Donnerstag, 5. Mai 2016

Sollte man vielleicht einmal über „Qualität“ im Tango nachdenken?

Da ich kein Vater bin, fiel der Vatertag für mich heute aus. Stattdessen habe ich einen Gedanken, der mich schon geraume Zeit beschäftigt, in Blogform formuliert.

Auch wenn ich immer zurückhaltender werde, Gedanken in Form von Artikeln hier zur Diskussion zu stellen, so reizt es mich doch seit einiger Zeit, die in der Überschrift formulierte Frage öffentlich zu erörtern.

Bei unserer gemeinsamen Leidenschaft, dem Tango Argentino, bewegt sich jeder von uns mit einem anderen Tempo auf seinem Weg. Das liegt m.E. in der Natur der Sache. Aber da gehe ich möglicherweise schon von einer Prämisse aus, die u.U. nicht von allen geteilt wird, nämlich, dass man eine Entwicklung sieht und verfolgt und sich somit bewegt. Es gibt aber wohl ebenso Menschen im Tango, denen „reicht“ das aus, was sie gelernt haben. Sie wollen oder können ihre Fähigkeiten und Künste nicht weiter verfeinern und eine solche Haltung ist in meinen Augen vollkommen legitim und zu respektieren. Wiederum Andere im Tango wollen (wie auch immer) „weiterkommen“; sie suchen nach Mitteln und Weg, ihren eigenen Tango zu vervollkommnen und nehmen dafür so manche Mühen in Kauf.

Bevor ich aber zu den einzelnen konkreten Beispielen für Qualität im Tango komme, möchte ich noch ein paar Vorbemerkungen zu diesem Qualitätsbegriff vorwegschicken. Es gilt m.E. zwei Fragen vorab für sich selbst zu beantworten. Zum einen ist da die Frage nach der eigenen, persönlichen Entwicklung im Tango. Gibt es ein „Besser”? Kann ich etwas für dieses „Besser“ tun, oder wird es sich mit genügend Übung bzw. Erfahrung irgendwann (gleichsam von selbst) einstellen? Zum anderen stellt sich natürlich auch die Frage nach „Qualitätsschwankungen“ (und deren möglichen Ursachen) im eignen momentanen Tango. Tanze ich immer auf dem exakt gleichen Niveau? Geht es manchmal besser, manchmal schlechter? Woran liegt es? An mir? An der Tanzpartnerin (oder dem Tanzpartner)? An den Mitmenschen in der Milonga? An der Musik? Am Raum?

Abhängig von den höchst individuellen Antworten auf die im letzten Absatz formulierten Fragen, könnte man in einem zweiten Schritt Bedingungen von Qualitäten und deren Steigerungen formulieren. Ich habe meine Überlegungen in vier Unterpunkte gegliedert und stelle diese einmal zur Diskussion.

Qualität in der Bewegung im Tango

Wenn über Qualität der Bewegung gesprochen wird, dann ist das zunächst so allgemein, dass man eine Vielzahl von möglichen Zielen formulieren kann. Es ist m.E. vollkommen in Ordnung, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Ziele im Tango haben. Es gibt Menschen, die offensichtlich der Außenwirkung ihres Tangos ein höheres Gewicht beimessen als dem Wohlfühlgefühl der jeweiligen Tanzpartnerin, des jeweiligen Tanzpartners. So kommt es mir zumindest manchmal in den Sinn, wenn ich am Rande der Tanzfläche sitze und einfach zuschaue. So gibt es z.B. die Siebelmeilenstiefel-Tänzer; für sie ist die raumgreifende Bewegung sehr wichtig, es gibt die AA-Tänzerinnen (AA = Auto Adornos) deren Füße niemals still stehen, es gibt die drehfreudigen Derwische und, und, und … Hier stellt sich für mein Empfinden die dringende Frage nach den eignen Zielen im Tango. Geht es um eine Position in der (virtuellen) Hierarchie einer Gruppe, geht es um den unmittelbaren Kontakt und die Kommunikation im Paar, geht es um das Erleben in der Gemeinschaft der Tänzerinnen und Tänzer einer Milonga?
Möglichkeiten für die Steigerung der Qualität gibt es zu genüge. Und es fängt bei der eigenen Haltung an. Bin ich bereit an meiner Körperhaltung (ggf. auch mit viel Aufwand) Korrekturen vorzunehmen? Nehme ich den Einfluss meiner Haltung auf einen gemeinsamen Tango mit einer Tanzpartnerin, einem Tanzpartner wahr? Habe ich eine Gefühl für meine Achse und für die Achse meines Gegenübers?

Qualität im Kontakt mit den anderen Tänzerinnen und Tänzern der Milonga

Denkt man über eine „Qualität“ im Verhältnis zu den Mitmenschen in der Milonga nach, dann wird es zumindest für mein Empfinden schon ein wenig abstrakter. Welchen Einfluss hat mein Verhalten auf meine Mitmenschen? Ist es überhaupt Teil meiner Rolle in der Milonga, mich darum zu kümmern? Ich denke, es gibt auch in diesem Themenkreis die Möglichkeit, die Qualität im Tango durch etwas Sorgfalt deutlich zu steigern. In meinen Vorstellungen ist es nämlich nicht mit Entrichten des Eintrittspreises getan. Ich kann rücksichtsvoll tanzen und mich den spezifischen Gegebenheiten der Milonga anpassen, oder ich lasse es eben bleiben und trage so ein Stück weit dazu bei, dass die Gruppe eine Ansammlung von Individuen mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Eigeninteressen bleibt. Dafür bin auch ich verantwortlich. Bewege ich mich beispielsweise innerhalb einer Ronda? Oder ist mir persönlich die Ronda nicht so wichtig? Kann ich mich in dieser Frage an den ausgesprochenen oder auch unausgesprochenen Wunsch des Veranstalters halten? Räume ich für die Cortina die Tanzfläche? Oder bleibe ich einfach stehen? Achte ich auf Dritte, wenn sie in die Ronda eintreten wollen? Achte ich auf andere, bereits Tanzende, wenn ich die Tanzfläche betrete? Ich denke in diesem Themenfeld sind die Sensibilitäten der jeweiligen Mitmenschen im Tango extrem unterschiedlich stark ausgeprägt und es kann manchmal eine echte Herausforderung sein, wie man mit den Mitmenschen interagiert. Ganz entfernt gehört auch sicherlich die Frage der Toleranz gegenüber Anfängern in diesen Absatz. Ich bemerke an mir beispielsweise, dass ich wesentlich konzilianter gegenüber offensichtlichen Anfängern bin. Rücksichtslose Fortgeschrittene nerven mich da schon erheblich mehr. Es bleibt eine Herausforderung für mich, da gelassen zu bleiben (das ist nämlich nach meinen Erfahrungen auch ganz wichtig: Eigenen Ärger vermeiden; Ärger ist i.d.R. äußerst schädlich für den eigenen Tango). Aber mittlerweile bin ich für mich dazu übergegangen, dass ich beim dritten „Treffer“ eines Tänzers laut und vernehmlich „Aua“ sage – aber das ist nur meine persönliche Strategie.

Qualität des Veranstaltungsortes

Es ist erstaunlich, wie sich meine Wahrnehmung mit den Jahren verändert hat. Bei den Fragen der Gestaltung des Raumes habe ich ganz langsam ausgeprägte Vorlieben entwickelt. Wie ist beispielsweise die Beschaffenheit des Bodens? An diesem Parameter kann leider kaum ein Veranstalter kurzfristig etwas ändern, aber es bleibt eine wichtige Frage. Bei zu harten Böden „bezahle“ ich drei Stunden Tango mit zwei Tagen Gelenkschmerzen. Natürlich ist nicht in jeder Milonga ein schwimmend verlegter Schwingboden anzutreffen, wenn es jedoch einen guten Boden gibt, dann nehme ich das inzwischen dankbar zur Kenntnis. Bei der Frage des Layouts der Tanzfläche habe ich auch über die Jahre ein Vorliebe entwickelt. Hat eine Veranstalterin, ein Veranstalter ein „perfektes“ Rechteck etabliert, möglicherweise mit genügend Eingängen zur Tanzfläche zur Stauvermeidung und im Idealfall (sofern der Raum dies zulässt) vielleicht noch einen Gang hinter (!) den Tischen und Stühlen am Rande der Tanzfläche (so ist niemand gezwungen „über“ die Tanzfläche von A nach B zu gehen), dann registriere ich das und diese einzelnen Kleinigkeiten sind inzwischen nach meiner Überzeugung Randbedingungen für qualitativ guten Tango. Und auch so scheinbar nebensächliche Dinge wie Blumenschmuck oder Kerzen sind kleine Bausteine um den Charakter einer Milonga zu signalisieren. Je mehr Liebe zum Detail da bei den Veranstaltern sichtbar wird, desto eher wird es von Besuchern registriert. Ich gebe aber gerne zu: Das sind meine subjektiven Vorlieben; andere Menschen mögen das anders sehen.
Und weil es gerade hierher gehört: Veranstalterinnen und Veranstalter sind eben nicht nur diejenigen, die das Eintrittsgeld einer Milonga einsammeln. Sie übernehmen das gesamte Risiko, sie sind meist Stunden vorher da und räumen anschließend auf, sie kümmern sich um die GEMA (hoffentlich) und leben ein Beispiel ihrer Vorstellung einer guten Milonga aktiv vor. Das sind nur ein paar Stichworte zu den meist versteckten Tätigkeiten von Veranstaltern.

Qualität der Musik im Tango und deren Wiedergabe

In der Frage der Qualität der Musikwiedergabe gibt es ebenfalls eine Komponente, die von dem jeweiligen Raum abhängig ist (sofern man auf eine ggf. fest installierte Anlage zurückgreift). Das kann man als Veranstalter bzw. DJ kaum oder nur mit größerem Aufwand ändern. Es gibt nach meinen Erfahrungen ungeeignete Pa-Systeme im Tango und vor allem ungünstige Lautsprecherpositionierungen. Das ist der statische, meist unabänderliche Teil der Situation. Aber auch die / der DJ hat eine Vielzahl an technischen und inhaltlichen Fallen, die auf sie / ihn warten. Ich denke, es ist erfreulicherweise mittlerweile allgemein anerkannt, dass komprimierte Audiodaten in der Milonga möglichst zu vermeiden sind (in einem wissenschaftlichen Paper –veröffentlicht 2012 – wurde nachgewiesen, dass es gravierende neurologische Effekte beim Hören von MP3s gibt; unabhängig von dem Umstand, dass ein Proband den Unterschied tatsächlich hört bzw. nicht hört). Aber auch die generelle Lautstärke, die harmonische Lautheit der Titel einer Tanda im Verhältnis zur Lautheit der anderen Titel, ein „geeignetes“ Frequenzspektrum der Wiedergabe, die Pause zwischen den einzelnen Titeln einer Tanda und die Pause zwischen Tanda und Cortina bieten genügend Stoff für die /den DJ um sich qualitativ zu verbessern.

Aber auch inhaltlich gibt es m.E. Fragen der Qualität der Musikauswahl. So beobachte ich z.T. zwei m.E. fatale Entwicklungen. Zum einen ist das zunehmend häufiger ein Schwund der Titel der 40er Jahre in der Milonga zu bemerken (es gibt leider eine größer werdende Anzahl von DJs, die nahtlos von einem überproportional hohen Anteil von Musik der 30er Jahre umstandslos in die späten 50er Jahre mit ihrer dramatischen Musik springen). Weiterhin meine ich wahrzunehmen, dass ebenfalls eine nicht unerhebliche Anzahl an DJs durchgehend energetischer auflegen. Da wird häufiger Energie-Tanda an Energie-Tanda gereiht und die etwas ruhigeren Orchester werden teilweise oder komplett ausgelassen. Wenn man aber das energetisch untere Drittel des Spektrums der traditionellen Tangomusik auslässt, dann fehlt m.E. ein wichtiger Teil der Musik.

Sehr eng wird es für mich, wenn ein DJ vorsätzlich einen Zwischenapplaus provozieren will. Da muss ich mich dann sehr bemühen, ruhig zu bleiben. So habe ich beispielsweise einen DJ erlebt, der (wiederholt) eine bestimmte Folge von schnellen Canaro-Valses gespielt hat und am Ende der Tanda stand seine Freundin schon mit dem Handy bereit um den allfälligen Zwischenapplaus zu filmen. Eine andere Möglichkeit ist der von mir so bezeichnete „Kung-Fu“-Tango: La murra von Roberto Firpo (Feb. 1937). Ich habe den starken Verdacht, dass dieser Titel gerne gewählt wird, um einen Zwischenapplaus zu provozieren. Meine grundsätzliche Kritik an solchen Verhaltensweisen lässt sich in einem Satz so formulieren: „Der DJ steht vor seiner Musik – nicht hinter ihr.“ (Den Satz finde ich überaus zutreffend, leider kann ich den Urheber hier nicht nennen, weil ich mich nicht erinnere; ich gebe hier aber gerne zu, dass der Satz nicht von mir ist).

Abschließende Anmerkungen

Mir wäre es ganz wichtig, noch einmal zu betonen, dass es mir nicht um einen starren Qualitätsbegriff geht. Ich möchte vielmehr für ein Bewusstsein werben, dass es verschiedene (wie auch immer geartete) Qualitäten im Tango gibt. Ich gehe auch davon aus, dass diese „Qualitäten“ von den verschiedenen Beteiligten unterschiedlich definiert werden. Das liegt m.E. in der Natur des Tangos. Ich denke aber auch, dass es Veranstaltern möglich sein muss, ihre Milonga gemäß ihren Vorlieben auszurichten. Mit anderen Worten: Es ist wirklich vollkommen ok, wenn Menschen sich im Tango als „Otto Normalverbraucher“ bezeichnen und auch entsprechend ihre selbstgewählten Zielvorstellung zu passenden Milongas gehen bzw. selbst solche Milongas organisieren. Menschen, die an ihrem Tango arbeiten um besser zu werden, sollte es allerdings auch möglich sein, entsprechende Milongas oder gar Encuentros zu besuchen, ohne dass sie gleich als „arrogant“, „elitär“ oder „eingebildet“ abgestempelt werden. Ich habe in der Vergangenheit mehrfach den Terminus „HighLevelDancer“ in diesem Zusammenhang gelesen; meist war er in nicht sehr freundlich formulierte Gedanken eingebettet. Das ist meiner Meinung nach höchst überflüssig, denn (1.) wird sich kaum jemand selbst ernsthaft als „HighLevelDancer“ einordnen (eine solche Bezeichnung wird dann gerne als Etikett von Dritten verwendet) und (2.) wird mit solchen Begrifflichkeiten eine übermäßig starke Trennung in einer Gemeinschaft zementiert. Wie wäre es denn, wenn wir den anderen ihr Milongavergnügen einfach so gönnen könnten ohne zu werten? Für mich ist es immer noch schlicht so, dass der Veranstalter, die Veranstalterin entscheidet, wie das Milonga-Angebot positioniert ist. Die Besucher stimmen dann mit den Füßen ab (hier finde ich einen ökonomisches Erklärungsmodell ausnahmsweise ganz passend).

In einem Gespräch kam neulich der Gedanke auf, ob die Milongas in der Umgebung qualitativ schlechter werden, oder ob einfach die eigenen Ansprüche gestiegen sind, weil es inzwischen Angebote gibt, die qualitativ hochwertiger (und – um ehrlich zu sein – auch häufig teurer) sind. Die Frage kann ich kaum mit letztgültiger Gewissheit beantworten. Auch wenn es manchmal bestritten wird, für mein Empfinden entwickelt sich der Tango weiter, sogar der sog. traditionelle Tango. Ich finde, jede und jeder kann sich einmal überlegen, ob der eigene Tango sich entsprechend auch weiterentwickeln kann bzw. darf.

Natürlich sind manche Thesen in diesem Beitrag sehr subjektiv und möglicherweise auch kontrovers. Ich bin allerdings an fremden Gedanken zu diesen Fragen lebhaft interessiert und freue mich über entsprechende Anmerkungen in den Kommentaren.

40 Anmerkung(en):

Thomas Mößner hat gesagt…

Immer wieder interessant, diese Themen. Ich möchte hier nur auf eines eingehen.
Qualität im Tango. Was ist das für mich?

1. Der eigene Tanz im Paar

Qualität im Tangotanzen heißt für mich, das eigene Vermögen so realistisch einzuschätzen, dass meine Tanzpartnerin und ich selbst mit Freude dabei sind. Elemente, die ich nicht beherrsche, machen weder mir noch meiner Tanzpartnerin Freude. Nicht die Vielfalt der Elemente zählt, sondern die Beherrschung der wenigen im Einklang mit der Musik.

2. Der Tanz in der Ronda

Ich erinnere mich an zahlreiche Tangofestivals, nach denen ich mich gefragt habe, was an Gefühlen und Erinnerungen übrig bleibt.

Dabei habe ich herausgefunden, dass neben guten DJs und Locations ein ganz entscheidender Punkt nachhaltig in Erinnerung bleibt: Nämlich das Miteinander auf der Tanzfläche bzw. das Ohneeinander oder schlimmer noch - das Gegeneinander.

Jede Tanda wird gefühlt tausendmal schöner, wenn ich vor dem Betreten der Tanzfläche vom Nachfolgenden wahrnehmbar eingeladen werde. Ob es nun ein freundliches Lächeln oder ein Cabeceo ist, ist nicht entscheidend. Allein das Gefühl, vor Jemandem zu tanzen, der mich eingeladen hat gibt ein wunderbares Gefühl. Und das bleibt manchmal nachhaltiger in Erinnerung als mancher Tango.

Was nutzen die ganzen Abrazos und Besos und nacherzhählten Tangozitate, wenn es auf der Piste zugeht wie wie auf einem Schlachtfeld? Hier teilt sich leider oft die Spreu vom Weizen. Professionelle Tänzer machen hier leider oft keine Ausnahme. Dabei tangieren mich Anfänger mit Ihren Navigationsproblemen kaum. Hingegen haben mich die Rücksichtslosen Drängler, Überholer, Quertänzer und Hineinspringer schon zu manchen frühen Heimreisen bewogen.

Fazit: Qualität im Tango ist für mich das Erleben eines wirklichen Miteinanders in all seinen Ausprägungen. Auf dem letzten Münchner Tangoweekend konnte ich das erleben.

Yokoito hat gesagt…

Lieber Cassiel,

sicherheitshalber vorweg – Deine Überlegungen zu "Qualität" sind für mich erstmal soweit okay – nichts, was mich, im Positiven oder Negativen besonders anregt – das Nachfolgende ist also keine "Ersatzdebatte" oder verfolgt irgendeine verborgene Agenda.

Beim Thema MP3 muß ich allerdings doch zwei Bemerkungen loswerden. Zum einen – ich weiß nicht, ob Du es einfach vollständigkeitshalber aufführst oder vorhast, es wieder aufzuwärmen. Das "Paper" weist eher auf zweiteres hin (oder eventuell hast Du Dich auch nur gefreut, etwas Neues in den Zeugenstand rufen zu können?).

Da gibt es nur ein Problem; dieses hat auch wieder mit "Qualität" zu tun. Es ist eine Weile her, daß ich in diesem Sektor – wissenschaftliche "Papers" - intensiv unterwegs war. Die Muster sind jedoch leider noch wohlvertraut.

Wie Du vielleicht weißt, gibt es zwei Sorten von Journals, in denen solche Papers erscheinen – solche mit "Peer Review" und die anderen. Falls es es "reviewed" ist - ich muß sagen, ich hätte dieses Werk nicht durchgewinkt. Der Mindeststandard bei wissenschaftlichen Arbeiten ist, so viel Information zu liefern, daß prinzipiell eine Überprüfung der Resultate durch Dritte möglich ist. Dies ist hier definitiv nicht der Fall. Die Autoren haben noch nicht mal offengelegt, mit welchem Codec und mit welcher Bitrate sie bei MP3 gearbeitet haben. Daten zur Methodik und zu den Hintergründen etwa der Musikauswahl fehlen ebenfalls weitgehend.

Von höheren Anspruchslevels wollen wir gar nicht erst reden. Etwa zur Frage, was die EEG-Signaturen denn nun eigentlich bedeuten.

Wenn ich mal spekulieren darf – den Kopfhörer kenne ich, und Jazz (Stichwort ECM) zeichnet sich oft durch exzellente Soundqualität aus – die beiden Jungs haben was ausgewählt, von dem sie sich richtig deutliche Signale versprochen haben, und ansonsten die dünnsten Bretter gebohrt, die sie finden konnten. Schlußfolgerungen für den Tangosektor sind daraus nicht ableitbar. Da haben wir es schon mal nicht mit Studiosituationen, sondern mit nach heutigen Standards minderwertigem Audiomaterial und einer "Signal to noise ratio" auf der Piste zu tun, bei der 40 dB Störabstand wahrscheinlich noch optimistisch wäre.

Falls dieses Paper als eine relevante Verstärkung irgendwelcher "MP3 im Tango ist Mist"-Positionen gedacht ist – laß es lieber, da muß erst noch deutlich mehr "Butter bei die Fische".

Manuela Bößel hat gesagt…

Lieber Cassiel,
Du schreibst von wehen Füßen nach Tänzen auf harten Böden. Ein möglicher Auslöser dafür kann eine hohe Spannung in der Fußmuskulatur sein. Auf meinem Blog habe ich eine Video- Anleitung für eine Fußmassage stehen, die Dir helfen kann, dein "Geläuf" zu lockern. Vielleicht magst du's ja mal ausprobieren? Beste Grüße, Manuela

cassiel hat gesagt…

[1 von 2] Oh, da sind ja drei Kommentare geschrieben worden … schön … vielen Dank.

Auf Yokoito möchte ich dann doch etwas näher eingehen. Du fragst nach der Motivation für den Beitrag - speziell zum Thema (technische) Qualität der Audio-Daten? Ich kann nicht eine genauen Grund nennen, es ist vielleicht ein wenig von beidem. Natürlich verfolge ich das Thema seit Jahren (ich erkläre nachher warum mir das so wichtig ist) und natürlich gehört die Qualität der Musik-Daten in einen Artikel über die Qualität allgemein im Tango. Also ist Deine Entweder-Oder-Frage vielleicht nicht so drängend, wie es im ersten Moment aussieht.

Über die Qualität des Review-Prozesses bei dem genannten Paper kann ich leider keine näheren Angaben machen. Deshalb muss der Inhalt allerdings noch lange nicht falsch sein. Ich würde meine Position in dieser Frage etwas salopp als einen stark begründeten Verdacht äußerst niederschwellig bezeichnen. Ich bin kein Neurologe und kann die Messungen zwar zur Kenntnis nehmen, in ihrem Effekt allerdings nicht letztgültig beurteilen.

Was ich aber kenne, sind meine Erfahrungen. Vielleicht ist es hilfreich, es einmal von der Seite zu betrachten. Auch ich habe im Spätsommer 2009 mit dem DJing angefangen und habe mir gedacht, MP3s sind praktisch (damals waren die Festplattenkapazitäten, die in Laptops verbaut wurden noch deutlich geringer; es war also auch eine Platzfrage). Dann habe ich ein gutes Jahr später bei Christian und Monika in Zürich gehört, was mit etwas Sorgfalt in dieser Frage möglich sein kann (ich habe darüber auch einen Artikel geschrieben). Es war eine beinahe schmerzliche Entscheidung, die mit viel Arbeit verbunden war, aber ich habe alle MP3s rausgeworfen und spiele seit der Zeit konsequent keine MP3s mehr. Natürlich ist mein Eindruck subjektiv und ich kann selbstverständlich nicht gesichert begründen, dass es an der Qualität der Daten lag. Insgesamt habe ich festgestellt, dass es erheblich stressfreier und konzentrierter in den Milongas, die ich aufgelegt habe, zuging.

cassiel hat gesagt…

[2 von 2] Ich bin sogar noch weiter gegangen. Ich denke z.B. darüber hinaus gehend, dass eine höhenbetonte Wiedergave in der Milonge ebenso Stress bei den Tänzerinnen und Tänzern verursacht (der Grund dafür liegt wahrscheinlich in den Gesetzmäßigkeiten, die Fletcher und Munson bzw. Robinson und Dadson in ihren jeweiligen Arbeiten empirisch nachgewiesen haben - Details dazu finden sich hier). Also bin ich inzwischen dazu übergegangen, die Anlage beim Auflegen so abzustimmen, dass es eine lineare Höhenabsenken (ab etwa 1 kHz bis etwa -5dB bei 20kHz) gibt.

Weitere Punkte könnten z.B. Überlegungen zum verwendeten Wandler sein. Ich lege bei USB-Modellen sehr großen Wert auf eine asynchrone Schnittstelle zur Vermeidung von Jitter (der Wandler hat einen eigenen, vom Computer unabhängigen Taktgenerator). Für mich ist die mittlerweile nicht mehr hergestellte V-Serie des Herstellers Musical Fidelity perfekt. Das ist nun meine persönliche Präferenz. Andere arbeiten beispielsweise mit FireWire-Interfaces.

In der Frage des Datenmaterials bin ich sogar so streng, dass ich keine FLAC-Daten verwende. Ich versuche die Last des Dekodierens zur Lufzeit vom Rechner zu nehmen (das ist beispielsweise auch umstritten, andere DJs haben da andere Arbeitsweisen).

Aus diesen Beispielen sollte deutlich werden, dass es verschiedene Ausprägungen eines Qualitätsbewusstseins gibt. Ich kann da auch nicht zweifelsfrei benennen, welcher Weg jeweils der bessere ist. Wichtig ist m.E., dass sich ein(e) DJ mit den Fragen beschäftigt und eine bewusste Entscheidung trifft.

Um zu den MP3s zurückzukommen: Ich höre mittlerweile überdeutlich, dass dieses Datenformat für die Milonga ungeeignet ist (ja, das Hörvermögen ist nicht statisch; man kann seine Ohren auch trainieren). Ich erzähle deshalb so häufig davon, weil ich nachwachsenden DJs die Umstellungsarbeit ersparen möchte (ich habe wirklich lange gebraucht).

@Manuela 

Vielen Dank für Deinen Tipp, Ich denke, aber tatsächlich, es liegt an den jeweiligen Bodenbeschaffenheiten (es sind ja eher die Knie und der Knöchel bei ungeeigneten Böden). Trotzdem verlinke ich hier Deinen Artikel:

Füße verwöhnen (mit Video)

Yokoito hat gesagt…

Hallo Cassiel, danke für diese sehr ausführlichen Worte bzw der Verweis auf Deinen früheren auch sehr umfangreichen Artikel. Für diejenigen Deiner Leser, die längere Texte nicht so mögen: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Geh%C3%B6rrichtige_Lautst%C3%A4rke..

Donato hat gesagt…

Zu MP3:
Es ist doch nicht zu überhören, dass MP3-Musikstücke "beschnitten" klingen. Mal mehr, mal weniger. Also nach besseren Formaten suchen und als DJ wirklich nur zur Not ein MP3-Stück abspielen, wenn es eigentlich ein top Orchester-Stück ist und keine bessere Digitalisierung vorliegt. Oder man lässt aus Prinzip MP3 ganz weg.
Zur Tango-Qualität allgemein:
Mit zunehmender Übung/Routine in der Szene wird sich das Niveau - pauschal betrachtet - weiter erhöhen. Das ist alles in anderen Tanzszenen schon bewiesen worden. Da die Freizeit-Interessen in unserer modernen Welt aber weit gestreut sind, wird es wohl im Durchschnitt nicht so hoch steigen wie am Rio de la Plata. Also versucht man/frau, in allen aktiven Bereichen die Sache anzuschieben, um das Bestmögliche herauszuholen. Tangomusik ist gut zugänglich. Gute Lehr-Videos gibt es. Literatur steht im Internet und im Buchhandel zur Verfügung. Youtube hat viel zu bieten. Tangoblogs funktionieren auch gut. "Tangodanza" mischt auch mit, kann aber verständlicherweise nicht in jedem Heft "Qualität" und "Codigos" predigen. Encuentros haben auch ihre Daseinsberechtigung.
Bleibt die Rolle der Tango-Lehrer in den Tangokursen/Workshops. Ich sehe positive Verbesserungen. Bin mir aber, vorsichtig formuliert, nicht sicher, ob das schon flächendeckend durchgedrungen ist! Für mich ist das der Bereich, in dem sich letztendlich die Qualität entscheidet.
Herzliche Grüße

Annette hat gesagt…

Hallo,

ob es einen Unterschied zwischen wav und mp3 gibt, wird ja nicht nur in der Tangoszene diskutiert. Ich höre keinen, aber vielleicht sind meine Ohren nicht so gut. Ich habe daher vorhin ein Experiment gemacht mit meinem Sohn, der qualifizierter ist als ich, was Hören angeht. Erstens aufgrund seines Alters (16), denn je jünger man ist, desto höhere Frequenzen nimmt man noch wahr, außerdem leisere Töne. Mein Sohn hat außerdem ein absolutes Gehör (nach einer Woche Klassenfahrt kann er z.B. ein eingestrichenes a sofort perfekt singen, und er leidet, wenn er ein Musikstück, was er kennt, in einer anderen Tonart hört.)

Ich habe ihm vorhin 8 mal einen Auschnitt aus dem gleichen Stück vorgespielt, 4 mal mp3 und 4 mal wav, in zufälliger Mischung (mp3: Codec MPEG/Layer III, 238 kbit/s). Mein D-A-Wandler ist ein Focusrite 18i8, und unsere Anlage im Wohnzimmer ist auch nicht von schlechten Eltern.

Obwohl Sohnemann vorher behauptet hatte, er könne den Unterschied hören, lag er vier mal richtig und vier mal falsch. Gerne hätte ich noch mehr Versuche gemacht, wegen der statistischen Signifikanz, aber er hatte keine Lust mehr. Das Stück war Liber Tango von Tango à Trois, er liebt den Libertango (hat eine Version auch mal mit den Schulorchster gespielt).

Man kann nun einwenden, dass man den Unterschied zwar nicht bewußt hört, aber unbewusst doch, wie von den Autoren behauptet. Ich habe zwar keine EEG-Signaturen aber einen Mutterinstinkt für das Wohlbefinden meines Kindes. Da die japanischen Autoren nicht weiter erläutert haben, wie ihre Signaturen zu interpretieren sind (ich will nicht gleich Kaffeesatzleserei unterstellen), halte ich meinen Mutterinstinkt in diesem Fall für mindestens gleichwertig.

Beim Tanzen gibt es eine Vielzahl weiterer Störungen, die das Wohlbefinden stören könnten, Ihr kennt sie (z.B. Stücke, die ursprünglich von einer Schallplatte stammen und nachträglich bearbeitet wurden oder auch nicht, schlechte Lautsprecher, zu viele oder zu wenig Bässe, Höhen usw.

Ich verwende daher mp3- und keine wav-Dateien, denn ich glaube nicht an einen Unterschied, solange es kein zu schlechtes mp3-Format ist.

Allerdings habe ich von einer Studie gehört, dass es doch menschliche Wahrnehmung für tiefe Töne unterhalb von 16 Hz geben könnte, die auch Gefühle auslösen können (http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000007209/Dissertation_Final_26.07.09.pdf). Solch würden von mp3-Dateien natürlich nicht dargestellt. Allerdings können normale Lautsprecher diese auch nicht wiedergeben, auch wenn sie vielleicht in einer wav-Datei enthalten sein können. Ich glaube aber kaum, dass in den gängigen Tangos solche tiefen Frequenzen enthalten sind, schon gar nicht in den alten, die zunächst auf eine Schallplatte gepresst wurden. Bösendorfer bietet einen Flügel mit einer kompletten Subkontraoktave an, sehr interessant.

Grüße von Annette

Anonym hat gesagt…

@Annette sehe ich auch so, nicht mit der alten Musik und der genutzten Milonga Equipmentklasse von 2000 Euro. Das Equipment das solches hörbar auf einer Milonga machen würde stellt keiner hin. Die Quelle und Abmischung machts. Ausser MP3 in niedriger Stufe,mit seinen Artefakten oder komprimiert, übersteuert, gerade Digital klingt gleich aggressiver. Aber b.t.w. wer hört schon auf die Musik, egal welcher Qualität


Gruesse Bert

cassiel hat gesagt…

@Annette und Bert 

Auch wenn ich mich kaum traue es zu schreiben (weil es mir als Überheblichkeit oder Arroganz ausgelegt werden könnte): Es ist m.E. eine Frage des Trainings. Manche Menschen hören es, andere hören es nicht. (Auch ich habe früher keinen Unterschied gehört). Das erwähnte Focusrite ist sicher ein ordentliches Interface und damit sollte eine korrekte Wandlung des digitalen Signals möglich sein. Damit bliebe als Ursache für ein mögliches Nicht-Hören des Unterschieds zum einen der Faktor des ausgewählten Stücks (Musik auf akustischen Instrumenten ist wesentlich heikler in der Wiedergabe als beispielsweise Pop oder andere Musik mit elektronischen bzw. elektronisch verstärkten Instrumenten). Weiterhin spielt auch die Größe des Raumes und die Wiedergabelautstärke eine wichtige Rolle. Eine Musikwiedergabe mit >80 dB (A) in der Milonga ist nach meinen Erfahrungen etwas ganz anderes als ein Hören im heimischen Wohnzimmer. Das eingeschränkte Frequenzspektrum der alten Schellack-Aufnahmen im Tango (ca. 40 Hz - 13 machmal auch 14 kHz) ist eine zusätzliche Herausforderung.

Nach meinen Erfahrungen ist es leider so, dass sich „Fehler“ im Audio-Bereich addieren. Ist beispielsweise die Anlage ungeeignet, dann könnte man versucht sein zu argumentieren, es macht sowieso keinen Unterschied, ob ich MP3s oder unkomprimierte Daten spiele. Das ist m.W. so nicht haltbar. Schlechte Daten klingen auf schlechten Anlagen noch grausamer als ordentliche Daten.

Ich möchte noch einmal kurz das Stichwort „Pragmatismus“ verwenden. Wenn ich die CDs sowieso habe, dann ist es (abgesehen vom Speicherplatz) eigentlich egal, ob ich unkomprimierte oder komprimierte Daten speichere. Die Arbeit ist gleich.

Chris hat gesagt…

Jedesmal wenn Cassiel über Mp3's schreibt, möchte ich meine Sammlung gleich in den digitalen Papierkorb verschieben. Die Liste der Punkte zur Qualität im Tango kann ich nur unterschreiben, alle tragen fraglos zum Gelingen eines Abends bei.

So eine Aufzählung kommt aber ein bisschen daher wie eine Auflistung von Zertifizierungsvoraussetzungen. Es gibt halt auch immer die Ausreißer, also Milongas mit guten Böden, ordentlichen Anlagen, Blümchen auf den Tischen und guten TJ's, die nicht so richtig zünden, eher so Nachmittagsteetanzveranstaltung. Und Konkurrenten mit schiefen harten Böden voller Löcher, Graffitis an den Wänden und Biertischgarnituren, in denen man die tollsten Abende erleben kann.
Da gibt's dann doch noch eine Komponente, die vielleicht wichtigste von allen, die ich selber nicht benennen kann. Irgendeine Magie, Feenstaub, Tangospirit, die geheime Zutat. So wie die besten Pinsel, die feinste Farbe und die teuerste Leinwand keine Garantie für ein Kunstwerk sind, das mit talentierter Hand, einem billigen Kugelschreiber und einem Bierfilz überall entstehen kann.

Aus der Liste versehe ich den Punkt der Qualität der Bewegung aber mit einem Fragezeichen. Inwiefern die technischen Fähigkeiten der einzelnen Tänzer zur Qualität eines Tanzabends beitragen, ist doch sehr umstritten. Wenn es nach Möglichkeit für alle schön sein soll, ist es wohl besser, ein eher einheitliches Niveau am Start zu haben, also Anfängermilongas für Anfänger und Eliteenquentros für High-Level-Tänzer, und natürlich ein Schlachtfeld für die Egozentriker.

cassiel hat gesagt…

@Chris 

Vielen Dank für Deine Anmerkung. Ich fühle mich allerdings missverstanden, wenn Du da an Zertifizierungsvoraussetzungen denken musst. Darum geht es mir nicht. Und Du hast vollkommen Recht: Es gibt optimale Rahmenbedingungen und der Funke will nicht überspringen und ich habe es auch schon einmal erlebt, dass ich eine Traum-Tanda in einer ansonsten fürchterlichen Milonga tanzen konnte. Das sind m.E. die sprichwörtlichen Ausnahmen von der Regel.

Vielleicht noch eine Ergänzung zur Qualität der Bewegung, weil ich bei der Lektüre Deines Gedankens gemerkt habe, da fehlt in meinem Text etwas. Ich denke Qualität der Bewegung hat weniger mit dem Tangoalter zu tun, als vielmehr mit der Intensität des Bemühens. Nach meinen Beobachtungen sind es häufiger die paar Tanguer@s, die sich selbst als fortgeschritten einstufen aber trotzdem nicht richtig im hier und jetzt sind. Die legen häufiger weniger Wert auf die Qualität der Bewegung.

Annette hat gesagt…

Ganz kurze Anmerkung: Cassiel, Du schreibst "Es ist m.E. eine Frage des Trainings." Das glaube ich auch. Ich bin mir aber sicher, dass mein Sohn in seinem kurzen Leben schon sehr viel trainiert hat, er übt seit 11 Jahren jeden Tag mehr als eine Stunde Geige (geht aufs Konservatorium), und ich wage zu behaupten, dass er besser und genauer hört als Du. Gerade ein Training in der frühen Kindheit macht besonders viel aus. Niemand konnte mir bisher auch erklären, WAS genau denn der Unterschied sein soll? Andere Klangfarben und Obertöne? Das hört ein Kind sowieso besser als ein Erwachsener. Irgendwelche Artefakte? Glaube ich einfach nicht, tut mir leid, das halte ich alles für Aberglauben und Pseudo-Wissenschaft. Und ich gehe auch davon aus, dass Musiker besser hören als Tangotänzer. Und die Qualtitätskontrolle des mp3-Verfahrens funktioniert mit Musikern und Toningenieuren. Aber das ist wie mit dem Glauen an Waldgeister, es nützen keine rationalen Argumente. Und wer schon mal alle seine mp3s weggeschmissen hat, den müsste es ja auch zu sehr schmerzen, dass das sinnlos war.

cassiel hat gesagt…

@Annette 

Deine Eindrücke sind Dir ja unbenommen. Ich halte meine Bedenken – auch aus grundsätzlichen Erwägungen – für nicht unberechtigt. Meine Leidenschaft in dieser Frage ist sicherlich auch unter dem Eindruck meiner Situation entstanden; ich habe alle CDs neu eingelesen. Das wollte ich anderen ersparen. Wenn Du für Dich die Entscheidung getroffen hast, Dir reicht MP3 dann ist das ja für Deine Situation vollkommen in Ordnung; mir reicht es eben nicht.

Ganz unabhängig davon frage ich mich, wann hier der oder die Erste auftaucht und behauptet, MP3 würde besser klingen als PCM-codiert. :-)

Yokoito hat gesagt…

Die höchste "Quality of Experience" hatte für mich, vor zirka 40 Jahren, Musik aus dem Mono-Kassettenrekorder eines VW Käfer auf einem Waldparkplatz.

@Annette, inhaltlich sehe ich das Thema ziemlich ähnlich wie Du - speziell auch, was die Hörfähigkeiten von Kids mit angeht. Ich würde aber für Entspanntheit plädieren. Ich weiß nicht, ob Cassiel zur Hardcore-High Ender-Esoteriker-Szene gehört - im Vergleich zu dem, was ich da schon erlebt habe würde ich sagen, es ist noch ein eher harmloser Fall; Wenn der Musikgenuß auf diese Art gesteigert wird, warum nicht.

@Cassiel, Du mußt nur aufpassen, daß es nicht heftiger wird - man hat sich schnell in eine Ecke gemalt. Ich kenne Leute, die zum Schluß nur noch Test-Audiomaterial hören konnten, weil sie bei allem anderen nur noch die Unvollkommenheiten wahrgenommen haben.

Snoop hat gesagt…

.... noch ein Gedanke zur Qualität.
Es gibt nach meiner Ansicht eine Qualität die bisher zumeist nur indirekt angesprochen wurde, die für mich aber bei allen von Cassiel definierten Kriterien mitentscheidend ist.
Es geht um die emotionale Qualität, dem Zugang zum jeweiligen Thema. Es geht um Sicherheit, Wahrnehmung und Achtung.

Wie nehme ich wahr, achte ich - im Rahmen der Möglichkeiten
… die Qualität meiner Bewegung im Tango
… die Kontaktaufnahme, den Kontakt meinen MittänzerInnen
… den Raum in welchem alles statt findet
… die bestmögliche Qualität der Musik

Zur MP3 Diskussion.
Egal was objektiv messbar ist. Ein DJ mit Liebe und Achtung zu seiner Musik kann gar keine schlechte Qualität liefern – er würde sonst selber leiden ;-) Da geht es um gute und noch bessere Qualität.
Wenn jemand umsichtig und bewusst mit seiner Musik Sammlung und den damit verbundenen technischen Notwendigkeiten umgeht, wird man das spüren. Da schwingt im Normalfall eine Ebene mit, die in der Milonga spürbar wird. Da verzichte ich freiwillig auf Objektivität. (Das soll keine Kritik sein, das ist mein emotionaler Zugang)

Qualität im Kontakt mit den anderen ..
Ich habe erst kürzlich eine Milonga besucht in der diese Wahrnehmung und Achtung unglaublich spürbar wurde. Es gab beispielsweise (nicht erzwungen) einfach kein Betreten der Piste ohne Kontaktaufnahme zu den bereits Tanzenden. Ein Blick, die Zustimmung, die Einladung, der Raum der aufgemacht wird. Diese Qualität im Kontakt mit den anderen TänzerInnen hat Folgewirkung - auf der Piste und in den Tanzpausen. Wer wahr nimmt wird wahrgenommen, wer achtet wird geachtet. Auch da gibt es zwar technische Hinweise wie das ablaufen soll, aber das echte Bemühen ist unersetzbar.

Ich hoffe da nicht zu weit vom Qualitätsthema abgekommen zu sein, aber für mich wird dieser Zugang immer wichtiger. Ja, die technischen und organisatorischen Kenntnisse und Fähigkeiten schaffen gute Voraussetzungen für eine Milonga, aber die emotionale Qualität ist nicht ersetzbar.
Herzlichst
Snoop

Donato hat gesagt…

@Snoop
Nein, Du bist nicht vom Qualitätsthema abgekommen, sonst hast den Kernpunkt angesprochen.

cassiel hat gesagt…

@Yokoito 

Nein, ich denke nicht, dass es mir um „Hardcore-High Ender-Esoterik“ geht. Mir geht es um Pragmatismus. Du wirst mich vermissen, wenn es in der Diskussionen um sauerstoffgebleichte Silberkabel, die gewaltfrei von zarten Kinderhänden geflochten wurden, geht. Diese HighEnd-Welt ist in der Tat ein seltsames Biotop. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass bestimmte Moden in dem Bereich der HiFi-Industrie für Endverbraucher äußerst merkwürdig und in fast sträflicher Weise simplifizierend sind.

Du hast sicherlich Recht, wenn Du auf die Gefahr hinweist, dass man am Ende nur noch die Unvollkommenheiten wahrnimmt. Dieser Gefahr bin ich mir durchaus bewusst. Ich denke, ich kann damit umgehen.

@Snoop

Ein (wie ich finde) schöner Beitrag, Du bist überhaupt nicht vom Thema abgekommen. Ich denke, die soziale Komponente einer Milonga kann nie hoch genug bewertet werden und Du hast m.E. Recht, wenn Du sagst, diese „Qualität im Kontakt“ hat „Folgewirkung”.

@Donato

:-)

Annette hat gesagt…

Hallo Yokoito,

ja, Du hast recht :-)

Annette

der Kölner hat gesagt…

Hallo Cassiel

Seitdem Qualitätssicherung und –management zu Wunderheilmitteln der Arbeitswelt avanciert sind und sich mittlerweile einer geradezu inflationär anmutenden Verwendung erfreuen – sehr zur Freude übrigens der Zertifizierer, die hier schnell eine attraktive Marktlücke geortet haben – bleibt nun auch unser Tango nicht davon verschont … aber ich glaube schon verstanden zu haben, um was es Dir eigentlich geht und möchte Dir gerne meine Gedanken dazu mitteilen.

Eine Milonga beginnt für mich im Kopf, schon bevor ich dorthin aufgebrochen bin, ein höchst subjektives Kriterium mit manchmal aber bedeutsamen qualitativen Konsequenzen: welche Erwartungen habe ich, wie ist mir der letzte Tanzabend in Erinnerung geblieben – und dabei habe ich wiederholt die Erfahrung gemacht, dass große Erwartungen tückisch sein können. Ebenso kenne ich es aber auch, dass sich nach einer anfänglich müden Lustlosigkeit eine großartige Nacht entwickeln kann.

Was nun die Qualität der Bewegung angeht: Auf die individuellen Skills will ich hier nicht eingehen. Ich empfehle aber jedem Tänzer, der schon einige Jahre dabei ist, sich einmal beim Tanzen aufnehmen zu lassen und sich dann das Ganze sehr genau und mehrmals anzuschauen. Ich garantiere für Überraschungen! Und anschließend eine kleine Demuts- und Orientierungshilfe bei einem Youtube-Video von Sebastian Achaval und Roxana Suarez.

Darüber hinaus hängt Bewegung und Dynamik in ihrer Qualität auch davon ab, wie die Tänzer mit dem zur Verfügung stehenden Platz auf der Piste umgehen. Zu Beginn einer Milonga sehe ich oft die ebenso rührenden wie nervigen Anfänger – der ich natürlich auch mal war –, deren unerwartete Manöver manchmal an unbesonnene Kinder erinnern, die bedenkenlos einem Ball auf eine befahrene Straße folgen. Also ruhiges, „bremsbereites“ Eintanzen, sich auf den DJ einlassen, die Musik aufnehmen.

Wenn es gegen Mitte des Abends immer voller auf der Fläche wird, gibt es nur eines, um zu vermeiden, dass das Ganze zu eine Rempelbude verkommt: Achtsamkeit gegenüber sich selbst und den Mittänzern. Als ich vor Jahren das erste Mal die Erfahrung einer gut auf einander abgestimmten Ronda machte, war ich überwältigt. Neben dem Tanz in der engen Umarmung im Paar eröffnete sich eine weitere Dimension: Alle tanzen mit Allen, die Führenden hielten diskreten Augenkontakt miteinander und plötzlich, wie von selber, ergab sich die wunderbare Erfahrung eines gemeinsamen abgestimmten Ganzen, ohne das es eine bewusste Anstrengung kostete. So wie ein träger Vogelschwarm…

Wenn dieser Zauber zerstört wird durch ein Paar, das sich in extrovertiert selbstverliebter, oft auch eingeübt ungelenker Poserei gefällt ohne sich um die Begrenztheit des Raumes und erst recht nicht um die musikalische Interpretation zu kümmern, ist das frustrierend und im Qualitätsranking ein gravierendes Minus. Tänzer, die es auf der Piste „krachen lassen wollen“ finde ich nervig und grob und sie bleiben meilenweit weg vom Tango auf eitle Selbstdarstellung bedacht.

Allerdings glaube ich, dass das Pochen auf die vielzitierten Codigos mit ihrer Regelhaftigkeit oft abschreckend wirken kann, ich denke, die Werbung für eine innere Haltung der Achtsamkeit könnte hier besser weiterhelfen.

Gegen Ende einer Milonga, wenn es leerer auf der Piste wird, entsteht der Raum für energetischeres Tanzen, nicht mehr nur die die kleinen Impulse und intimen Spielereien im Paar, sondern auch die dynamischeren Bewegungen sind nun möglich und dann auch stimmig. Bis zur Cumparsita kann das wunderbar noch einmal aufblühende Nachtschattengewächs des Tangos zu einem erschöpft-erfüllten Ende kommen.

Und dann - siehe oben - nach der Milonga ist vor der Milonga.

Beste Grüße – der Kölner

Yokoito hat gesagt…

Lieber Kölner, stimme zu - wobei ich in der Liste der Störfaktoren nur noch die "Poser" vom anderen Ende des Bewegungsspektrums vermisse. Jemand hat es mal "Stehlampe" genannt...mit teils verzücktem, teils beinahe schon schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck sind es meist die Herren, die ihre Lady qua ultra-slow motion mit ihrem enormen Tangogefühl beeindrucken wollen. Und dabei die Ronda mindestens so wirkungsvoll zum Zusammenbrechen bringen wie irgendwelche Figurenschrubber.

cassiel hat gesagt…

@Kölner 

Es war mir schon irgendwie beim Schreiben klar, dass früher oder später in der Diskussion Querverweise zum QM bzw. QMS kommen würden. Um das mögliche Missverständnis gleich im Vorfeld zu klären: Mir geht es nicht um statische, zertifizierte Qualitätsbegriffe, mir geht es vielmehr um eine Bewusstsein oder vielleicht auch nur eine Bewusstwerdung für die Qualität im eigenen Bereich. Das kann jede und jeder mit sich selbst ausmachen.

Deine Schilderung in der Folge finde ich sehr lebensnah. Ich denke ebenso, dass eine Vorbereitung (im Sinne eines Sich-Darauf-Einstellens) einen Milongabesuch vielleicht „besser“ macht.

Auch das Video-Training oder ein ehrliches (!) Feedback von einem Leher, einer Lehrerin wird immer hilfreich sein.

Deine Gedanken habe ich gerne gelesen. Vielen Dank.

@Yokoito

Nur ganz kurz: In meinem nun nicht so kurzen Tangoleben habe ich die berühmte „Stehlampe“ noch nie angetroffen. Mein Vorschlag: Schau vielleicht beim nächsten Mal noch etwas weiter in Tanzrichtung, wenn dort ebenfalls kein Platz ist, dann ist die vermeintliche „Stehlampe“ natürklich auch nicht in der Lage, weiterzukommen. Ich will gar nicht bestreiten, dass es vereinzelt möglicherweise irgendwo diese „Stehlampen“ gibt, ich halte die die reine Anzahl dieses Phänomens aber für verschwindend gering.

Yokoito hat gesagt…

Ja, genau das ist ja das Problem mit den Stehlampen - ist wie beim Autofahren: Einer reicht, damit eine Schlange entsteht.

cassiel hat gesagt…

@Yokoito

Nach meinen Erfahrungen gibt es die Situation, die Du da wohl andeuten willst, nicht. Klar, wenn es voll ist und wenn die Musik sehr komplex ist, dann kommt die Ronda schon mal ins Stocken. Ich jedenfalls konnte das noch nie an einer sog „Stehlampe“ festmachen. Meist hilft da eine Tanda mit Rodriguez/Moreno und schon läuft es wieder.

Ganz generell ist es vermutlich ähnlich wie auf der Autobahn. Bei zu dichten Verhältnissen erhöht sich die Staugefahr. Aber wie sollte das gelöst werden? Will man Gäste ausschließen? Oder teilen sich alle Anwesenden den zur Verfügung stehenden Platz untereinander auf?

Anonym hat gesagt…

Das mit den Stehlampen, wenn es mit der Musik zutun hätte, leider auch bei stark rhythmischer Musik. Es gibt aber auch die Vorwärts -Rückwärtsrenner wobei ich da ebenfalls nicht die Intention ausmachen kann.

Gruesse Bert

Yokoito hat gesagt…

An sich sollte es simpel sein - bei all dem Zustimmenden, was ich hier schon über das Tanzen in der Musik einerseits und das Tanzen "mit allen im Raum" gelesen habe. Die Musik macht uns ausreichend Vorschläge - und die sind nun mal nicht immer "slow motion". Es ist nicht nur ein Platzproblem. Ein Tangolehrer hat es mal mit einem Tassenkarussell verglichen. Das kann sich schneller oder langsamer drehen, ohne dass es dafür mehr Fläche braucht.

Ulrike Podlejski hat gesagt…

Unbedingt sollte man über Qualität im Tango nachdenken. Unbedingt.
Was den Tanz betrifft: die Tangoschulen müssen hier mehr in die Pflicht genommen werden. Es ist doch das große Missverständnis, dass hier so viele Bühnenschritte unterrichtet werden ( Stichwort: inflationärer Gebrauch der Volcada, ein Schritt, der sich furchtbar anfühlt), aber kaum Wert auf die wichtigen Basics gelegt werden (Beispiel: die Folgenden versuchen adornos aber können keinen korrekten pivot, können keine ochos richtig tanzen).
Was die Milongas betrifft: starker Verbesserungsbedarf, aber sicher auch eine Geldfrage. Wenn die DJ's zwischendurch die Gläser einsammeln müssen, ist dies sicher Anlass zu Frust.
Lieber cassiel, kann man beim Schreiben des Kommentars gleichzeitig auf den Artikel zurückgreifen, den man kommentiert? Sollte der Platz für Kommentare begrenzt werden?

Austin hat gesagt…

Ich bin ganz schwer dafür, die Getränkequalität bei Milongas zu steigern. Ich zahle gerne gastronomie-übliche Preise für ein anständiges Glas Wein, mit dem ich die Pausen-Tanda überbrücke. Ganz oft gibt es nur ganz gruselige Getränke, und das kann meine Stimmung ganz ungemein trüben.

cassiel hat gesagt…

Ich bin für das verlängerte Wochenende unterwegs und kann nur mit dem iPhone mitlesen. Am Dienstag bin ich zurück und antworte ausführlicher. Allen wünsche ich ein schönes Pfingstwochenende und erfüllte Tandas...

haribold hat gesagt…

"Qualitätswein ist eine internationale Bezeichnung für Weine einer höheren Güteklasse, die bestimmte gesetzliche Mindestanforderungen erfüllen." (Wikipedia)

Ist Qualitätstango demnach eine Bezeichnung für Tango einer höheren Güteklasse, der bestimmte Mindestanforderungen erfüllt?

Cassiel hat da mal wieder eine grundlegend andere Denke bezüglich Tango als ich. Mir liegt es ziemlich fern, Tango mit einem wertenden Begriff von Qualität zu verknüpfen. Und offensichtlich ist der Weg zu Mindestanforderungen wie etwa Codigos nicht mehr weit, wenn man erst mal Qualität einfordert.

Ich denke lieber über den Zusammenhang zwischen Tango und Spaß, Tango und Freude nach. Ich höre und tanze Tango, weil es mir Spaß und Freude bereitet. Natürlich ist auch das wertend und subjektiv. Aber es stellt keine Anforderungen, die dann schnell wieder scheinobjektiviert werden. Zwei Anfänger können Spaß am Tango haben, auch wenn sie keinen Qualitätstango darbieten. Verächtliche Blicke von "Qualitätstangueros" können ihnen leider ganz schnell den Spaß verderben.

haribold hat gesagt…

​"Qualitätswein ist eine internationale Bezeichnung für Weine einer höheren Güteklasse, die bestimmte gesetzliche Mindestanforderungen erfüllen." (Wikipedia)

Ist Qualitätstango demnach eine Bezeichnung für Tango einer höheren Güteklasse, der bestimmte Mindestanforderungen erfüllt?

Cassiel hat da mal wieder eine grundlegend andere Denke bezüglich Tango als ich. Mir liegt es ziemlich fern, Tango mit einem wertenden Begriff von Qualität zu verknüpfen. Und offensichtlich ist der Weg zu Mindestanforderungen wie etwa Codigos nicht mehr weit, wenn man erst mal Qualität einfordert.

Ich denke lieber über den Zusammenhang zwischen Tango und Spaß, Tango und Freude nach. Ich höre und tanze Tango, weil es mir Spaß und Freude bereitet. Natürlich ist auch das wertend und subjektiv. Aber es stellt keine Anforderungen, die dann schnell wieder scheinobjektiviert werden. Zwei Anfänger können Spaß am Tango haben, auch wenn sie keinen Qualitätstango tanzen. Verächtliche Blicke von "Qualitätstangueros" können ihnen leider ganz schnell den Spaß verderben.

der Kölner hat gesagt…

@ haribold

Spaß und Tango? Tango ist mehr als Serien angucken (kann manchmal Spaß machen), Achterbahn fahren, im Sommer ein Eis essen usw.

Einen der vielen Gründe hierfür findest Du zB hier: https://tangoblogblog.wordpress.com/2016/05/14/das-nichtwissen-und-was-das-mit-tango-zu-tun-hat/

Und zu den Codigos: ja, ich finde sie manchmal auch anstrengend, wenn Sie so dogmatisch vorgetragen werden, andererseits: der Tango ist so komplex und emotional verdichtet, da kann ein quasi lithurgisches Ritual sehr wohl nötig sein, um Inhaltund Form in ein stabiles Verhältnis zu setzen.

Provozierende Frage: Ist Tango eigentlich ein Tanz für Jeden ?

Donato hat gesagt…

@ haribold
Wenn Du bereit bist, Deinen Spaß in der Milonga nicht in meiner Tanzspur auf meine Kosten auszuleben, ist es mir völlig egal, ob Du das als Codigo oder sonstwie bezeichnest.

Anonym hat gesagt…

den Knaller hat ich letzt auf einer Milonga gesehen. Da quetscht sich einer mit seiner Tanzpartnerin zwischen zwei Paare, wird daraufhin vom Vorderman touchiert und mimt den Empörten.

Gruss Bert

haribold hat gesagt…

@Kölner:
Zu Deiner (wieso provozierenden? eher rhetorischen!) Frage, ob Tango ein Tanz für Jeden sei: In Bregenz und Punta del Este/Uruguay findet seit ein paar Jahren das Tangofestival Tango en Punta statt, welches Behinderte inkludiert.

@Donato:
Spaß im Tango haben bedeutet für mich natürlich auch, anderen ihren Spaß nicht zu schmälern.

Swetoslaw Beltschew hat gesagt…

"Ist Tango eigentlich ein Tanz für Jeden?" - diese Frage ist für mich weder provozierend noch rhetorisch. Es ist eine spannende und gleichzeitig komplexe Frage. Ich versuche sie aus meiner Sicht zu beantworten.

Cassil stellt weiter oben die These, dass jeder seinen eigenen Tango tanzt. Aus dieser Sicht kann man die Frage mit "ja" beantworten. Ja, der Tango ist ein Tanz für jeden und jeder tanzt seinen eigenen Tango. Es ist ein Tanz für Tänzer die eine sportliche Herausforderung suchen (ähnlich wie bei Standard- und Lateintänze), auch für Tänzer, die komplexe, emotionale Verdichtung brauchen und auch für Tänzer die die soziale Aspekte beim Tango schätzen. Es ist für jeder, der Spaß sucht geeignet und auch für Paare die große Veranstaltungen (deren Eingangsbereiche wie C&A aussehen) oder elitäre Partie suchen. Gleichzeitig ist Tango auch für das Wohnzimmer geeignet (Vorsicht bei bewegungsorientierten Paaren, das Porzellan kann darunter leiden). Man kann die Musik der Epoca de Oro vertanzen, aber viele tanzen auch auf modernere Stücke, ja sogar nicht-tango Musik ist üblich. Eine enge Umarmung sieht tangomäßig aus, ich habe schon Tänzer gesehen, die gar keine Umarmung brauchen.

Wenn man diese breite Spektrum betrachtet entsteht zwangsläufig die Frage: ist der Tango ja beliebig? Aus meiner Sicht kann ich diese Frage mit "nein" beantworten. Die Erklärung liefert wieder die These von Cassiel - jeder tanzt sein eigener Tango. Ich kann hier nur über mich schreiben und berichten, dass mein Tango so spezifisch ist, dass ich nur ganz wenigen Leute kenne die mein Tango tanzen. Natürlich gibt es eine größere Anzahl von Tänzer, die einen kompatiblen zu meinen Tango tanzen (sonst wäre es zu langweilig). Diese treffe ich regelmäßig und das Tanzen macht große Freude. Und die anderen... Die treffe ich auch und versuche freundlich und gelassen zu bleiben :)

Snoop hat gesagt…

@ Haribold 16. & 17.Mai
Zurück aus einem langen Tangowochenende bin ich bei deinem Satz hängen geblieben:
Ich denke lieber über den Zusammenhang zwischen Tango und Spaß, Tango und Freude nach. Ich höre und tanze Tango, weil es mir Spaß und Freude bereitet.
Ich wusste nicht wie ich ihn deuten soll, heute kam die Lösung :-)
Spaß im Tango haben bedeutet für mich natürlich auch, anderen ihren Spaß nicht zu schmälern.
Sehr schön!! Das ist es!

@ der Kölner hat gesagt…
Und zu den Codigos: ja, ich finde sie manchmal auch anstrengend, wenn Sie so dogmatisch vorgetragen werden
Dem möchte ich mich anschließen.
Vielleicht sollte man die Codigos stärker als Hinweis/Hilfe sehen, wie man Spaß haben kann (oder einfach einen schönen Abend), ohne anderen auf die Füße zu treten. Jede weitere Form von Rücksichtnahme und Achtsamkeit tut's auch.

"Ist Tango eigentlich ein Tanz für Jede/n?"
Ja! Ohne Rücksicht auf Herkunft, Können und Stil - aber mit Rücksicht auf die Mittanzenden und unter Bedachtnahme auf das eigene Können, auch in Relation zum Niveau und dem Stil der besuchten Milonga.
Herzlich
Snoop

Austin hat gesagt…

Wenn wir uns einfach mal darauf einigen könnten, dass die Codigos nichts anderes sind als Vorschläge, wie man sich rücksichtsvoll verhalten kann, und dass sich jeder überlegen kann, ob er in dieser oder einer anderen Form rücksichtsvoll sein will, dann könnten wir uns ganz viele Diskussionen schenken. Dann müssten wir uns nicht als "Taliban", "Stehlampe", "Figurenturner", "Adorno-Automat" etc. bezeichnen (lassen), weil die Taliban dann etwas gnädiger sein könnten, die Stehlampen würden registrieren, wenn es sich hinter ihnen staut und vor ihnen 10 m Platz ist, die Figurenturner würden sich in der Mitte tummeln, die Adorno-Automaten würden niemanden gefährden, weil immer genug Abstand ist,...

Was bliebe, wäre ein etwas bizarrer, aber liebenswerter Haufen Leute, die zusammen einen guten Abend verbringen wollen und höflich miteinander umgehen, weil sie sich nächsten Samstag in dieser oder ähnlicher Runde wiedertreffen werden. Und die überall auf der Welt gleichgesinnte Leute treffen können, die im großen und ganzen ähnlich ticken.

Das wäre ein enormes Qualitätsplus.

Yokoito hat gesagt…

Eso es. So is it.

Freitänzer hat gesagt…

Wie Austin schon ebenso richtig wie schön formulierte:

"Wenn wir uns einfach mal darauf einigen könnten, dass die Codigos nichts anderes sind als Vorschläge, wie man sich rücksichtsvoll verhalten kann, und dass sich jeder überlegen kann, ob er in dieser oder einer anderen Form rücksichtsvoll sein will, dann könnten wir uns ganz viele Diskussionen schenken. [...]

Was bliebe, wäre ein etwas bizarrer, aber liebenswerter Haufen Leute, die zusammen einen guten Abend verbringen wollen und höflich miteinander umgehen, weil sie sich nächsten Samstag in dieser oder ähnlicher Runde wiedertreffen werden. Und die überall auf der Welt gleichgesinnte Leute treffen können, die im großen und ganzen ähnlich ticken. ..."

Zum großen Glück finde ich genau das bereits schon in den allermeisten Tango-Szenen vor, die ich "in real life" gerne und häufig frequentiere.

Vielleicht ja sogar auch deswegen, weil sich doch so einige Geister in den diversen Internet- Blogs und - Foren die Köpfe heiß diskutieren, wie denn die Qualität verbessert werden könnte ... :-) Das ist zum Glück ja kein ganz so neues Thema, auch wenn es Cassiel hier noch mal schön bündelt.

Im Internet dagegen schlagen die Wogen naturgemäß ja gerne schnell mal etwas höher ... vor allem weil (ohne Einbezug von erläuternder Mimik und Gestik) eine etwas pointierte Meinungsäußerung schnell auf der anderen Seite gleich die nächste Eskalationsstufe zündet ;-)

Um so schöner, wenn sogar hier im virtuellen Kosmos es gelegentlich zu ganz friedlichen Interaktionen von ansonsten in eher gegensätzlichen Lagern beheimateten Protagonisten kommt und einfach mal ganz sachdienliche Hinweise über die Fußgesundheit ausgetauscht (von Manuela) beziehungsweise verlinkt (von Cassiel) werden ! ;-)

Weiter so und alles Gute! :-)