Dienstag, 31. Dezember 2019

„Die «alte» Musik ist langweilig“ … wirklich?

Es hätte genügend Möglichkeiten gegeben, über den Jahreswechsel irgendwo eine mehrtägige Tangoveranstaltung zu besuchen. Angebote gibt es beinahe im Überfluss. Wir haben uns aber sehr bewusst entschieden, wieder einmal für ein paar Tage in eine Hütte in den Bergen zu fahren – ohne den Rummel einer größeren Gruppe von Tangueros und Tangueras – nur ganz einfach … zu zweit. Wandern, Lesen, Kochen, Essen, Trinken, Schlafen und natürlich Musikhören.

Im Gepäck waren dieses Mal die Bücher von Michael Lavocah (Tango Masters – in der Reihe sind bis jetzt Bücher zu Aníbal Troilo, Osvaldo Pugliese, Carlos di Sarli und Juan d'Arienzo erschienen). Gestern abend gab es intensives Hören der Werke von Carlos di Sarli.


In diesem Text geht es wieder einmal um die Musik. Auch nach Jahren im Tango ist es ein Gewinn, sich immer wieder neu intensiv mit der Musik zu beschäftigen. Die Bücher von Michael Lavocah sind ein guter Grund, noch einmal genau hinzuhören, zu lesen und erneut zu hören. Auch wenn man diese Titel alle kennt, getanzt hat und sein eigenes Verhältnis zu diesen Kleinkunstwerken entwickelt hat; es ist wieder ein kleiner Meilenstein in der persönlichen Beziehung zur Musik wenn man noch einmal bewusst hört und versucht, die Gedanken von anderen nachzuvollziehen.

In den beiden letzten Büchern von Michael Lavocah (Carlos di Sarli und Juan d'Arienzo) gibt es am Ende des Buches jeweils einen Abschnitt, in dem exemplarisch 10 Stücke für ein bewusstes Hören vorgeschlagen werden. Ein (wie ich finde) guter Ausgangspunkt, das eigene Verhältnis zur Musik des entsprechenden Künstlers noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, rhythmische Besonderheiten, raffinierte Stellen in der Instrumentierung oder kleine (und große) Kunstgriffe der Sänger zu entdecken.

Es ist diese Reichhaltigkeit im Werk der einzelnen Orchester, die mich immer wieder verblüfft und anstiftet, genauer hinzuhören und mir Gedanken zu machen. Gestern abend war Carlos di Sarli an der Reihe. Ein immer wieder vorgetragenes Argument gegen die „alte“ Tangomusik lautet: Es ist zu wenig Variation. Alle Stücke klingen irgendwie gleich. Diesen Standpunkt habe ich schon so häufig gehört … ich konnte ihn noch nie nachvollziehen. Wenn wir vom Orchester Carlos di Sarli sprechen, dann reden wir im Prinzip von mindestens vier verschiedenen Orchestern. Carlos di Sarli hat von 1928 bis 1959 aufgenommen. Das sind ca. 30 Jahre. Nicht nur die Besetzung seines Orchesters hat sich laufend geändert, auch sein Stil. Mit jedem Sänger gab es zusätzlich einen Künstler, der den gesungenen Tangos seine individuelle Note mitgab. Roberto Rufino, Alberto Podestá und Jorge Duran (um nur einmal die ersten drei großen Sänger des Orchesters zu nennen) legten jeweils andere Schwerpunkte, verliehen den Tangos einen individuellen Charakter und formten so eigene Unterkategorien der Musik. Um es vielleicht noch konkreter zu sagen: Wenn wir über einen Tango von di Sarli sprechen, dann müssen wir u.U. auch das Aufnahmejahr hinzufügen. Die Komposition Milonguero viejo zu Ehren seines Lehrmeisters Osvaldo Fresedo beispielsweise, hat di Sarli insgesamt viermal instrumental eingespielt (1940, 1944, 1951 und 1954). Obwohl es immer die gleiche Melodie ist, haben wir hier vier grundverschiedenene Stücke.

Oder nehmen wir ein paar Beispiele aus dem ausführlichen Teil, in dem Einzeltitel besprochen werden. Häufig werden zentrale Passagen des Textes wiedergegeben oder bei Instrumentaltiteln die Überschriften erklärt.
So erleben wir beispielsweise das Vogelgezwitscher in der Morgendämerung bei El amanacer, in Indio manso hören wir – ähnlich wie bei Bahia Blanca – die Wellen des Atlantiks. Wir erleben einen fantastischen Pianisten mit einer soliden Ausbildung in den Solo-Stellen des Titels La cachila (ganz deutlich in der Version aus dem Jahr 1952). Oder es gibt eine Möglichkeit nachzulesen, warum Corazón aus dem Jahr 1939 – die erste Aufnahme mit Roberto Rufino, eine kleine Revolution im Tango war.
Ein weiterer Punkt ist das Nachvollziehen der Entwicklung der Musik eines Orchesters über die Jahre oder Jahrzehnte. Bei di Sarli geht es Ende der 20er Jahre mit dem Sexteto los. Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre hört man den treibenden Einfluss d'Arienzos bevor sich (etwa 42 oder 43) der eigene Stil durchsetzt. Ende der 40er -, Anfang der 50er Jahre verschiebt sich der musikalische Schwerpunkt leicht ins Orchestrale. Die um sich greifende Zensur machte auch vor dem Tango nicht halt; ein Ausweg war sicherlich, die Darbietungen weg vom Orquesta Típica hin zu größeren Gruppen von Musizierenden zu verlagern.

Es ist durchaus lohnend, von Zeit zu Zeit bewusst die Musik noch einmal zu hören, sich mit den Themen des Tangos auseinanderzusetzen und spezifische Eigenheiten neu zu entdecken (oder eben wieder zu entdecken).

Es ist eine Schwierigkeit von (Blog-)Texten, dass es nur schwer möglich ist, Gefühle zu transportieren. Vielleicht hilft eine Analogie weiter. Auf der Suche nach einem Vergleich (um dieses bewusste Hören stärker zu motivieren), könnte es möglicherweise lohnend sein, sich einmal zu überlegen, wie wir mit Nahrungsmitteln umgehen. Nehmen wir ein ganz banales Gericht: Nudeln mit einer Tomatensauce und Parmesan. Ein Weg ist es, günstigste Nudeln zu nehmen, eine Fertigsauce aus dem Supermarkt und bereits geriebenen Tütenparmesan zu wählen – es wird schon etwas Essbares dabei herauskommen.
Man kann sich aber auch die Mühe machen und eine kleingeschnittene Zwiebel in nicht zu billigem Olivenöl bei kleiner Flamme ein paar Minuten glasig werden zu lassen, möglicherweise etwas Zucker zu karamellisieren, mit einem Spritzer Wein (vielleicht der Wein, den man später zum Essen trinkt?) abzulöschen, eine Dose Tomaten hinzuzugeben (zu dieser Jahreszeit wird es unmöglich sein, frische Tomaten zu finden, die geschmacklich intensiv genug sind) und mit frisch gemahlenem Pfeffer und etwas Salz abzuschmecken. Kurz vor Vollendung der Tomsatensauce kann man noch Knoblauch, frischen oder getrockneten Rosmarin und eine Spur Olivenöl hinzugeben. Dazu gibt es etwas bessere Nudeln und frisch geriebenen Parmesan. Mit einem Glas Rotwein (auch hier nimmt man bitte nicht den billigsten Wein aus dem Supermarkt, sondern einen Italiener, der beim Trinken an die sanft hügelige Landschaft der Toskana mit hoch-reifen Getreidefeldern, Zypressen am Horizont und den Duft von wilden Kräutern erinnert) hat man die Möglichkeit, geschmacklich auf eine Entdeckungsreise zu gehen. Ist kein Rosmarin vorhanden, nimmt man eben Basilikum - dem Erfindungsreichtum sind kaum Grenzen gesetzt.
Vordergründig bleibt es in beiden Fällen ein einfaches Essen, Nudeln mit Tomatensauce und Parmesan. Aber beim bewussten Essen wird der Unterschied deutlich. Ganz ähnlich ergeht es uns wahrscheinlich, wenn wir die „alte“ Musik hören. Vordergründig mögen die akkustischen Eigentümlichkeiten der alten Aufnahmen überwiegen. Lässt man sich aber auf die Fülle der Details ein, so warten spannende Überraschungen. Die Musiker überfallen uns mit ihrer Perfektion (sie haben z.T. 40 bis 50 Std. pro Woche gemeinsam musiziert), mit ihrem Ideenreichtum und ihrer unbändigen Freude beim Spielen zum Tanz.

Vielleicht ist es ein guter Vorsatz für das kommende Jahr: Die Musik noch einmal intensiv zu hören und begleitend gute Bücher über den Tango zu lesen. Ich kann das nur empfehlen. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen guten Jahreswechsel und viele schöne und erfüllende Tandas im nächsten Jahr. Für mich gibt es heute abend das nächste Orchester … Juan d'Arienzo oder vielleicht Aníbal Troilo … wer weiß?

Die Bücher (Tango Masters) von Michael Lavocah kann man über seine Website (tangomusicsecrets.co.uk) beziehen. Für das Hören gibt es mittlerweile eine Fülle von Möglichkeiten: Für einen ersten Eindruck findet man bei Youtube viele Titel von di Sarli (auf die Dauer reicht das natürlich nicht aus). Viele CDs sind mittlerweile vergriffen, so zum Beispiel die früher häufig gespielten CDs aus der Serie „20 Temas“ von BMG oder die CDs der argentinischen Serie Colleción 78 RPM (Euro Records). Auch die sehr guten Transfers des Japaners Akihito Baba unter dem Label CTA (die habe ich beispielsweise gehört) sind mittlerweile kaum mehr zu erhalten. Es gibt aber eine gute Nachricht: TangoTunes hat die Titel von Carlos die Sarli vom Beginn seines Schaffens mit seinem Sexteto 1928 bis zum Ende seiner Arbeit mit dem Label MusicHall (1954) komplett transferiert und bietet diese Transfers für angemessenes Geld zum Download an. Diese Transfers sind durchgängig höchst erfreulich und es lohnt unbedingt, sich diese Daten zu kaufen.

20 Anmerkung(en):

Tangopeter hat gesagt…

Moin Cassiel und ein glückliches Neues an alle -

Du fragst, ob "alte" Musik wirklich langweilig ist und lieferst die für deren Liebhaber erwartbare Antwort gleich mit. Den Standpunkt von Laien kannst Du nicht nachvollziehen. Das kann ich als Liebhaber zwar verstehen - das Argument von Ottilie Normaltanguera aber auch. Sie hat recht. Sie und Otto kennen meist nix anderes als irgendwie gleichklingende Stücke mit wenig Variation. Woher auch? Allein um diese fantastischen Klangwelten im heimischen Wohnzimmer erlebbar zu machen, bedarf es eines gewissen finanziellen Aufwands für eine auf akustische Instrumente ausgelegte Abhöre beispielsweise. Von nicht mehr erhältlichen Tonträgern will ich gar nicht erst reden. Tangotunes hat eine hervorragende Durchschnittsqualität und verglichen mit anderen Quellen/Labels die niedrigste Quote an Nieten. (Sagen meine Ohren) Für deren "Grundausstattung" sind aber auch ca. 1000 Euro erforderlich. Ottilie und Otto macht eher froh,nur einen einstelligen Betrag für den durchschnittlichen Milongabesuch abdrücken zu müssen. Für Perfektion, Ideenreichtum und Spielfreude interessiert sich kaum jemand. (Sagt meine Erfahrung aus fast 25 Jahren Milongabesuchen, vorwiegend Nord- und Westdeutschland)Deine Analogie zum Essen finde ich treffend, auch dort herrschen die gleichen Mechanismen. Ich nenne sie das Fruchtzwerge-Syndrom. Wer mit Industriemüll großgeworden und entsprechend konditioniert wurde, wird "richtigen" Fruchtjoghurt im schlimmsten Fall als Bedrohung seines Wohlbefindens begreifen. Doch es gibt (vielleicht) noch Hoffnung in Form der Ernährungsdocs beispielsweise. Beim Tango sieht's schlechter aus. Youtube sei Dank. In der Tat bleibt dann nur noch Deine Methode des stillen Kämmerleins, die ich auch anwende. Nach Veranstaltungen, die als Milongas getarnt die Hinrichtung des Tangos befördern, wie wir ihn lieben. Dann knips ich meine alten KEFs mit dem Cambridge Audio an und spüle mir den dumpfen, verzerrten Dreck wieder aus den Gehörgängen. Ein Trost, mehr nicht. Hast Du eine Idee, diesen Zustand zu ändern? Tangodocs? DJs statt DJ's? Und warum ändern?
Läuft doch...

donato hat gesagt…

Einförmige/gleichförmige/sehr ähnliche Spielweisen von Orchestern gibt es doch in vielen Musik-Richtungen. Und wie dort gibt es auch im Tango eine Vielzahl von Orchestern, die sich in ihrer Stilart von einander unterscheiden. Wer also den raschen Stilart-Wechsel liebt,kann ja ganz im Zuge unserer Zeit zu Hause flott auf seiner Fernbedienung herumklicken! Alles Geschmackssache. Wer noch nicht einmal diese Variationsbreite kennt, sollte sich vor Nörgel-Beginn vielleicht erstmal mehr Musik-Auswahl ins Haus holen! Oder ginge es dann doch mal wieder nur ums Nörgeln?
Beim Tanzen wird man/frau ja wohl noch eine Tanda mit 4 Titeln eines Orchesters verkraften können. Natürlich ist es DJ-Aufgabe, die Musik des Milonga-Abends variabel zu gestalten. Die überwiegende Zahl der Besucher wird das erfahrungsgemäß so wünschen. Hektische Klimmzüge, inklusive Non-Tangos, sind dazu nicht erforderlich.
Di Sarli zum Beispiel ist ja auch deshalb so berühmt, weil er eben eine ganz eigene fantastische Spielweise entwickelte (natürlich entsprechend der Zeit verbunden mit großer Perfektion der Musiker und großer Besetzung).Warum sollte er bei so einem großen Orchester diesen, auch finanziell notwendigen, Erfolg durch zu krasses Herumprobieren gefährden? Veränderungen hat er ja, wie in diesem Blog dargelegt, durchaus vorgenommen. Und ehrlich: auch ohne Veränderungen würde ich ihn lieben!
Herzliche Grüße!

cassiel hat gesagt…

[Teil 1 von 2] 
Ich sitze vor dem brennenden Kamin irgendwo in den Bergen und habe gerade die zwei Kommentare gelesen. Vielen Dank! Mir fallen augenblicklich viele Punkte ein, die ich in dem Artikel nicht behandelt habe, die ich aber dennoch für wesentlich halte (ich bin offensichtlich beim Bloggen ein wenig aus der Übung). Ich will versuchen, wenigstens kurz und knapp zu antworten.

@Tangopeter 
Ich sperre mich ein wenig gegen den Gedanken von „Otto“ bzw. „Ottilie Normaltanguer@“. Ich betrachte meinen eigenen Weg und denke, den kann jede(r) gehen. Ich habe ja auch nicht auf einmal tausende Euros ausgegeben und mir gute Aufnahmen und eine entsprechende technische Umgebung gekauft um schließlich dort anzukommen, wo ich jetzt bin. Es ging Schritt für Schritt. Der einzige Unterschied ist vielleicht: Ich habe mir meine Neugierde bewahrt. Das gilt sowohl für die Musik, als auch für meine Tangofertigkeiten (so nehme ich noch heute pro Jahr 20 bis 30 Stunden guten Unterricht).
Ein zentraler Punkt ist der Umgang im Tango mit Dingen, die mir offensichtlich nicht gefallen. Ich bemühe mich, Dinge, die mir nicht gefallen, zunächst auszublenden … oder ich entziehe mich. Du spichst explizit die DJs an. Das ist ein wunder Punkt. Ich finde, es gibt zu viele schlechte (oder unvorbereitete) DJs. Ich versuche, mich nicht zu beklagen. Entweder ertrage ich einen DJ, oder (was immer häufiger vorkommt) ich gehe erst gar nicht zu der Milonga. Meckern gilt nicht (jedenfalls für mich – zu viele negative Gedanken lassen meinen Tango unmittelbar leiden). So habe ich für das kommende Jahr beispielsweise auf den Besuch von zwei Tangowochenenden verzichtet (weil mir die angekündigten DJs überhaupt nicht gefallen). Und wenn ich einen schlechten DJ erlebe, dann kann ich mittlerweile ganz entspannt sitzen bleiben und mich unterhalten (um den Preise, dass mich andere als arrogant oder als Tango-VIP etikettieren). Anschließend kommt der (oder die) DJ still und leise auf meine „schwarze Liste“.
Bei schlechten Anlagen ist meine Toleranz mit den Jahren größer geworden. In vielen Fällen ist es eine Frage der Einstellungen der Anlage und der Bedienung durch den DJ (vor ein paar Wochen habe ich einem DJ bei einem Tangowochenende geholfen, die Anlage zu optimieren – das waren zwei Stunden an einem Sonntagmorgen. Danach klang die Anlage wenigstens halbwegs ordentlich). Wie gesagt: Negative Gedanken lassen den eigenen Tango leiden. Das habe ich in den Jahren gelernt.
Wenn Du mich nach einem Ausweg aus dem Dilemma fragst, dann habe ich auch keinen. Vielleicht muss man es einfach ertragen und seinen eigenen Weg unbeirrt weitergehen. Wenn man die Dinge, die einen stören, nicht unmittelbar ändern kann, dann ist es manchmal hilfreich, die eigene Einstellung zu ändern.

cassiel hat gesagt…

[Teil 2 von 2] 
@Donato 
Auch Dir ein herzliches Dankeschön für Deine Gedanken. Mir ging es bei dem Artikel darum, die Sensibilität beim Hören zu schärfen (oder wenigstens dazu anzuregen). Mir geht dieses unreflektierte Gefasel am Rande der Milonga manchmal auf die Nerven. Es ist fast immer ein Zeichen für mangelndes Zuhören bzw. Reflektieren der Musik. Ich würde mich freuen, wenn mein Artikel wenigstens ansatzweise das Bewusstsein schärfen würde. Vielleicht mache ich das jetzt an konkreten Beispielen fest:

Beispiel Nr. 1: Der Titel „Al compas del corazón
Ein Signaturstück des Orchesters von Miguel Caló. Daran kann die Einspielung von Carlos die Sarli mit Alberto Podestá nicht vorbei. Ich finde die di Sarli-Version durchaus gelungen, spiele sie aber nie, weil Tänzer auf die Version von Miguel Caló mit Raúl Berón geeicht sind.

Beispiel Nr. 2: Der Titel: „Tu! … El cielo y tu!
Für mich persönlich eine der großartigsten Aufnahmen von Carlos di Sarli mit Alberto Podestá. Dieser Titel wurde ebenso von Enrique Rodriguez mit Armando Moreno eingespielt. Für mich kommt die Aufnahme von Rodriguez, dessen Tangos ich durchaus schätze, nicht an die Version von di Sarli heran. Deswegen spiele ich diese Aufnahme nie.

Beispiel Nr. 3: Der Titel: „Gricel“ (auf die Schnelle fiel mir kein weiteres Beispiel von di Sarli ein)
Die bahnbrechende Einspielung von Aníbal Troilo mit Francisco Fiorentino ist so spektakulär, dass es eigentlich keine andere Version geben kann. Francisco Canaro konnte es mit dem Sänger Eduardo Adrian nicht lassen. Für mich persönlich ein „künstlerisches Verbrechen”! Die Aufnahme ist hochgradig langweilig. Wenn ich Canaro aus den 40ern höre, bleibe ich lieber freiwillig sitzen, bevor ich eine Tanguera langweile.

Diese Beispiele habe ich nur deshalb aufgeführt um zu zeigen, es gibt auch bei der „alten“ Musik durchaus Unterschiede. Ein oder zwei schräge Tandas gestehe ich jedem DJ pro Milonga als Experiment zu, wird es mehr, dann fange ich an mich zu ärgern. Der (oder die) DJ ist nicht dazu da, sich selbst zu verwirklichen und möglichst abgefahrene Versionen zu präsentieren. Ich erwarte (gerade von den hochbezahlten Stars), dass sich DJs vorbereiten und wissen, was sie auflegen. Dabei geht es nicht nur um einen konkreten Tango, sondern um die die spezielle Version, die aufgelegt wird. Außerdem sollten gutbezahlte DJs keine MP3s, extrahiert aus YouTube-Videos spielen.
Und einen Wechsel in der Stilart kann man innerhalb der Tangomusik durchaus bewerkstelligen (s.o.).

EL PALEVO hat gesagt…

Schön wieder einen Artikel von Dir zu lesen können. Er, sowie das Thema, gefallen mir sehr gut.
Jedes mal wenn ich mir ein Album neu Kaufe, egal ob Tango, Klassik, Pop, Jazz klingen für mich erstmal alles Stücke gleich. Ein oder zwei stechen vielleicht etwas hervor. Würde ich es dabei belassen würde ich wahrscheinlich überall erzählen. "D´Arienzo mit Bustos, da klingt jedes Lied gleich.". Wenn man aber das Interesse hat sich mit der Musik auseinanderzusetzen und sie intensiv zu hören, dann merkt man wie unterschiedlich sie ist. Man bemerkt, dass "El tigre Millán" eine ganz andere Energie hat als "Y No Puedo Comprender". Noch krasser wenn man noch einen anderen Sänger und eine andere Zeit bemüht. z.B. La Bruja mit Echague oder Bustos. Da kann doch von langweilig keine Rede mehr sein. Des weiteren bemerkt man wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt seine Aufmerksam auf die Musik zu richten. Sowohl beim hören oder beim Tanzen.
Man kann auf die rechte oder die linke Hand des Klaviers tanzen, aufs Bandoneon, auf die Stimme, auf die Geige, auf den Grundrhytmus manchmal auch auf eine Hammondorgel.
Man kann ständig hin- und herspringen und sich treiben lassen zu dem Teil der einen inspiriert. Dass keine Stimme sich übetrieben in den Vordergrund drängt (außer vielleicht Biagi am Piano bei D´Arienzo), Keine im Hintergrund verschwindet, dass man als Tänzer immer die volle Auswahl hat, hat sicherlich mit deinen Worten "Die Musiker überfallen uns mit ihrer Perfektion (sie haben z.T. 40 bis 50 Std. pro Woche gemeinsam musiziert), mit ihrem Ideenreichtum und ihrer unbändigen Freude beim Spielen zum Tanz." zu tun. Bei anderen Genres habe ich das nicht so erlebt, vielleicht manchmal bei Klassik
Ich habe zum Glück eine Audiokette die mir sehr hilft. Wer nicht so viel ausgeben möchte ist mit einem mittelteuren Kopfhörer auch schon gut aufgestellt.

EL PALEVO

cassiel hat gesagt…

[Teil 1 von 2 - 4096 Zeichen Längenbegrenzung]
@EL PALEVO 

Soweit ich mich erinnern kann, hast Du hier noch nicht geschrieben – zumindest nicht unter diesem Namen. Es freut mich sehr, von Dir zu lesen. Herzlich Willkommen und vielen Dank.

Dein Gedanke, dass auch Pop, Jazz oder Klassik beim ersten Hören zunächst als abgechlossene CD ähnlich klingen, ist ein schöner Vergleich. Ich habe neulich erst nach Jahren wieder einmal die Streichqartette von Beethoven aufgelegt. An den filigranen Klang und an das beinahe nervige Spiel der Streicher im Wechsel musste ich mich zumindest wieder erst gewöhnen. Nicht jede Musik ist unmittelbar eingängig.

Ich finde, es ist auch durchaus eine Qualität der Orchester jener Zeit, dass man das Orchester an Details erkennen kann. So wird man ein Stück von d'Arienzo oder Troilo innerhalb von Sekunden am „Sound“ der Aufnahme identifizieren können. Carlos di Sarli erkennt man sicherlich an der charakteristischen Spielweise des Klaviers. Miguel Caló hat häufig als Signatur den verzögerten Schlussakkord gewählt (Enrique Rodriguez ließ manchmal die letzte Note einfach aus). Edgardo Donato transportierte beinahe italienische Eleganz in seine Musik und das von ihm eingesetzte Akkordeon hört man im Normalfall sofort heraus. Ricardo Tanturi und Julio de Caro waren ebenfalls Anhänger eines charakteristisch gestalteten Endes eines Titels. Rodolfo Biagi war in seinem Klavierspiel einzigartig. Selbst ein Orchester, was sich an einem Massengeschmack orientierte wie Francisco Canaro es getan hat, erkennt man an der Instrumentierung und an der Spielweise. Lucio Demare hat in es seinem vergleichsweise kleinen aufgenommenen Repertoire geschafft, eine individuelle (und damit erkennbare) Spielweise zu hinterlassen. Angel d'Agostino präsentiert sein Werk schlank aber raffiniert instrumentiert …
Die Liste könnte man beliebig verlängern; die individuellen Merkmale der Orchester sind markant, wenn man sich einmal auf die Suche begeben hat.
Kommen wir vielleicht zu einem weiteren Punkt: Der Repertoirebreite. Weil ich im Artikel über Carlos di Sarli geschrieben habe, ist es vielleicht naheliegend, bei dem Beispiel zu bleiben. Es gibt gute 20 Tangos mit dem Sänger Alberto Podestá zieht man nun die paar Aufnahmen ab, die vielleicht nicht so geeignet für die Milonga sind, dann bleiben noch genügend Stücke für vielleicht vier Tandas. Und jetzt haben wir nur über eine einzige Kombination von Sänger und Orchester in den 40ern gesprochen. di Sarli hat aber in seiner Kernzeit auch noch mit Roberto Rufino und Jorge Duran aufgenommen – ganz zu schweigen von seinem beeindruckenden instrumentalen Repertoire. Es ist also möglich, verschiedenste Tandas (gerade auch konkret an einem Wochenende mit vier oder fünf Milongas) zusammenzustellen. Rechnen wir es vielleicht einmal durch: Gehen wir von 20 bis 25 Orchestern aus und i.d.R. zwei Sängern – manchmal mehr; manchmal eben weniger (berühmt wäre hier Ángel d'Agostino, der den größten Teil seines Schaffens mit Ángel Vargas aufgenommen hat). Daneben gibt es dann noch instrumental eingespielte Titel. Das ist ein riesiges Repertoire. Also kann das Argument, es wäre immer die „gleiche“ Musik, nicht verfangen.

cassiel hat gesagt…

[Teil 2 von 2]
Gute DJs behalten die bereits gespielten Orchester an einem Wochenende im Kopf. So gut bin ich nicht. Ich habe im letzten Jahr die letzte Milonga an einem Tangowochenende aufgelegt und mir in den vorangegangenen Milongas jeweils die Orchester/Sänger-Kombinationen und die zeitliche Periode auf einem kleinen Block aufgeschrieben - bei manchen Tandas sogar die Reihenfolge der Titel. Es war überhaupt kein Problem, die letzte Milonga mit noch nicht gespielten Stücken an dem Wochenende zu füllen (bei Vals und besonders bei Milonga klappt das leider nicht durchgängig, bei Tango durchaus). Insofern ist auch die vermeintlich schmale Repertoirebreite kein Argument.

Sorry! Jetzt habe ich Deine Anmerkung zum Anlass genommen und noch ein paar Gedanken zum Artikel ergänzt. Ich bedanke mich abschließend noch einmal für Deinen Beitrag und wünsche Dir alles erdenklich Gute und schöne Tandas für 2020.

Matthias hat gesagt…

Moin Cassiel,

Ich habe mich schon einige Male damit beschäftigt, für andere Tangotänzer Übungen zur Musikalität zusammenzustellen, und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass die Probleme des Europäers mit der Tangomusik im wesentlichen zwei Ursachen haben:

Zunächst haben wir, verglichen mit einem Pistengänger/Milonguero aus der Zeit der EdO, eine völlig unzureichende emotionale Hörerfahrung von Tangos. Ein musikalisches Hörerlebnis kann man erst dann mit eigenen Emotionen füllen, wenn diese Musik in einem gewissen Maß Einzug in den eigenen Alltag gehalten hat. Wir hören hier in Deutschland mitnichten solche Musik ganztags auf manchen Radiosendern, die Straßenmusiker in der Fußgängerzone haben meist keine Tangos im Repertoire, und die Texte der berühmtesten Tangos von Gardel kennen wir nur in Ausnahmefällen auswendig. Für Leute, die Di Sarli nur aus den ersten Tango-Unterrichtsstunden kennen, ist die Musik stilistisch und musikalisch zunächst einmal zutiefst fremdartig. Wir verstehen nicht, was die da singen, und warum der Sänger diese Passage so und nicht anders singt (traurig, dramatisch, schelmisch / Lunfardo vs. Hochspanisch). Einige zig oder hundert Hörstunden können an dieser Fremdheit (manchmal) etwas ändern.

Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass die Zuhörer immer weniger musikalische Grundbildung mitbringen. Ja, ich kann in Stücken Passagen mit Stimme/Gegenstimme erkennen, die Quartvorhalte, die kontrapunktischen Passagen, die Staccato/Legato-Gegensätze, diese ganzen spannenden Finessen eben, die die Aufnahmen der großen Orchester der EdO so interessant machen. Aber ich hatte auch in meiner Jugend einige Jahre recht guten Klavierunterricht, der auch Harmonielehre beinhaltete. Und ich habe mit 16 Jahren wie ein Bekloppter angefangen, Jazzplatten zu sammeln. Der Nicht-Musikkenner von vor 40 Jahren mag Probleme damit gehabt haben, eine solo spielendes Cello in seinem Klang von einem Kontrabass zu unterscheiden, der Nicht-Musiknerd von heute hat das selbe Problem schon mit einer Akustikgitarre und einem Synthesizer...

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass die Mehrheit der Europäer, die versuchsweise Tangomusik hören, voraussichtlich nicht darin eintauchen sondern daran abprallen wird. Wenn man die Anstrengung unternimmt, Tango-Neulingen die Details der Musik näherzubringen, bewirkt man nur bei einigen wenigen etwas. Das ist jetzt nicht entmutigend gemeint, ich möchte nur die Erfolgserwartungen auf ein realistisches Maß eindampfen. Musikhörer, die geübt in konzentriertem Zuhören sind, sind immer noch ein sehr dankbares Publikum. Ich sehe daher die Bücher von Lavocah auch nicht für den unbedarften Hörer geeignet, aber wen die Musik "gepackt" hat und jetzt unbedingt mehr wissen will, der ist bei Lavocah oft genau richtig.

EL MALEVO hat gesagt…

Hallo Cassiel,
ich habe es nur mit Genuß ausgenutz, daß man bei Dir anonym posten darf (und der post direkt erscheint). Seit mich ein ältere argentinische Dame so genannt hat, nenne ich mich gerne El Malevo. Da ich damit aber zum Teil bekannt bin musste ich diesen Namen unkenntlich machen ;-)
Ich finde es gilt: hören, hören, hören. Als ich angefangen habe, konnte ich Rodriguez nicht von Fresedo unterscheiden. An diesem Punkt kann man, in der empfundenen Langweiligkeit. stehenbleiben....oder aber den spannenden Weg weitergehen. Ich kann diese Musik einfach nicht langweilig finden. Selbst wenn mal wieder Canaros Poema gespilet wird, kann man in diesen einfachen Strukturen doch noch etwas finden was man so noch nie getanzt hat.

Wie Du sagtest sind Michaels Bücher wirklich gut um die Musik noch besser kennen zu lernen. Di Sarlis Geigeneinsatz und die rechte Hand des Klaviers sind erst dadurch deutlich in mein Bewusstsein gerückt.

Ich freue mich sehr hier einen neuen Beitrag zu lesen. Ich habe Deinen Blog leider erst zu spät entdeckt, mich darin aber sehr wiedergefunden.
Ich wünsche Dir auch ein Formidables 2020 mit vielen schönen Milongas.

Christian Birkholz


cassiel hat gesagt…

… und noch zwei Anmerkungen – vielen Dank, sehr schön!

@Matthias 
Du hast vermutlich Recht, wenn Du ein eher düsteres Bild von der musikalischen Entwicklung weiter Teile der Tangoszene zeichnest. Auch Deinem Befund bezüglich der Ursachen („völlig unzureichende emotionale Hörerfahrung” und „immer weniger musikalische Grundbildung“) teile ich gerne. Weiterhin finde ich es toll, wenn Du Übungen zur Musikalität zusammenstellst und andere versuchst weiterzubringen - große Klasse! Aber sind Defizite in der Musikalität im Tango wirklich in Stein gemeißelt? Vielleicht bin ich da zu sehr Idealist, aber ich denke, so etwas kann man lernen – schließlich habe auch ich mich in die Musikalität im Tango eingearbeitet. Vielleicht fängt es ganz banal und einfach mit der Frage an, ist Tango nur irgendein Tanz? Oder steckt doch mehr dahinter?
Ich möchte nicht aufhören zu glauben, dass Musikalität im Tango Argentino erlernt werden kann und weil es in oben stehendem Artikel um das Orchester von Carlos di Sarli ging, können wir gleich mit diesem Orchester anfangen. Vielleicht wäre es ein Anfang, wenn sich Tänzerinnen und Tänzer bemühen würden, die Enden der musikalischen Phrasen zu erkennen und umzusetzen (also für einen Moment still stehen und diese Pause nicht einfach durch Bewegung zu zerstören). Man wird ja wohl noch träumen dürfen. :-)

@EL MALEVO 
Den Gedanken, dass man in der Anfangsphase in der „empfundenen Langeweile“ verharren kann, oder „weitergeht“, finde ich sehr treffend.
Auch Dir wünsche ich viele schöne und erfüllende Tandas in 2020.

EL MALEVO hat gesagt…

nicht in Stein gemeißelt!!!
Ich hatte KEINEN einzigen Lehrer der irgendwie verständlich die Musik erklärt hätte. Das mit den zwei Viererphrasen habe ich aus Gerhard Riedels Milongaführer (wie auch andere interessante musikalische Basics)!
Stattdessen lernt man zu Troilo oder Laurenz die Figuren mit einem Rückschritt zu starten.
Hätte mal einer gesagt: Hier bei Malena, bei den meisten Orchestern, da schreit alles danach auf der 7 stehen zu bleiben und dieses Ankommen zu genießen und zu zelebrieren. Dann singt der Sänger einen kleinen Auftakt und dann schreit die ganze Musik danach wieder loszustiefeln.", hätte ich sicherlich schneller Lust an der Musik gehabt, weil ich sie dann stimmig ERLEBT hätte.
Aber ich glaube da tut sich gerade viel, wie ja auch das Engagement von Matthias zeigt und ebenso meine ich zu beobachten, dass die Damen immer selbstbewusster werden und dadurch mehr Musikalität einfordern.

cassiel hat gesagt…

@EL MALEVO 
Es freut mich für Dich, wenn Du etwas in Gerhards Buch gefunden hast, was Dich weitergebracht hat. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass ich das Buch von Gerhard sehr kritisch sehe. Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass man zur Musikalität auch andere – in meinen Augen erheblich bessere – Quellen findet. So hat beispielsweise Joaquin Amenabar ein gutes Buch zur Musikalität im Tango geschrieben und es gibt (auch wenn Gerhard dies bisweilen bezweifelt) gute Tangolehrer, die das erklären können (man muss vielleicht länger suchen).

Deinen Hinweis am Ende Deines Beitrags auf die Damen finde ich übrigens sehr wichtig. Aber ist das ein Einfordern? Ich denke, eine Tanguera kann mit etwas Übung Signale geben und ihren Tanzpartner auf Besonderheiten in der Musik hinweisen. Auch zu diesem Thema findet man mit etwas Suchen guten Unterricht.

Ich wünsche allseits einen schönen Tag.

Yokoito hat gesagt…

Prima Idee, eine Analogie aus dem kulinarischen Bereich zu wählen. Es ist mit der Musik ganz ähnlich. Nichts gegend hervorragend zubereitete Gerichte aus besten Zutaten. Das Problem entsteht in dem Moment, wo die Speisekarte absichtlich reduziert ist - nach der 100. Wiederholung fängt das leckerste Essen an, langweilig zu werden. Zum Glück gibt es zum einen die exotische Küche (die einen oder anderen otros ritmos), zum anderen neue Köche (zeitgenössische Orchester), die alte Rezepte neu interpretieren. Das hebt dann sogar den Genuß der Oldies, weil die Geschmacksnerven Gelegenheit haben, sich etwas auszulüften. Und ja...die Analogie deckt sogar gelegentlich etwas zu gewagte Experimente ab. No risk, no fun.

cassiel hat gesagt…

@Yokoito 
Vielen Dank für Deine Anmerkung. Ich verstehe nicht, wie Du auf die „100. Wiederholung“ kommst, es ist ein häufiger vorgetragenes Argument, aber leider wird es durch Wiederholung nicht zutreffender. Wie in einer anderen Antwort dargelegt, gibt es genügend Auswahl um auch mit den argentinischen Tangos eine (oder mehrere) Milonga(s) abwechslungsreich zu gestalten (und sind wir ehrlich: Im zeitgenössischen Tango bzw. im Non-Tango gibt es genauso viele – wenn nicht sogar mehr – Wiederholungen; so jedenfalls meine Beobachtungen). Ganz generell beginne ich zu glauben, es hat etwas mit der unterschiedlichen Auffassung vom Tanz zur Musik zu tun. Meine Musikalität im Tango kann ich weder zu Non-Tango, noch zu zeitgenössischer Musik ausleben. Deswegen bevorzuge ich die originale argentinische Musik.
Aber es gibt ja auch Angebote für die Tangueras und Tangueros, die das nicht so sehen. Insofern ist doch alles prima.
Schönes Wochenende … :-)

Yokoito hat gesagt…

Ist nur Mathe. Schätzen wir es mal ab. Eine Milonga von 4h Dauer hat ca. 20 Tandas, also 80 Stücke. Bei 2 Milongas pro Woche sind das 100x80=8000 Stücke pro Jahr. Nach 10 Jahren also 80.000 Stücke. Manche sagen, das tanzbare/gespielte Kern-Repertoir umfaßt ca. 2000 Stücke, pessimistischere Zahlen liegen bei 300 bis 500. Macht dann also einen Korridor von 40x bis ca. 240 mal gehört pro Stück. Und das bei Gleichverteilung, ich würde da eher von Klumpenbildung ausgehen. Aber Du hast sicher recht - manche sind da schmerzfreier als andere, was "überhören" angeht. Auch dann würde ich aber nicht unbedingt das Wort "Improvisationstanz" im gleichen Satz verwenden.

cassiel hat gesagt…

Ich würde das spielbare Kernrepertoire je nachdem irgendwo zwischen 1.200 und 1.500 Titeln ansetzten – über 80% davon sind sicherlich Tangotitel. 5 Tandas pro Stunde (also etwa 18,5 Titel pro Stunde – wenn 3 Valses und 3 Milongas gespielt werden) sind ein realistischer Mittelwert. Einmal pro Quartal oder sogar einmal pro Monat einen bestimmten Titel zu hören sollte bei der Milongafrequenz (2 pro Woche) durchaus verkraftbar sein.
Ich bezweifele, dass es 1.200 oder 1.500 hochwertige zeitgenössische - bzw. Non-Tangotitel gibt. Deshalb ist das Wiederholungsargument nicht stichhaltig. Und über die musikalische Qualität haben wir jetzt noch nicht einmal gesprochen …
Der von Dir ins Spiel gebrachte Begriff: „Improvisationstanz“ hat – zumindest in der Theorie – noch immer seine Gültigkeit. Ich kenne keine Tänzer, die einen Titel immer gleich tanzen (außer Bühnentänzer, die eine Choreografie tanzen – aber die lassen wir jetzt hier einmal außen vor).

Yokoito hat gesagt…

Wunderbar, dann haben wir bei den Zahlen ja gute Übereinstimmung. Nur - Du scheinst Non/Neos und Titel zeitgenössischer Orchester als "oder" zu zählen. Dafür gibt es keinen Grund. Ich werte sie als "und", sie vergrößern ja die Gesamtzahl brauchbarer Titel und bringen damit die eingangs meiner Kommentare angesprochene Vielfalt. Wobei zeitgenössische Musiker eine wichtige Eigenschaft haben: Sie schauen sich die Radieschen noch nicht von unten an. Das hat gleich drei Vorteile: a) können sie noch weitere Titel einspielen, die Gesamt-Titelzahl vergößert sich also weiter; b) liefern ihre Aufnahmen einfach besseren, weil artefaktfreien Sound; und c) kann man sie sogar live erleben, was nochmal zusätzliche Genußmöglichkeiten bietet.

cassiel hat gesagt…

@Yokoito 
Vielen Dank, dass Du noch einmal geschrieben hast. Ich fürchte, ich verstehe Dein Problem nicht so ganz. Ich habe weiter oben bereits geschrieben, wir reden hier nicht über Tanzmusik sondern über Tango. Ob die Musiker bereits gestorben sind, oder noch leben ist unerheblich für die Qualität des Musizierens (und der ganz überwiegende Teil der Tangotänzerinnen und -Tänzer bevorzugt nun einmal die Aufnahmen aus Argentinien, die vor gut einem halben Jahrhundert eingespielt wurden). „Artefakte“ gibt es in den alten Aufnahmen nicht (wenn man nicht gerade schlechte Raubkopien als MP3s spielt) und ich bezweifele, dass von modernen Orchestern in absehbarer Zeit Titel eingespielt werden, die auch nur annähernd an die Qualität der alten Aufnahmen herankommen. Live wird es nach meiner Erfahrung leider auch nicht besser.
Ich sehe das Problem nicht, da ja jede und jeder Tango nach seinen Vorlieben organisieren kann. Es gibt Angebote mit ausschließlich älteren Aufnahmen und Menschen mit anderen Präferenzen dürfen gerne ihre Vorlieben in ihren Milongas organisieren (auch wenn sie dabei mit alternativer Musikgestaltung manchmal nicht über Wohnzimmergröße hinauskommen). Für weitergehende Ansprüche an die musikalische Gestaltung eines Großteils der angebotenen Milongas kann ich keinerlei Rechtfertigung sehen.

Yokoito hat gesagt…

Na ja, Problem...eher nicht. Sieh es eher als Angebot zur Horizont-Erweiterung. Du stimmt dem Kommentator Matthias zu, wenn er meint, es fehle bei vielen an der emotionalen Hörerfahrung? Das könnte ein Ansatzpunkt sein. Ich denke, wir Menschen haben die Fähigkeit, diese Emotionalität auf vielen Ebenen wahrzunehmen. Klar erzeugt ein Kirchenlied bei einem tief Gläubigen nochmal anderes Kopfkino. Das hat aber nichts mit Lateinkenntnissen oder Fachwissen über den Orgelbau zu tun. Deshalb nennt man es ja emotionales Erleben. Dazu braucht es keinen Segen oder Lizenzen von irgendwem. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und die Sensorik dafür hat, erlebt man es.

cassiel hat gesagt…

@Yokoito 
Schön, dass Du noch einmal geschrieben hast. Du schreibst von der „Horizont-Erweiterung“? Dazu müsste nach meinem Verständnis erst einmal ein Horizont abgesteckt sein. Im (Tango-)Alltag beobachte ich, wie sich hauptsächlich Tänzer an m.E. ungeeigneter Musik abmühen und ihr Repertoire an erlenten Figuren herunterspulen. Das Kernrepertoire des Tangos ist diesen Herschaften mit höchster Wahrscheinlichkeit unbekannt und emotionale Hörerlebnisse sehe ich faktisch nie. Die Musik bildet einen Klangteppich für Bewegungen. Sorry! Das ist für mich kein Tango.
Anders als vielleicht bei anderen Tänzen sehe ich beim Tango einen durchaus sehr engen Bezug zur Musik. Da der Tango aber eher ein Nischenprodukt für eine Subkultur ist, ist so etwas nicht kodifiziert und jede(r) Veranstalter(in) kann es genau so ausgestalten, wie es ihren/seinen Verstellungen entspricht.

Um es wirklich deutlich zu machen: Es gibt auch von den großen Orchestern Stücke, die ich als „nicht-tango-förderlich“ sehe. So hört man manchmal von Juan d'Arienzo den Titel Esta es el rey (Aufnahme vom: 26.11.71) in der Milonga. Die Plattenfirma hat die CD schon „Tango for Export“ genannt. Das ist ein mögliches Indiz dafür, dass diese Musik eben für „Gringos“ gemacht wurde. Kannst Du Dir in Deiner Milonga vorstellen, was auf der Tanzfläche los wäre, wenn dieser Titel gespielt würde? Ich bleibe bei dieser Art Musik ggf. vorsorglich sitzen… Die Liste könnte man beinahe beliebig erweitern … vielleicht noch zwei Beispiele: Fulvio Salamanca mit Adios corazón (Aufn.: 29.11.57) oder Florindo Sassone mit Pescadores de perlas (die Aufnahme ist vermutlich von 74 - da ist die Quellenlage aber mehr als dürftig). Meine Meinung zu den Titeln: Esta es el rey artet häufig in eine gnadenlose Hetze auf der Tanzfläche aus. Auch die abrupten Pausen ändern daran nichts. Vielleicht versucht d'Arienzo hier das zu bewerkstelligen, was Michael Lavocah bei der Musik Pugliesea mit „suspense and release“ beschrieben hat. Adios corazón hat – außer dem Pathos in der Stimme von Armando Guerrico (mutigere Menschen sprechen von Kitsch) – nicht viel zu bieten. Pescadores de perlas hat irgendetwas in der Melodie. Das höre ich auch ab und zu ganz gerne … … beim Autofahren. Es gibt ein Video einer Show von Maja Petrović & Marko Miljević, die technisch sauber und in der Musikalität solide ist (hier). In der Milonga würde es den Rahmen sprengen. Das können 95% der Tanzenden nicht aufs Parkett bringen. Warum also sollte man es spielen?

Es geht (wieder einmal) un die Frage, wie funktioniert der Tango? Ist zuerst die Musik da und externalisieren sich Gefühle in der Folge? Oder ist es genau anders herum: Man hört expressive Musik, bewegt sich dazu (womöglich nach Vorbildern) und hofft, im Nachgang werden sich die Empfindungen schon entsprechend einstellen? Vor Jahren habe ich dazu bereits geschrieben (und z.T. Unverständnis geerntet). Inzwischen hat sich glücklicherweise einiges verändert.

Um kurz noch auf Deinen Vergleich mit den Kirchenliedern einzugehen: Musik ist m.M.n. zwar ein Bestandteil, aber lange nicht die Hauptsache in der Kirche. Deswegen greift der Vergleich nicht so ganz. Um trotzdem in Deinem Bild zu bleiben: Im Tango sehe ich manchmal Tänzer, die im übertragenen Sinn das „Vater unser“ nicht sprechen können, aber sie versuchen sich an einem 8-stimmigen Chorsatz eines zeitgenössischen Komponisten.
In Deinem Schlusssatz sprichst Du von „Sensorik“. Die muss sich nach meiner Ansicht auch entwickeln. Welche Musik wäre dafür besser geeignet, als die Musik von Carlos di Sarli (s.o.).