Samstag, 19. Januar 2019

Mein erster Tango-Marathon …

Ich habe lange nicht veröffentlicht – die Gründe sind vielfältig und ich will jetzt darüber nicht weiter schreiben. Gerade sitze ich im ICE nach Frankfurt und melde mich einmal, um von meinem ersten Tango-Marathon letztens zu berichten und meine Eindrücke zu schildern.

Im Netz liest man ja häufiger kritische Meinungen – meist von Nicht-Teilnehmerinnen und Nicht-Teilnehmern – zum Thema geschlossene Wochenendveranstaltungen mit Voranmeldung. Dazu gehören Marathons in der Regel auch. Die Voranmeldung stellt m.M.n. die Geschlechter- bzw. Rollen-Parität sicher und einige Tänzerinnen und Tänzer schätzen das sehr. Die Kritik, die im Netz regelmäßig zu lesen ist, unterstellt diesen Veranstaltungen und den Teilnehmenden einen elitären Charakter. Ich will überhaupt nicht ausschließen, dass vereinzelt dieses Bewusstsein vorhanden sein könnte, der Großteil der Tänzerinnen und Tänzer bei diesen Veranstaltungen teilt diese Einstellung ganz offensichtlich nicht.

Ich habe in den letzten Jahren diverse Encuentros besucht und war insofern gespannt, wie es mir auf meinem ersten Marathon ergehen würde. Nach meinem Eindruck verschwimmen die Grenzen zwischen Encuentro und Marathon zunehmend. So waren auf der Veranstaltung, die ich besucht habe, viele Tänzerinnen und Tänzer, die ich von diversen Encuentros kannte. Aber es gab auch viele neue Gesichter.

Was unmittelbar zu bemerken war, waren die wenigen Sitzgelegenheiten. Es gab einen großzügig bemessenen Barbereich mit ein paar Stehtischen, einige Sofas und ein paar Stühle. Geschätzt waren vielleicht für ein Fünftel (oder sogar noch weniger Besuchende) Sitzplätze vorhanden. Der Rest drängelte sich rund um die Bar. Das war etwas schwieriger als bei einem Encuentro (bei dem die Sitzplätze – manchmal sogar in mehreren Reihen hintereinander – rund um die Tanzfläche angeordnet sind). Das Auffordern wurde etwas hektischer, weil dauernd jemand im Weg stand und zusätzlich auch viele Tänzerinnen immer wieder den Platz wechselten. Das war ungewohnt.
Dass ein Paar mehrere Tandas hintereinander tanzte war bei diesem Marathon eher die Ausnahme – das war aus meiner Sicht höchst erfreulich.
Es gab auch deutlich mehr Platz für das einzelne Tanzpaar auf der Tanzfläche. Dieser Umstand animierte allerdings einzelne Tänzer dazu, sehr raumgreifend und „kreativ“ zwischen den anderen Paaren zu tanzen. Das war phasenweise durchaus anstrengend – in wenigen Fällen sogar gefährlich.
Der auf Encuentros zu beobachtende Brauch, beim Betreten der Tanzfläche mit dem unmittelbar nächsten Führenden Blickkontakt aufzunehmen, ist in der Marathonwelt augenscheinlich noch nicht so verbreitet. Das war ebenfalls neu. In Kombination mit der eher unglücklichen Raumsituation war die Kollisionsgefahr an der Seite mit den Zugängen zur Tanzfläche überproportional hoch. Ich persönlich finde das immer ein wenig schade. Es wäre mit vergleichsweise minimalen Aufwand eine rücksichtsvolle und angenehme Umgebung zu etablieren. Wenn ich hier etwas übertreiben wollte, dann würde ich das auf den eher kompetetiveren Charakter des Marathons reduzieren. Ich habe es jedenfalls in Ansätzen so wahrgenommen. Mitmenschen werden – für mein Empfinden stärker als bei Encuentros – primär als Wettbewerber gesehen. Dabei wäre es so viel einfacher und entspannter, wenn alle Beteiligten deutlich gelassener und zugewandter mit den anderen Teilnehmenden bei einer derartigen Veranstaltung umgehen würden.

Nun komme ich zu einem für mich zentralen Punkt: Die Musik – bzw. die Leistung der DJs. Obwohl sich der Veranstalter erkennbar Mühe mit dem Audio-Setup gegeben hat, war der Klang insgesamt unbefriedigend. Wenn man für die Teilnahme an einem solchen Wochenende einen solide dreistelligen Betrag bezahlt, dann darf man m.E. erwarten, dass mit entsprechender Sorgfalt ein Audio-System ausgesucht, aufgebaut und eingeregelt wird. Das war bei der konkreten Veranstaltung, die ich besucht habe, leider nur in Ansätzen der Fall. Bedingt durch die vergleichsweise niedrige Raumhöhe war es aus rein architektonischen Gründen nicht möglich, die Lautsprecher auf Stativen auf eine angemessene Höhe zu bringen. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Veranstalter für ein Lautsprechermodell mit einem sehr geringen Abstrahlwinkel im Hochtonbereich entschieden hat. In der Folge war es unangenehm (manchmal schmerzhaft) laut, wenn man direkt vor einem Lautsprecher war. Ein Lautsprecherprozessor war zwar vorhanden, aber leider nicht fachgerecht eingestellt. In Kombination mit einem DJ-Platz auf einer Bühne (abgehängt mit Bühnenmolton und „hinter“ den Lautsprechern) waren wieder einmal die Höhen viel zu dominant. Da konnte auch der extra aufgestellte (aber nicht laufende) Monitor für die DJs nichts besser machen. Schade! Die DJs waren unterschiedlich. Manche schafften es, trotz der beschriebenen Handicaps einen halbwegs ordentlichen Klang zu liefern. Andere scheiterten leider komplett an ihrer Aufgabe. Auch ein dezenter Hinweis und ein anschließendes Ändern der Disco-Mixer-Einstellungen brachte leider keine Abhilfe. Mag sein, dass ich mich jetzt dem Ruf aussetze, in dieser Frage besonders kritisch bzw. strikt zu sein. Bei einem rein rechnerischen Durchschnittspreis von ca. 30 € pro Milonga darf so etwas m.E. nicht passieren. Immerhin habe ich zwei DJs beobachten können, die mehrmals während ihres Sets im Raum umher gegangen sind und sich angehört haben, was sie da klangtechnisch ablieferten.
Zentraler als die Technik ist allerdings die Auswahl der Musik. Die war sogar besser als befürchtet. Ich hatte mir eigentlich gar nichts erwartet und war positiv überrascht. Selbstverständlich gab es – dem Zeitgeist folgend – einen Schwerpunkt bei der Musik der 50er und teilweise 60er Jahre. Natürlich kann man beispielsweise Caló, Canaro oder auch d‘Arienzo aus den 50ern spielen, aber dafür opfert man viele Gelegenheiten, gut tanzbare Musik dieser oder anderer Orchester aus den 40ern zu spielen. Ansonsten hielt sich der Anteil der zeitgenössischen Tango-Musik bei etwa 10 bis 20% pro Set. Das ist erträglich, da kann man dann einfach einmal 10 oder 15 Minuten Pause machen.

(Vielleicht schreibe ich an dieser Stelle als Einschub von einer der letzten lokalen Milongas mit „gemischter“ Musik (es war im Oktober): Bei dieser Milonga mit gemischter Musik, die ich (mit einem Tangoübernachtungsgast) besuchen „musste“ waren 80 % traditionell und 20 % zeitgenössisch angekündigt. Wie blieben 11 Tandas. Davon waren 3 Tandas klassischer Tango – allerdings in einer sehr eigenwilligen Zusammenstellung – 4 Tandas von modernen Orchestern und 4 Tandas Musik, die in den USA unter dem Etikett „Alternative“ an Milongas gespielt wird. Nach 11 Tandas hat uns dann die Musik – und in der Folge, die Unruhe auf der Tanzfläche – dermaßen angeödet, dass wir heimgegangen sind.)

Abschließend vielleicht noch zwei Randbemerkungen zu Dingen, die mir aufgefallen sind und die ich so noch nicht kannte:
  1. Das scheinbar „obligatorische“ Armband, das gewissermaßen die Zugangsberechtigung zu den Milongas bildete. Klar, das gibt es mittlerweile auch bei Encuentros; da wird es aber in Handarbeit selbst produziert und ist eine nette Erinnerung. So gab es in Hamburg eine Kordel mit einem kleinen Anker als Anhänger. In Eckernförde gab es einen keinen rohen Bernstein an einem Wollfaden, in Lillehammer einen blauen Wollfaden mit einer roten und weißen Holzkugel und in Saarbrücken gibt es auch immer etwas Selbstgemachtes. Das finde ich regelmäßig sehr charmant. Ein professionelles Armband, das unter Verwendung einer speziellen Zange quasi verplombt wird, halte ich für übertrieben.
  2. Ein Dauerbrenner ist meines Erachtens auch die Frage des Fotografierens bzw. des Filmens. Einerseits mag in Zeiten von SocialMedia jeder ansprechende Fotos von sich bei Facebook oder anderswo sehen. Zusätzlich sind diese Fotos auch für den Veranstalter die günstigste Form der Werbung. Andererseits nervt es höllisch. Wenn ich eine Tanda mit einer Partnerin tanze, dann konzentriere ich mich auf sie. Für ein fotogenes Gesicht sind – zumindest bei mir – keine Kapazitäten mehr frei. Deshalb kann ich gut auf Bilder verzichten. Bei diesem Marathon sprang sogar ein Teilnehmer auf der Tanzfläche herum, um die „besten“ Situationen einzufangen. Das nervt höllisch und evoziert bei mir ketzerische Wünsche, doch einmal einen High-Boleo zu führen (keine Sorge, es bleibt beim hypothetischen Wunsch). Endgültig verlässt mich meine Toleranz, wenn eine Milonga unterbrochen wird um ein gleichsam „offizielles“ Gruppenfoto zu knipsen. Danach ist regelmäßig die Stimmung eingebrochen und der DJ darf wieder von vorne beginnen um einen Spannungsbogen aufzubauen. Ich finde ein solches Vorgehen hochgradig unsensibel und peinlich gegenüber DJ und Publikum.

Als Fazit bleibt für mich: Ich werde vielleicht noch einen weiteren Marathon zur Validierung meiner Einschätzung besuchen. Diese spezielle Veranstaltung werde ich zukünftig meiden.

Ich habe mir meine (!) Eindrücke und Schlussfolgerungen beschrieben, gerne lese ich andere Berichte und Einschätzungen in den Anmerkungen und freue mich auf konstruktive Diskussionen.

20 Anmerkung(en):

La Perla hat gesagt…

Lieber Cassiel, ich stelle gerade fest, dass es deinen Blog bereits 10 Jahre gibt .... herzlichen Glückwunsch, La Perla

Wiener Milonguero hat gesagt…

bzw. hat zitiert:

".. Ich habe lange nicht veröffentlicht .."
".. Ich persönlich finde das immer ein wenig schade .."
".. Im Netz liest man ja häufiger kritische Meinungen .."
".. Das war phasenweise durchaus anstrengend .."
".. Danach ist regelmäßig die Stimmung eingebrochen .."
".. Als Fazit bleibt für mich: .."
".. Die(s) war sogar besser als befürchtet .."

Also guten Mutes und nur zu !
Ich freue mich auf künftig "neuere" Blogbeiträge ! :-D

Mit optimistisch-kollegialen Grüssen aus dem 1. Bezirk
Wiener Milonguero

cassiel hat gesagt…

@La Perla
Genau genommen sind es ja noch ein paar Wochen bis zum Zehnjährigen … und das Alter eines Blogs ist dann doch wahrscheinlich eher sekundär. Trotzdem habe ich mich gefreut. Du kommentierst ja auch schon eine gefühlte Ewigkeit. Danke

@Wiener Milonguero
Danke für Deine Zeilen und einen Gruß zurück nach Wien.

Tango-Freundin hat gesagt…

Hallo Cassiel,


schön, dass Du mal wieder Zeit findest,
auch hier etwas über den Tango zu plaudern! ;-)

Du schreibst u.a.:
"Es wäre mit vergleichsweise minimalen Aufwand eine rücksichtsvolle und angenehme Umgebung zu etablieren."

Kannst Du bitte noch etwas genauer ausführen,
was Du damit alles meinst?

Hast Du dabei z.B. V. a. das konsequentere Befolgen der einschlägig
bekannten "codigos" eben durch _alle_ auf dieser Milonga
tanzenden Besucher im Blick?

Denn es würde ja vieles bereits allein dadurch deutlich angenehmer,
wenn zum Bsp. trotz des dort offenbar etwas größeren Platzangebotes
die Führenden dennoch nicht völlig willkürlich zwischen den Ronda-Spuren
hin- & herspringen, sondern in ihrer einmal ausgewählten Spur während
der aktuellen Tanda dann auch zuverlässig bleiben würden. ((#1))

Und wenn dann zusätzlich noch (vor allem) die Führenden (aber durchaus
nicht nur sie sondern auch ihre Folgenden.. ) bereits _vor_ dem Betreten
der Tanzfläche den klärenden Blickkontakt mit dem herannahenden Tanzpaar
suchen, dann ist ja schon ganz viel für eine angenehme Tanz-Atmosphäre gewonnen! ((#2))


Dieses "weite Feld" der Milonga-Codigos wurde allerdings ja schon von Vielen
und auch schon viele Male seit vielen Tango Generationen beackert. Die erfolgreiche
Verbreitung dieser Codigos scheint also eine wahre Sisyphusarbeit zu sein und
sie können wohl nur mit unendlicher Geduld immer wieder dem
"flatterhaften" Milonga-Publikum nahe gebracht werden .. ;-)


Daher bin ich eigentlich doch noch mehr neugierig darauf, ob Du mit dem von
Dir angesprochenen "vergleichsweise minimalen Aufwand" womöglich etwas ganz
anderes in den Blick nehmen wolltest?

Denkbar wären dabei ja auch strategisch geschickt eingesetzte Maßnahmen
seitens des Veranstaltungs-Teams, zum Bsp.:

- eine den Gesamtraum entsprechend ordnende Struktur aus Stühlen und
Tischen (oder anderen Raumteilern wie z.B. kleinen Zier-Palmen o.ä.),
mit ausreichenden und gut geeigneten Zugangsmöglichkeiten
zur eigentlichen Tanzfläche

- "Lorem ipsum dolor sit amet, .."

- "consectetur adipisici elit .."

..

=> Ich freue mich auf kreative Tipps und
entsprechende Ergänzung meiner "Platzhalter" ! :-)



P.S. bzw Anmerkungen:
---------------------

((#1))

Aus meiner Perspektive kann ich ein solches "Springen" nur in einem einzigen Fall gutheißen, nämlich wenn das Tanzpaar vornedran gefühlt 1/2 Lied lang an derselben Stelle verharrt (egal ob - in vermeintlicher "argentinidad" - noch miteinander redend, oder auch umeinander kreiselnd), und dabei jede Rücksicht auf den Flow der Gesamt-Ronda vermissen lassend.

Das "ausnahmsweise "Springen" ist natürlich immer nur unter der Voraussetzung ok, dass die Tanzpaare in den anderen Ronda-Spuren dadurch in keiner Weise beeinträchtigt werden!


((#2))

Hier muss ich Dir jedoch zustimmen:
diese Vorsichtsmaßnahme (aka "der cabeceo unter Führenden") ist auch nach meiner Beobachtung leider viel zu wenig verbreitet, obwohl man ihn bestimmt schon bei mehreren Tango-Lehrern im Unterricht gehört hat, und obwohl einzelne Maestros sogar Videos dazu bei YouTube eingestellt haben.

So ganz überzeugend fand ich zwar bisher keines davon, aber dieses hier probiert es zumindest auf einer etwas humoristischen Schiene, konkret ab Minute 01:50 :

https://youtube.com/watch?v=xMmAKi3v3nM

cassiel hat gesagt…

Hallo Tango-Freundin, vielen Dank für Deine ausführliche Anmerkung. Beim Lesen Deiner Zeilen ist mir aufgefallen, ich habe mich möglicherweise nicht präzise genug ausgedrückt. Ich habe die Formulierung „[…] mit vergleichsweise minimalem Aufwand […]“ auf die einzelnen Teilnehmenden bezogen. Für Veranstalter und DJs ist es schon etwas aufwendiger, entsprechende Unterstützung zu geben (aber gewiss nicht unmöglich).

Fangen wir vielleicht mit den Teilnehmenden an. Jede(r) kann für sich entscheiden, ob sie oder er die Veranstaltung konsumiert (und im Zweifel seine Bedürfnisse priorisiert), oder ob man sich als Teil einer größeren Gemeinschaft sieht und sich „berechenbar“ (also im Sinne der Gepflogenheiten) verhält. Das kostet eigentlich keine Mühe. Das Springen zwischen den Spuren (oder auch das Tanzen zwischen den Spuren) bringt erhebliche Unruhe in eine Ronda. Nun kann man sich überlegen, weiß es der entsprechende Tanguero einfach nicht, oder verhält er sich vorsätzlich so, weil es für ihn scheinbar bequemer ist. Ich gebe zu: Diese Frage ist nicht in jedem Fall zweifelsfrei zu beantworten.
Und auch wenn ein Paar nach dem Einsetzen der Musik die verbale Konversation noch zu Ende führt, heisst dies noch lange nicht, dass ich nun überholen muss. Ich kann auch ganz geduldig auf der Stelle tanzen und kurz warten, bis sich auch dieses Paar in Bewegung setzt. Nun kommt der Aspekt meiner inneren Einstellung den Mitmenschen gegenüber zum Tragen. Ärgere ich mich über den Führenden vor mir, der etwas länger mit seiner Tanzpartnerin redet, weil er mir den Weg verstellt, oder freue ich mich für ihn, weil er offensichtlich das Gespräch genießt. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es ja auch möglich ist, dass sich diese zwei Menschen vielleicht lange nicht gesehen haben und nun das Bedürfnis verspüren, länger zu reden.

Ein Veranstalter kann eine gute Ronda vorleben. Wenn er sich an die Gepflogenheiten hält und entsprechend tanzt, dann hat das bestimmt einen guten Einfluss. Außerdem beruhigt ein geometrisch perfektes Layout der Tanzfläche (wenn möglich mit vielen „Ein- und Ausgängen“) natürlich die Ronda. Ach ja: Wenn es mir als Teilnehmer zu ruppig wird, dann reihe ich mich sehr gerne hinter einem diszipliniert tanzenden Paar in der Ronda ein. Ab und zu bemerke ich, dass sich die Schlange verlängert und andere Führende es ebenso halten. Das fällt den übrigen Teilnehmenden dann auch irgendwann einmal auf.

Ich persönlich habe überhaupt keine Probleme damit, wenn ein Veranstalter vorab freundlich seine Wünsche und Vorstellungen über den Charakter seiner Veranstaltung schriftlich kommuniziert. Das geht – entgegen mancher anderslautender Behauptung – ohne Belehrung und sehr freundlich. Tango-Tanzende sind in der Regel vernunftbegabt und bekommen das schon mit.

Als DJ kann ich auf die Tanzfläche schauen und mir überlegen, wie es den Tanzenden mit meiner Musik geht. Ist es einmal zu komplex geworden, dann ich ich mit vergleichsweise klar strukturierter oder heiterer Musik gegensteuern.

Sorry, dass es etwas länger geworden ist. Ich hoffe, ich habe Deine Frage(n) beantwortet.

M. hat gesagt…

Für mich ist es immer noch ein Rätsel, ob all diese Regeln beim Tango wirklich notwendig sind. Als Anfängerin hat man ja kaum eine Chance, alles richtig zu machen und deshalb hat man auch kaum die Möglichkeit an einem Encuentro oder Marathon teilzunehmen. Bei Encuentros ist es nach dem, was ich gehört habe, sogar noch schlimmer als bei Marathons. Warum wird das gemacht? Ich sehe den Sinn nicht. Ich will doch nur tanzen.

Osvaldo hat gesagt…

Liebe M.

Die Regeln dienen einem harmonischen Miteinander auf und um die Tanzfläche herum (quasi als Grundlage, damit dein "Ich will doch nur tanzen" möglich wird...)

Daher sind Regeln m.E. nicht „schlimm“, sondern absolut notwendig, wenn viele Menschen gemeinsam an einer Milonga auf kleinem Raum teilnehmen.

M.E. gibt es im Wesentlichen zwei Gründe, warum Anfänger auf Marathons/Encuentros nicht an der richtigen Adresse sind:

1.Als Anfänger fehlen einem schlicht die technischen Mittel, um auf begrenztem Raum gut und harmonisch tanzen zu können

2. Das durchschnittliche Niveau der anderen Tänzer ist für Anfänger zu hoch als dass genügend andere Teilnehmer „Lust“ auf ein gemeinsames Tanzerlebnis verspüren

Was mich immer wieder wundert: wenn ich irgendeine Sportart (z.B. Tennis, Fußball, Handball, etc.) zum Vergleich nehme, dann ist jedem Anfänger sonnenklar: ich werde jetzt nicht gleich in der Bundesliga starten…
Beim Tango hingegen haben scheinbar einige Anfänger den Anspruch überall und mit jedem anderen tanzen zu können. Sehr seltsam, verstehe ich irgendwie nicht… Naja…

Allgemein kann ich dieses scheinbar beliebte „Bashing“ von Marathon/Encuentros überhaupt nicht nachvollziehen (meist durch Menschen, die noch nie auf einem solchen Event waren…).

Denn: Es gibt wirklich mehr als genug Möglichkeiten und Formate für jeden (!) häufig tanzen zu können, es muss nicht gleich ein Marathon/Encuentro sein!

Gruß

cassiel hat gesagt…

Vielen Dank für die beiden letzten Anmerkungen.

@M. 
Ich sehe es weitgehend so wie Osvaldo; allerdings würde ich sagen, es können auch jüngere im Tango an Encuentros oder Marathons teilnehmen. Ich habe jedenfalls schon Menschen bei solchen Veranstaltungen getroffen, die erst ein Jahr (oder noch kürzer) im Tango waren. Es kommt m.M.n. entscheidend auf die Lehrer an. Hatte jemand das Glück an Lehrer zu geraten, die nicht in der Figuren-Falle waren und Gehen und Musikalität schwerpunktmäßig unterrichtet haben, dann hatten diese Menschen auch Freude bei solchen Veranstaltungen. Anfängerinnen und Anfänger (wirklich ein doofes Wort), die in Figuren verhaftet sind, haben allerdings (wie Osvaldo richtig bemerkt hat) große Schwierigkeiten.

@Osvaldo
Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass der Begriff „Regeln“ unglücklich ist. Da habe ich schon zu viele Diskussionen erlebt, die rein auf den Gegensatz „Regeln“ vs. „Freiheit“ abstellten. In der Sache hast Du Recht. Ich würde aber lieber von „Konventionen“ oder „Gepflogenheiten“ sprechen. Wir können Sport oder vielleicht auch die Teilnahme am Straßenverkehr heranziehen, allerdings hilft das in der Diskussion nicht weiter. Da wird dann immer mit dem o.g. Gegensatz argumentiert.
In jüngster Zeit entwickelte sich ein anderer Erklärungsansatz in meinem Kopf. Nehmen wir doch als Vergleich das Verhalten in einem ordentlichen Restaurant. Hat man das Glück, von einem „guten“ Ober bedient zu werden, dann reicht in Blickkontakt um zu signalisieren, man hat eine Frage, einen Wunsch. Andere Gäste, die lautstark „HERR OBER!“ durch den Saal rufen, werden als störend empfunden. Und es ist ein vergleichbares soziales Interagieren. Ein Ober hat fast immer auch einen Anspruch an seinen Beruf und schätzt es, wenn er nicht verbal heranzitiert wird. Natürlich wird der Ober oder Kellner auch einen Gast bedienen, der – unter Missachtung der Spielregeln – laut nach dem Ober oder (möglicherweise latent aggressiv) „ENTSCHULDIGUNG!“ ruft. Angenehmer für alle Beteiligten sind die etwas sensibler Agierenden.
Das nur als kleinen Denkanstoss. Vielen Dank für Deine Anmerkung.

Anonym hat gesagt…

Ist das nicht etwas abstrakt für einen Anfänger? Richtiger Lehrer ...
.. Figuren-Falle waren und Gehen und Musikalität schwerpunktmäßig ...
Keine Figuren, Gehen, Musikalität, was soll sich denn ein Anfänger im Tango darunter vorstellen?
Zeige ein ihr paar Beispiele wie es sein soll, Encuentrovideos gibt es ja genug bei Youtube

Grüsse Hans

cassiel hat gesagt…

@Hans 
Vielen Dank für Deine Anmerkung. Ich versuche Deine Frage zu beantworten. Hmmm … klar ist das abstrakt. Ich denke, die tiefere Ursache liegt in einer bestimmten Auffassung vom Tango, die uns mindestens seit etwa 10 bis 20 Jahren begleitet. Das hat für mein Empfinden sehr wenig mit Tango; vielmehr mit einem verschulten Verständnis von Tanzunterricht (egal welcher Stilrichtung) zu tun. Es geht um Figuren oder Sequenzen (möglicherweise lässt sich so etwas auch wesentlich besser „verkaufen“). Da werden junge Tänzerinnen und Tänzer mit Schrittfolgen konfrontiert und vergessen dabei, dass es um viel elementarere Dinge geht … ein gute Haltung, eine angenehme Umarmung, eine angemessene Art sich zu bewegen und um eine Verbindung mit der Musik.

Ich bin momentan gerade in England und ich war gestern auf einer kleinen lokalen Milonga. Ich war sehr beeindruckt, wie dort Tango getanzt wurde. Selbst die frischen Tänzerinnen und Tänzer haben durchweg musikalisch getanzt (und nebenbei bemerkt: die Ronda respektiert).

Videos davon kenne ich nicht, aber es ist garantiert möglich, die üblichen Fallen im Unterricht für Beginnende zu vermeiden.

Anonym hat gesagt…

Ich versuche mal eine Erklärung zum Thema "Figurenfalle" und Musikalität. Videos helfen zu dem Thema auch nicht weiter, es ist daran vielleicht ein Unterschied zu sehen, aber nicht, was den Unterschied denn ausmacht.

Viele Lehrer lehren in ihrem Unterricht feste Abläufe von Figuren, 4,6,8, oder auch mehr Schritte. Solche festen Abläufe sind für eine Milonga und für eine Interpretation der Musik denkbar ungeeignet. Es passt platzmässig nicht, es ist ein Schritt zuviel oder zuwenig, um mit einer musikalischen Phrase abzuschließen oder eine Pause einzuhalten. Was man als Tänzer braucht, ist ein Repertoire an einzelnen Schrittelementen, die man wie einen Baukasten in der Improvisation zusammenzusetzen kann.

Ich möchte mal ein Bild wagen. Wenn man jemanden eine neue Sprache beibringen will, kann man ihm ganze Sätze beibringen. Damit kommt man aber nicht weit, der Schüler muss selbstständig Sätze aus einzelnen Worten zusammensetzen können. Und sollte die Grammatik lernen.

Beim Thema Musikalität geht es darum, die Musik mit ihren musikalischen Teilen, Pausen, der unterschiedlichen Energien und Rhythmen zu interpretieren. Dazu muss man das Hören lernen, um solche Elemente zu erkennen. Und braucht dann die notwendigen "Worte", um das im Tanz auszudrücken. Auch hier passt das Bild der Sprache: man kann sich mit wenigen Worten verständlich machen und auch Emotionen ausdrücken. Für Literatur braucht etwas mehr Fertigkeiten, aber nicht zwingend viele Worte.

cassiel hat gesagt…

Schön beschrieben … vielen Dank!

donato hat gesagt…

Ah, Cassiel ist noch an Bord! Schön! Ja, das Meiste wurde früher schon hin und her diskutiert. Beginner könnten den alten Kram ja mal durchschmökern (allzu Langes kann man ja überfliegen). Aber auch der Tango entwickelt sich weiter und manchmal gibt es neue Themen. Außerdem ist es - wie auf einer Milonga - auch ganz nett, einfach mal wieder mit einander zu quatschen (natürlich nicht zu laut während der Tanda).
Insgesamt sind die Tango-Tanzenden in unserer Region routinierter geworden. Kaum noch Tritte in die Hacken. Einigermaßen Ronda-Vernunft. Erwische mich durchaus dabei, wie ich manchen Trödlern und Breitspur-Tänzern durch Spur-Verlassen aus dem Weg tanze. Tut mir leid - manchmal verlässt einen einfach die Geduld.
Nochmal zu der aktuellen Diskussion hier zu den Codigos: Das sind zum größten Teil naheliegende alltägliche Verhaltens-Regeln, die auch bei anderen Tänzen und im Alltag gelten. Aber wir alle brauchen immer mal wieder eine Anregung (Tanz-Lehrer, Blogs, Literatur, u.a.m.)um uns wieder daran zu erinnern.
Zu den Themen Musiktanzen und Schritt-Repertoire/Variabilität wurde weiter oben bereits prima das Wesentliche gesagt.
Herzliche Grüße.

cassiel hat gesagt…

Hallo Donato, schön von Dir zu lesen. Ja, ab und zu schreibe ich noch. :-)

Anonym hat gesagt…

Respekt! Hab ich gar nicht gewusst ..... diesen Blog gibrt es seit 10 Jahren. Das haben mir zwei Blogartikel verraten, wie sie unterschiedlicher hätten kaum ausfallen können. Schau mal hier:

http://kroestango.de/aktuelles/seit-zehn-jahren-plaudert-cassiel/

und hier ..

http://milongafuehrer.blogspot.com/2019/02/personliche-erklarung-zu-einem-jubilaum.html

Das muss man erst einmal hinbekommen. Hut ab!

cassiel hat gesagt…

Ich denke, man sollte diese zehn Jahre nicht überbewerten. Früher oder später kommt jedes Blog an diesen Punkt. :-) Bei Thomas habe ich auch schon kommentiert, zum Artikel von Gerhard mag ich nicht schreiben – ein „typischer Riedl“, wie er seit Jahren veröffentlicht wird nur leider nicht wahrer wird. Gerhard hat sich über Jahre in der Wagenburg seiner Vorurteile und seiner verzerrten Eigenwahrnehmung eingeigelt und eine Entwicklung ist leider nicht auszumachen. Schade.

wirdschonwerden hat gesagt…

Glückwunsch zum Jubiläum, Cassiel!

Mir fehlt etwas der Grund *warum* Du überhaupt einen Marathon angetestet hast. Ich habe bisher einmal ein großes Festival besucht - weil ich zufällig zu der Zeit an dem Ort war. Was soll bei der Motivationslage schon groß herumkommen? Ich werde zukünftig einen Bogen machen, wenn die Tickets über Eventplattformen (Eventim, Eventbride, ...) "vertickt" werden.

Und Armbändchen sind bei größeren Verandstaltungen praktisch, bei einem Encuentro signalisiert sowas m.E. bereits "Übersicht verloren". Wobei von den genannten vier Encuentros mit originellen Armbändern dieses Jahr wohl auch nur noch zwei stattfinden...

cassiel hat gesagt…

Hallo wirdschonwerden, Danke für Deine Anmerkung. Zu Deiner Frage, warum ich überhaupt einen Marathon besucht habe: Ich kenne einigermaßen die Encuentro-Szene und die Beteiligten. Die Marathon-Welt ist eine andere (auch wenn die Unterschiede mehr und mehr verschwinden). Ein Bekannter von mir hat einmal den Unterschied zwischen Encuentro und Marathon so beschrieben: Bei einem Encuentro tanzt Du zuerst und gehst ggf. anschließend an die Bar auf einen Drink und ein Gespräch. Bei einem Marathon triffst Du jemanden an der Bar und irgendwann entschließt ihr Euch, zu tanzen. Das ist natürlich sehr pointiert, aber es trifft die Situation ganz gut.
Musikalisch ist ein Marathon eher in den 50er Jahren angesiedelt. Es gibt da deutliche Unterschiede. Die Art zu tanzen ist expressiver, raumgreifender. Dementsprechend ist das Marathon-Publikum im Durchschnitt eher jünger.
Mich hat es einfach einmal interessiert … deswegen habe ich mich angemeldet.
Eine Anmeldung über einen großen Ticket-Verkäufer wäre ein k.o.-Kriterium für mich. Die Veranstaltung wäre vermutlich viel zu groß. Ich nehme schon einen deutlichen Unterschied wahr, ob eine Veranstaltung 120 bis 150 Teilnehmer hat, oder ob es doch eher an die Grenze voen 200 Teilnehmenden geht. Das ist eine komplett unterschiedliche Energie im Raum. Bei einem professionellen online-Ticket-Dienst wäre zudem auch nicht sichergestellt, dass der Veranstalter alle Teilnehmer kennt. Damit würde die Veranstaltung unpersönlicher. Deswegen ist bei einer Teilnehmerzahl von 200 bei mir persönlich eine Grenze erreicht.

Anonym hat gesagt…

Hallo Cassiel,

Gratulation zu Deinem Jubiläum :-) !

ad G.Riedl: da hast Du es gewagt zu schreiben: " ein „typischer Riedl“, wie er seit Jahren veröffentlicht wird nur leider nicht wahrer wird."

Und da hat der Herr Oberlehrer gleich wieder etwas zu verbessern gehabt: "Aha: "Wahr" kann man also auch steigern: "wahrer" und am "wahrsten"? Nö, wenn's stimmt, ist es halt wahr und kann daher nicht wahrer werden..."

Und was schreibt Riedl selbst?: "Nun, welche Argumentation hat „mehr Sex“? Ganz klar die erste – was sie leider nicht wahrer macht…"

Da hat der Riedl wohl danebengehaut - im wahrsten Sinne des Wortes :-)

cassiel hat gesagt…

Hallo Anonym, soll ich Dir ein Geheimnis verraten … so ganz unter uns. Was Gerhard schreibt oder auch nicht schreibt, es interessiert mich nicht. Manchmal stelle ich mir vor, wie anstrengend es sein muss, wen man so gestrickt ist. Mit seiner Kritik an meiner Ausdrucksweise hat er ja objektiv Recht. Nur ist es allerdings im Tango leider so, dass so ziemlich niemand die Rechthaber mag. Man könnte direkt Mitleid entwickeln.

Also warten wir doch lieber auf die nächste schöne Milonga mit traumhaften Tandas und lassen den Gerhard in Klein-Pöselsdorf weiter granteln…