe ich mich in letzter Zeit nicht mit Ruhm bekleckert (was dieses Blog betrifft), aber zum dritten Tangoblog-Geburtstag am letzten Mittwoch schreibe ich dann doch.

Heute möchte ich versuchen, meine Gedanken der letzten Wochen bzw. Monate zusammenzufassen und transparent zu machen. Ich brauchte eine Aus-Zeit um mir über mein Verhältnis zum Tango (genauer gesagt: mein Verhältnis zu dem, was z. T. als Tango angeboten wird) klar zu werden. Es begann schleichend und es war kaum bemerkbar; bereits im letzten Sommer hatte ich versucht, meine Überlegungen in dem Beitrag zum umarmungs- bzw. bewegungsfokussierten Tango zu skizzieren. Meine Gedanken tauchten immer wieder zwischen den Zeilen in den folgenden Wochen auf und ich habe sehr wohl wahrgenommen, daß dies Teilen meiner Leserschaft überhaupt nicht gefallen hat. In öffentlichen und privaten Reaktionen wurde mir - mehr oder weniger deutlich ausgesprochen - ein Dogmatismus oder Fundamentalismus vorgehalten. Ich habe diese Äußerungen erst einmal sehr ernst genommen und länger darüber nachgedacht.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Besitzstandswahrung

Nachdem mein Beitrag über den wundervollen Tango von Tanturi und Castillo vom Montag so überhaupt nicht kommentiert wurde, darf ich ja vielleicht einmal wieder zu einem abstrakteren Thema schreiben...

Vor meinem geistigen Auge tauchen schon die Kommentare zu diesem Beitrag auf: "Thema verfehlt", oder zumindest: "Zu weit hergeholt"; so oder ähnlich wird es vermutlich zu lesen sein. Ich habe in den letzten Tagen sehr intensiv die Diskussion um den sog. Staatstrojaner verfolgt und in der Diskussion (die mir übrigens nicht weit genug ging) wurde die Ohnmacht der Verantwortlichen deutlich, oder aber der teilweise äußerst bizarre Versuch unternommen, die Vorgänge zu verharmlosen.

Freitag, 15. Juli 2011

Der Tango und die Relativität

Am vorletzten Wochenende sagte die mir liebste Tanguera von allen plötzlich, sie müsse mir etwas vorlesen, es hätte sie sehr berührt und sie las mir den folgenden Absatz aus ihrer aktuellen Lektüre vor:

"Ich habe mir hier die Hände gewaschen", sagte der Vater einmal. "War das erlaubt?" "Ja, das ist dein Haus und dein Waschbecken." Er schaute mich erstaunt an, lächelte verlegen und sagte: "Meine Güte, hoffentlich vergesse ich das nicht wieder!" Das ist Demenz. Oder besser gesagt: Das ist das Leben - der Stoff aus dem das Leben gemacht ist.

Alzheimer ist eine Krankheit, die, wie jeder bedeutende Gegenstand, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an de Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.
Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes.
Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.
[Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, Hanser - München 2011.]

Dienstag, 24. Mai 2011

Die Tango-Krise - der Versuch das "Monster" zu beschreiben

Bevor ich über Figuren (d.h. Sequenzen von Schritten) nachdenke, will ich mein Gehen korrigieren,

bevor ich über das Gehen nachdenke, will ich meine Umarmung und meine Gewichtswechsel korrigieren,

bevor ich über die Umarmung nachdenke, will ich meine Haltung und die Achse korrigieren

und bevor ich über meine Haltung nachdenke, stelle ich mir einmal grundsätzlich die Frage: "Warum eigentlich Tango?"


Und... über Musikalität habe ich jetzt noch gar nicht gesprochen.

Irgendwann muss ich meine Sprache ja wiederfinden und dieser Text ist jetzt ein erneuter Versuch. Die Zeilen oben sind eine Zusammenfassung meiner Gedanken der letzten Zeit.

Anfang des Jahres habe ich einen Kurs bei Melina Sedó und Detlef Engel besucht. Ich arbeite noch bis jetzt an der Umsetzung ihrer Konzepte. Das ist für mich guter (im Sinne von: nachhaltiger) Unterricht. Meine Defizite in meiner bisherigen Tango-Karriere sind mir noch einmal bewußter geworden und das Loslassen bekannter Bewegungsmuster und das Ersetzen dieser fehlerhaften Motorik durch angenehmere Bewegungsabläufe braucht seine Zeit.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Gibt es eigentlich so etwas wie "Bildung" im Tango?

Ich war vor einigen Tagen bei einem Vortrag mit dem Titel "Bildung in schweren Zeiten" und das Thema hat mich dann nicht mehr losgelassen. Wenn ich mich einmal mit einem Thema intensiver auseinandersetze, dann kommt früher oder später der Moment, in dem ich derartige Gedanken in den Tango übertrage. Da kommen dann für mich immer ganz erstaunliche Erkenntnisse zu Tage; manchmal vielleicht auch ein wenig ungewöhnliche... Als Blogger habe ich den unschätzbaren Vorteil, daß ich solche Gedanken einmal versuchsweise in meinem Blog ausprobieren kann und ab und zu verirrt sich eine Leserin oder ein Leser auf meine Seiten und schreibt womöglich etwas dazu.

Dienstag, 23. November 2010

Aus der Mittagspause...

... melde ich mich mit einem kurzen Beitrag und gebe meine Fragen, die mich seit gestern abend beschäftigen, einfach einmal weiter und stelle sie zur Diskussion.

Nachmittags rief ein Freund an, der abends kurz eine Frage mit mir durchdiskutieren wollte. So etwas macht ja immer Spaß und wir gingen schließlich zum Griechen und redeten bei irgendeinem gegrillten Gemüse und Tomatenreis weiter. Solche Gespräche erweitern den Horizont enorm und dieser Freund ist einer der wenigen Nicht-Tangeuros in meinem privaten Umfeld - deshalb gibt es da eine gewisse Form von Bestandsschutz. ;-) Wir waren zwar mit dem Essen bereits fertig, saßen aber noch bei den Getränken, als ein Bekannter, den ich in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren hatte plötzlich auf dem Handy anrief. Er liegt in der Onkologie im örtlichen Klinikum und es sieht gar nicht gut aus. So etwas macht mich dann immer sehr nachdenklich und ich hoffe, ich finde morgen eine Stunde Zeit, um ihn zu besuchen.

Warum ich diese Vorgeschichte überhaupt erwähne? Ich möchte meine gedankliche und emotionale Ausgangsposition für die folgende Situation transparent machen.


Als wir so gegen 9 Uhr heimgingen entschieden wir uns dann doch noch spontan zu einem Achtel Wein in einem Café am Weg. Wir redeten und plötzlich betrat ein Tanguero, der so vor zwei Jahren den Tango plötzlich an den Nagel gehängt hat, eben dieses Café. Er holte sich ein Bier und wir kamen ins Gespräch.

Samstag, 29. Mai 2010

Vom schönen Tango und vom schnöden Mammon...

An diesem Thema habe ich mich nun häufiger versucht. Es wollte nicht so einfach in die Tastatur fließen und auch nach mehreren Versuchen der schriftlichen Fixierung fühle ich mich immer noch nicht wohl. Ich schreibe einmal im Vertrauen darauf, daß der alte Satz von Heinrich von Kleist Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden zutrifft.

OK! Ich mache mich einmal unbeliebt! Wir reden heute über Geld. Wir reden nicht über das große Geld, die Wirtschaftskrise u.a. wir reden über Geld im Tango. So, so! Es soll doch bitte etwas genauer sein? Also gut: Ich beobachte manchmal in Tangokontexten ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Geld. Auf der einen Seite findet sich ein Enthusiasmus und die Bereitschaft ohne Entlohnung zu Arbeiten und auf der anderen Seite sehe ich Profis oder Halbprofis, die vom Tango nicht leben können bzw. so gerade über die Runden kommen. Und eine dritte Gruppe mogelt sich so irgendwie durch. Sicherlich kann man nun einen wirtschaftsliberalen Standpunkt annehmen und behaupten, es ist die Privatsache der einzelnen Beteiligten und wenn eine Wenige den Dreh heraugefunden haben, wie man mit dem Tango Geld verdient, dann ist das in Ordnung. Wenn einige Veranstalter kommerziell nicht erfolgreich sind, dann ist es eben ihr Problem.

Freitag, 30. April 2010

Heute nur eine kurze banale Weisheit zum Wochenende...

Ich habe diese Woche in einem Gespräch über die Kunst des Wartens nachgedacht. Dabei fiel mir auf, daß "art" ein Bestandteil von
Warten
ist.

;-)

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich ein schönes Wochenende und erfüllte Tandas!

Montag, 26. April 2010

Der erste Brunch im TangoBlog: Von Taxitänzern und dem "Mitleid"

So ein Blog ist eine prima Sache! Es ermöglicht auch einmal ein spielerisches Experimentieren mit einem Thema, mit einer Darstellungsform. Mich hat die jüngste Diskussion um die Taxitänzer nicht losgelasssen und auch das Thema Auffordern aus "Mitleid" (ebenfalls im Rahmen der Diskussion um die Taxitänzer) reizt mich zu einer Stellungnahme. Nun sind meine Gedanken zu diesen beiden Stichworten alles andere als endgültig - und so stelle ich einmal Fragmente und einzelne Gedanken hier ein. Es ist so wie bei einem gemütlichen Brunch: Man kann ohne Druck und Zielvorgabe einmal Gedanken "laut" denken und ausprobieren... Der erste Brunch im Tango Blog behandelt das Thema Taxitänzer und das "Mitleid". Wenn dieser Pilotbeitrag auf ein gewisse Resonanz stösst, dann können weitere Beiträge in der Reihe folgen.

Mittwoch, 14. April 2010

... und zur Abwechslung einmal etwas Abgedrehtes...

Ein Dauerthema in meinen Überlegungen ist u.a. die Frage, inwieweit sich z.B. Bloggen und Tangotanzen gegenseitig beeinflussen, oder anders formuliert: Wieviel Reflexion des eigenen Agierens ist notwendig und wann wird es kontraproduktiv oder gar schädlich.

Montag, 1. Februar 2010

Tango und Religion - Fragmente

Für den Tango existiert kein Volk als abstrakte Einheit oder als Ideal.
Der Tango kennt nur den Menschen aus Fleisch und Blut.

José Gobello


Als Blogger hat man ja so seine technischen Helferlein, die einem kleine Informationsschnipsel aus dem Netz in das Postfach spülen. So erreichte mich die Nachricht von Querelen in einem Ort in Südostanatolien namens Batman (Nomen est omen?) um einen Tangokurs. Und natürlich gibt es auch gleich die üblichen Diskussionen mit verhärteten Standpunkten und hinlänglich bekannten stereotypen Klischees (hier oder hier).

Und dann war ich gestern zu einer Milonga in der Aula einer Klosterschule. Der Raum war teilweise romanisch (ohne da Experte zu sein würde ich so auf das 12. Jahrhundert tippen) und es war ein ganz besonderes Erlebnis, in einer Umgebung gefühlter, fast plastischer abendländischer Geschichte mit allen Irrungen und Wirrungen zu tanzen. Eine Ordensschwester kam nachher beim Aufräumen vorbei und gestand, sie hätte durch den Vorhang gespäht und wäre tief beeindruckt gewesen. Ihr hat wohl die Versunkenheit der Paare und die leise Musik sehr gefallen. Aber das Verhältnis der katholischen Kirche zum Tango war nicht immer so entspannt. Wikipedia berichtet von einem Verbot seitens Papst Pius X. um 1900 (eine andere Quelle schreibt dieses Verbot Papst Benedikt dem XV. 1915 zu). Das scheint sich nun mittlerweile deutlich entspannt zu haben.

Aus den beiden beinahe beliebigen Informationspartikeln wird deutlich wie unterschiedlich die Begegnung Tango und Religion ausfallen kann.

Aber neben der Rezeption des Tangos durch religöse Kreise gibt es auch einen zweiten Aspekt: Die Affinität von Religion zum Tango.

Sonntag, 10. Januar 2010

Das "Testament" von Pedro Alberto "Tete" Rusconi

Sonntagvormittag: Ich sitze auf meinem Sofa und draußen schneit es. Der rieselnde Schnee absorbiert alle Geräusche einer Stadt. Aus den Lautsprechern tönt Tu, el cielo y tu (Carlos di Sarli, Alberto Podestá); ein Tango mit einem Text, der mir diese Tage sehr nahe geht. Diese Woche war es dann doch etwas zu viel Tod im Tango. Über Tango-L kamen die Nachrichten, daß Pedro Alberto "Tete" Rusconi und Osvaldo Zotto verstorben sind und in meinem privaten Umfeld erreichte mich die Nachricht vom viel zu frühen Tod einer Tanguera.
Ich bin nicht besonders begabt irgendwelche tröstlichen oder gar würdigende Worte zu formulieren, aber drüben bei Tango Chamuyo fand ich den Ausschnitt eines Briefes, den Tete anlässlich seines Geburtstages vor vier Jahren auf den Milongas verteilte.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Irgendwie Weihnachten

Schreibt ein Tango-Blogger zu Weihnachten? Es ließen sich bestimmt eine Reihe von Argumenten für und wider finden. Letztlich habe ich mich dann doch entschlossen zu schreiben. Ich sitze und höre Tango (Horacio Salgán und Edmundo Rivero). Der Hund schläft mit seinem neuen Spielzeug unter der Pfote. Später gibt es dann noch ein Abendessen. Mir ist neulich eine Legende in zwei Versionen untergekommen und die möchte ich allen Leserinnen und Lesern, die heute abend allein sind schreiben. Nun bin ich nicht besonders fromm, aber trotzdem hat mich die Erzählung berührt und ich finde auch, daß die Geschichte etwas mit Tango zu tun hat. Es gibt die Legende in einer buddhistischen und in einer christlichen Version. Das finde ich spannend. Wahrscheinlich ist die Entstehung nicht zu klären und es wird auch niemals herauskommen, wer da von wem abgeschrieben hat; das ist auch egal. Wenn es aber diese Erzählung in zwei Kulturkreisen gibt, dann spricht einiges dafür, daß es um eine Grundfrage der Menschheit geht. Aber vielleicht jetzt die Legenden:

Sonntag, 1. November 2009

Und schon wieder ein Leser(innen)brief...

Leserin S. hat geschrieben. Und sie hat ausdrücklich darum gebeten hat, ihre Zuschrift nicht (auch nicht in Teilen) zu veröffentlichen, jetzt wird es ein wenig schwierig, etwas dazu zu schreiben. Ich probiere es trotzdem.

Es ging um die Schwächen, um die Sehnsucht, um eigene Begrenztheit und um die Verletzlichkeit. Ganz am Rande ging es ja schon im letzten Beitrag um dieses Thema.

Ich habe in meinem Archiv einen wunderschönen Text der die unerfüllte Sehnsucht bzw. die Suche nach Geborgenheit sehr gut beschreibt. Für mich ist der Tango manchmal die Sehnsucht nach diesem uneingeschränkten Annehmen eines Menschen bzw. die Sehnsucht nach dem Gefühl des Angenommenseins und weil das wohl so radikal nicht geht, bleibt es eben eine Sehnsucht. Beim Tango kann man versuchen - zumindest für eine kurze Zeit - mit einem anderen Menschen dieses Gefühl der emotionalen Heimat zu teilen.
In die Lichtblicke deiner Hoffnung
und in die Schatten deiner Angst,
in die Enttäuschungen deines Lebens
und in das Geschenk deines Zutrauens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Dunkel deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Wohlwollens
und in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Spiel deiner Gefühle
und in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens
und in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In die Fülle deiner Aufgaben
und in deine leere Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten
und in die Grenzen deiner Begabungen
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Gelingen deiner Gespräche
und in die Langeweile deines Betens,
in die Freude deines Erfolges
und in den Schmerz deines Versagens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Glück deiner Begegnungen
und in die Wunden deiner Sehnsucht,
in das Wunder deiner Zuneigung
und in das Leid deiner Ablehnung
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In die Enge deines Alltags
und in die Weite deiner Träume,
in die Schwachstellen deiner Treue
und in die Kraft deines Herzens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
Ja, der Text ist religiös motivert (es ist eine Variation über die Selbstbeschreibung des alttestamentarischen Gottes - wer es genau wissen will: Exodus 3, 4-14 - eine Quelle kann ich für dieses Zitat leider nicht liefern). Und das führt dann zu der Frage, ob Tango eine Religion ist. Irgendwo habe ich dazu auch schon einmal etwas in einem Blog gelesen. Nach meiner Überzeugung ist Tango keine Religion. Aber Religion und Tango berühren ähnliche Grundbedürfnisse des Menschen. Vielleicht lässt es sich als Suche nach Liebe beschreiben. Ich kann sehr gut damit leben, daß manche Menschen in Tangokontexten auf diese emotionale Tiefe nicht einlassen können oder wollen. Das bleibt jedem selbst überlassen. Manchmal kann es einen allerdings weiterbringen, wenn man auch solche, möglicherweise angstbesetzten emotionalen Gefilde besucht. ;-)

Und weil es hier um einen emotional ganz sensiblen Bereich einer Leserin geht, aktiviere ich vorübergehend die Kommentarmoderation. Ich bitte um Verständnis. Bevor es hier dann doch irgendwann zu meditativ und spirituell wird, werde ich demnächst mal wieder eine zünftige polemische Glosse verfassen - versprochen.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Zwischenruf: Erotik vs. Sex im Tango Argentino

Meine hoch geschätzte Blogger-Kollegin Elbnymphe war mal wieder schwer investigativ unterwegs und hat eine Corset-Tango Veranstaltung auf einer Erotik-Messe und deren Rezeption durch einen bekannten schrägen Vogel ausgegraben (ich erspare es mir, den ganzen Schrott hier noch einmal zu verlinken - für weitere Nachweise bitte Elbnymphes Artikel lesen). Erotik-Messe? Welch ein Euphemismus... aber dazu später mehr. Prinzipiell soll ja jede / jeder nach ihrer / seiner Façon glücklich werden. Ich will aber nicht alles wahrnehmen müssen. Nachdem aber das Thema Tango und Sex in jüngster Zeit derartig massiv von allen Seiten einschlägt, muß ich wohl oder übel noch einmal dazu schreiben.

Vielleicht werden mir nun Teile meiner Leserschaft Prüderie vorwerfen und ich habe wenige Argumente, diesen Vorwurf zu entkräften. Aber sei's drum, dieser Hype um das Thema "Sex" regt mich langsam gewaltig auf. So ist also die Tendenz der Sexualisierung des allgemeinen Lebens auch im Tango angekommen.

Aber lehnen wir uns einmal entspannt zurück und betrachten die ganze Geschichte in Ruhe. Im Gegensatz zu den Tieren kennt der Mensch die Erotik, die im ursprünglichen Wortsinn die geistige Affinität (im Gegensatz zur ungebremsten körperlichen Attraktivität) bezeichnet. Es geht (mit anderen Worten) um die Distanz zwischen den Geschlechtern (manchmal auch innerhalb der gleichen Hälfte der Bevölkerung) im alltäglichen Umgang. Es ist also die Handhabung des Alltags zwischen potentiellen Fortpflanzungs- bzw. Sexualpartnern - oder es ist eine weitere Instanz der bekannten Frage nach Distanz und Nähe. Welcher Reichtum sich in den verschiedenen Spielarten der Erotik in den unterschiedlichsten Kulturen der Welt entwickelt hat, das muß ich ja nicht weiter erwähnen (man denke vielleicht exemplarisch an das "Hohelied Salomos" in der alttestamentarisch-jüdischen Tradition, die persischen Märchen, das Kamasutra usw. usw.).

Ich will ja hier gar nicht leugnen, daß es eine erotische Komponente im Tango Argentino gibt. Deutlich machen möchte ich allerdings, daß ich den Begriff Erotik in der ursprünglichen, abendländisch-tradierten Weise benutze. Es geht um die Andeutung, die Möglichkeit, die Wagheit. Da ist für mein Verständnis kein Platz für das Plakative. Die erwähnte Sex-Messe lässt dieses reichhaltige Spiel von Nähe und Distanz einfach aus - unnötiges Vorspiel. Mit Vollgas geht es gleich zur Sache. Und damit auch keine Mißverständnisse aufkommen werden allerlei Prothesen zur Erektionsherbeiführung vorgestellt. Wer das mag, der möge sich dort tummeln. Meines Erachtens versperren solche Umgebungen den Zugang zum Tango. Und da kann man noch so viel über Authentizität fabulieren.

Wenn es also eine erotische Komponente im Tango gibt, so ist trotzdem anzunehmen, daß das Thema Tango und Sex ein Widerspruch in sich ist. Lebt denn nicht der Tango Argentino von der Andeutung, von der Möglichkeit oder von der Wagheit? Muß wirklich alles entsprechend plakativ auf das zwingende Resultat Beischlaf deuten? Brauchen wir diese ganzen Prothesen? Muß ich denn wirklich ein Korsett, einen extrem kurzen Rock, Mörder-High-Heels, Strapse, Netzstrümpfe usw. usw. wahrnehmen? Ich denke, das braucht es nicht.

Und jetzt werde ich ketzerisch und behaupte: Der echte Tango Argentino kann nur dann funktionieren, wenn die Grenzen zwar nach hinten verschoben, aber dennoch da sind. Wie sollen sich denn bitte zwei fremde Menschen in ihren jeweiligen Lebenskontexten angstfrei auf einen gemeinsamen (möglicherweise in dichter Umarmung stattfindenden) Tango einlassen können, wenn nicht als unausgesprochener Grundkonsens die Achtung der Grenzen der beteiligten Individuen vorgegeben ist? Eben!

Man kann toben, schreien oder sich trommelnd auf den Boden werfen, wir leben in unsere Gesellschaft seit ein paar Jahren (also so etwa seit Platon, 427 - 347 v. Chr. - maßgeblich vielleicht sein Werk: Symposion) in einer definierten und überwiegend monogam organisierten Gesellschaftsform. Nachdem ein Protest bei den Ahnen wirkungslos verhallen wird, bleibt entweder der Ausweg, sich in diese Lebensform einzufinden, oder aber in einen Kulturkreis zu übersiedeln, der polygam strukturiert ist.

So, nun bin ich meinen Leserinnen und Lesern noch die eingangs angekündigte Begründung, warum der Begriff Erotik-Messe für mich ein Euphemismus ist schuldig. Ich denke Sex-Messe oder Fachmesse für Prothesen zur Befeuerung der Libido wäre eine adäquateres Etikett. Wer's mag... bitte sehr! Ich will es nicht wahrnehmen müssen!

Und... Señor Tango Desnudo alias Promisc, ich gönne Dir ja Deine Titel durch die Du Dich offenbar unglaublich geschmeichelt fühlst. Ich für meinen Teil lebe ganz glücklich als androgynes Wesen, das nicht permanent über den nächsten F*** nachdenken muß (Sorry für die Wortwahl, aber manchmal muß man verbal drastisch werden).

Merke: Es gibt Körperteile, die sind von der Evolution nicht primär für die Erledigung emotional (über-)lebens-strategischer intellektueller Entscheidungen bestimmt. ;-)

Freitag, 28. August 2009

Carlos Gavito - Noch ein Spruch zum Tango

Irgendwie gehen mir die beiden Kommentare des Lesers, der momentan in Buenos Aires weilt, nicht aus dem Kopf. Bevor das Wochenende kommt (ich darf nachher noch zum Tango) möchte ich doch vielleicht noch ein Tango-Zitat veröffentlichen. Ja, es ist von einem Milonguero und er war Argentinier. Insofern stimmt es vielleicht nicht so ganz, daß sich der typisch argentinische Milonguero keine tieferen Gedanken macht. Möglicherweise äußert er sie ja nur nicht? Inhaltlich bewegt sich dieses Zitat in eine ähnliche Richtung, wie die bereits erwähnten Worte von Jaimes Friedgen... insofern darf man mir zu Recht Redundanz vorhalten. Aber manchmal müssen bestimmte Weisheiten wohl häufiger mit anderen Worten wiederholt werden. ;-)


Das Wichtigste ist es zu wissen, warum wir tanzen wollen. Wir tanzen die Einsamkeit in uns, die wir durch nichts kompensieren können. Diese Lücke, in deren Leere wir Bewegung bringen, ist der Tango.
The important thing is to know why we want to dance. We dance a solitude that we have inside us and cannot occupy with anything. This gap, that emptiness to which we put movement is the tango.
Lo importante es saber para qué queremos bailar. Bailamos una soledad que tenemos dentro de nosotros y no la podemos ocupar con nada. Ese vacío al que le ponemos movimiento es el tango.
Carlos Gavito (1942 -2005) zitiert nach La potranca
englische Übersetung Tango Commuter
[deutsche Übersetzung ergänzt]


Mittwoch, 19. August 2009

Der Tango und die vier Spiegelgesetze

Zwei Ereignisse dieses Tages lassen mich noch schnell einen Beitrag schreiben. Zunächst war da erst einmal der Artikel vom Blogger Kollegen Patrick. Er schrieb in der ihm eigenen augenzwinkernden Art zum Thema: Ablehnende Frauen und stinkende Männer und rezensierte einen Blog-Eintrag von Angelina Tanguera mit einem Kommentar von Arlene. Der zweite Grund war ein Kommentar von der Kollegin Elbnymphe, die als Reaktion auf einen Beitrag von mir vorschlug, die vier Spiegelgesetze nicht in einem Kommentar zu verstecken, sondern einen eigenen Artikel zu schreiben. Diesem Wunsch komme ich hiermit gerne nach.

  1. Spiegelgesetz
    Alles, was mich am anderen stört, ärgert, aufregt oder in Wut geraten lässt und ich anders haben will, habe ich selbst in mir.
    Alles, was ich am anderen kritisiere oder sogar bekämpfe und verändern will, kritisiere, bekämpfe oder unterdrücke ich in Wahrheit in mir und hätte es gerne anders.

    In den Tango-Kontext übersetzt:
    Negative Gefühle einem Tanguero / einer Tanguera gegenüber können darauf zurückzuführen sein, daß ich etwas in mir habe, was ich ablehne und es deshalb heftig bei einem anderen Menschen beim Tango ablehene. Es ist nämlich leichter, unangenehme Wesenszüge bei anderen (anstatt bei mir selbst) zu kritisieren.

  2. Spiegelgesetz
    Alles, was der andere an mir kritisiert, bekämpft und verändern will und ich mich deswegen verletzt fühle, so betrifft es mich - ist dies in mir noch nicht erlöst, meine gegenwärtige Persönlichkeit fühlt sich beleidigt - der Egoismus ist noch stark.

    In den Tango-Kontext übersetzt:
    Verletzt mich eine Kritik von einem Mitmenschen beim Tango, dann ist zu vermuten, daß seine Kritik möglicherweise berechtigt ist. Ich fühle mich ertappt und rege mich vielleicht deshalb so auf.

  3. Spiegelgesetz
    Alles, was der andere an mir kritisiert und mir vorwirft oder anders haben will und bekämpft und mich dies nicht berührt, ist es sein eigenes Bild, sein eigener Charakter, seine eigenen Unzulänglichkeiten, die er auf mich projiziert.

    In den Tango-Kontext übersetzt:
    Berührt mich eine von außen an mich herangetragene ablehnende Haltung, eine Kritik beim Tango nicht, kann ich sie also einfach so stehen lassen, dann darf ich davon ausgehen, daß dieser Mitmensch ein Problem hat, das er auf mich projeziert. Dieses darf ich dann freundlich bei ihm lassen. Es ist sein Problem - nicht meines.

  4. Spiegelgesetz
    Alles, was mir am anderen gefällt, was ich an ihm liebe, bin ich selbst, habe ich selbst in mir und liebe dies im anderen. ich erkenne mich selbst im anderen - in diesen Angelegenheiten sind wir eins.

    Das muß ich nun wohl nicht in den Tango-Kontext übersetzen.


Und nun übernehme ich diese Spiegelgesetze in meinen Tango:
Weigert sich eine Tanguera, sich von mir auffordern zu lassen, so liegt es wohl kaum an Äußerlichkeiten (ich dusche unmittelbar vor jeder Milonga und ziehe immer frische Kleidung an). Vielleicht gibt es etwas in meinem Wesen, was ihr nicht gefällt. Das ist ihr gutes Recht. Umgekehrt kommt das ja schließlich auch manchmal (selten) vor, daß ich aus irgendwelchen Gründen mit einer Tanguera nicht tanzen mag. Weil ich den argentinischen Weg des Aufforderns wähle (el cabeceo), bemerkt niemand etwas. Wir beide bleiben unverletzt.

Ich nehme den berechtigten Teil ihres Unbehagens zu mir und den unberechtigten Teil lasse ich bei ihr. Und so lasse ich diese Inkompatibilität einfach stehen. Ich rege mich darüber nicht auf. Ich denke, mit dieser Haltung wird man immer zu schönen und erfüllenden Tandas gelangen.

Ungelöst bleibt das Problem der Tango-Trampeltiere...