Freitag, 15. Juli 2011

Der Tango und die Relativität

Am vorletzten Wochenende sagte die mir liebste Tanguera von allen plötzlich, sie müsse mir etwas vorlesen, es hätte sie sehr berührt und sie las mir den folgenden Absatz aus ihrer aktuellen Lektüre vor:

"Ich habe mir hier die Hände gewaschen", sagte der Vater einmal. "War das erlaubt?" "Ja, das ist dein Haus und dein Waschbecken." Er schaute mich erstaunt an, lächelte verlegen und sagte: "Meine Güte, hoffentlich vergesse ich das nicht wieder!" Das ist Demenz. Oder besser gesagt: Das ist das Leben - der Stoff aus dem das Leben gemacht ist.

Alzheimer ist eine Krankheit, die, wie jeder bedeutende Gegenstand, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an de Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.
Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes.
Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.
[Arno Geiger, Der alte König in seinem Exil, Hanser - München 2011.]

Montag, 11. Juli 2011

Für die neue Woche 110: Juan D'Arienzo - El puntazo

Die Diskussion um den Instrumentaltitel von Alfredo De Angelis in der letzten Woche hat mich noch sehr beschäftigt. Möglicherweise war es nicht besonders klug, da einfach einmal meine ungefilterten Eindrücke zu veröffentlichen - vielleicht war es vorschnell. Ich möchte deshalb diese Woche einen weiteren instrumentalen Tango präsentieren, der im Gegensatz zu dem Stück von letzter Woche für mein Empfinden deutlich komplexer und schöner ist.

Montag, 4. Juli 2011

Für die neue Woche 109: Alfredo De Angelis - Re Fa Si

Und manchmal muss man einen Umweg gehen, um seine Vorstellungen zu verdeutlichen.

Heute wähle ich einmal einen instrumentalen Tango aus der post-Edo-Ära um meine Vorstellungen von gelungenenem Tango an einem Anti-Beispiel zu demonstrieren.

Dienstag, 28. Juni 2011

Offener Brief an Bruno R.

Jetzt reicht's! Ich kann auch anders...

Werter Kollege Bruno R.,

bekanntlich bin ich ja ein sehr höflicher Mensch und so habe ich mich bereits vor Wochen vermittelnd auf tango-de versucht, aber nun drängt es mich doch zu schreiben. Deine Einlassungen in tango-de in den letzten Tagen haben für mein Empfinden das Fass zum Überlaufen gebracht.

Eingangs habe ich Dich als Kollegen angesprochen, aber bist Du das wirklich? Ich bemühe mich hier seit gut zwei Jahren die Daseinsform eines Bloggers zu erlangen und Du arbeitest kräftig daran, auf der (Vor-)Stufe des Blog-Befüllers zu verharren. Unter einem Blog-Befüller verstehe ich jemanden, der die technische Umgebung eines Blogs mit alphanumerischen Zeichen befüllt. Viel mehr ist bei Dir bislang noch nicht herausgekommen. Leider!

Montag, 27. Juni 2011

Für die neue Woche 108: Orquesta Típica Brunswick, Antonio Rodriguez Lesende - Vos tenés que entrar

Diese Woche gibt es eine Tangoaufnahme aus dem Jahre 1931. Das Orquesta Típica Brunswick war - ähnlich wie das Orquesta Típica Victor - eine Formation eines Plattenlabes. Sie musizierten u.a. unter der Leitung von Pedro Maffia und Juan Polito (der wiederum später der Nachfolger von Rodolfo Biagi am Klavier im Orchester von Juan D'Arienzo wurde). Mit dem Sänger Antonio Rodriguez Lesende spielten sie den Tango Vos tenés que entrar ein.

Montag, 20. Juni 2011

Für die neue Woche 107: Aníbal Troilo, Astor Piazzolla - Volver

Ich wollte dieses Stück schon immer einmal vorstelllen. Aníbal Troilo und Astor Piazzolla waren beide große Bandoneon-Interpreten, allerdings hatten sie ein unterschiedliches Verständnis vom Tango. Während Troilo die Kunst der Reduktion auf das Wesentliche immer weiter perfektionierte, verzierte Astor Piazolla immer mehr. Es ist überliefert, daß es häufiger zu Unstimmigkeiten zwischen den Beiden kam, wenn Troilo dem jungen Piazzolla immer wieder Noten aus seinen Arrangements herausstrich.

Freitag, 17. Juni 2011

Zum gefühlten Widerspruch zwischen umarmungsfokussiertem- und bewegungsfokussiertem Tango - Ein Debattenbeitrag

Zugegeben, das Thema quält mich. Es ist ein Teil meiner unlängst beschriebenen Tango-Krise und so muss ich vielleicht doch noch einmal schreiben. Seit Wochen trage ich das Thema mit mir herum, seit mehreren Tagen wird es virulent und es gibt sicherlich ein halbes Dutzend Versuche, mich dem Thema adäquat zu nähern.