Donnerstag, 19. November 2009

Tacheles mit Tangueros 1: Christian Tobler, Tango DJ aus Zürich - Teil C


Hier steht der erste Teil des Interviews
Hier steht der zweite Teil des Interviews

Teil 3 von 3

Cassiel: Wenn es Euch recht ist, dann würde ich jetzt den nächsten Themenkomplex angehen. Er trägt die Überschrift: „Der Tango und das Geld“. Jetzt möchte ich eigentlich den Frage/Antwort-Stil aufgeben und mit Euch in ein Gespräch finden. Zur Eröffnung möchte ich drei Thesen formulieren und hoffe, uns gelingt der Einstieg in eine Diskussion.
  1. Was nichts kostet, ist nichts wert.
  2. Der Tango lebt als Subkultur vom Enthusiasmus – kommerzielle Interessen schaden ihm.
  3. Es wird immer (materielle) Gewinner und Verlierer in solchen Umgebungen geben. Das hat sehr wenig mit dem Können und viel mit „bauernschlauem“ Verhalten zu tun.
Wo steht Ihr zwischen diesen drei Thesen?

Christian: Ohne Freiwillige hätte es in Europa keinen TA-Revival gegeben. Aber vielleicht ist es nach 25 Jahren Zeit, auch andere Organisationsformen in Betracht zu ziehen.

Cassiel: Gibt es Strategien aus dem Dilemma?

Monika: Das ist einfach so gewachsen. Logischerweise macht sich kaum ein TA-Veranstalter während seiner Anfänge Gedanken um Rücklagen, damit in Infrastruktur und regelmässige Auftritte investiert werden kann und Handwerker, Tänzer, Musiker und TJs angemessen bezahlt werden können. Am Anfang vieler lokaler TA-Szenen stehen begeisterte Tänzer, die gemeinschaftlich und manchmal genossenschaftlich agieren. Es wird Raum angemietet um unterrichten und Milongas veranstalten zu können. Und all das mit viel Begeisterung zum Selbstkostenpreis. Unternehmensberater würden bereits jetzt von Selbstausbeutung sprechen, ähnlich wie bei den berüchtigten 1-Euro-Jobs in Deinem Land. Später, wenn eine lokale TA-Szene sich etabliert hat, ist es fast unmöglich, die Preise so weit zu erhöhen, dass ein moderater Gewinn erwirtschaftet wird und allmählich ein Rücklagenpolster für grössere Anschaffungen geäufnet werden kann.

Christian: In jeder Disco, jedem Club in der Schweiz kostet der Eintritt CHF 20 oder mehr, alkoholfreie Getränk ab CHF 10 und alkoholische bedeutend mehr. Anders ist die notwendige Infrastruktur hier nicht zu finanzieren. Nur im Tango erwarten die meisten Besucher, dass ein Abend nichts oder allenfalls eine Handvoll CHF kostet. Und manche Leute saufen trotz marginaler Preise auf der Toilette kaltes Wasser vom Lavabo wie ein Kamel, damit sie kein Wasser im Glas kaufen müssen oder sie schmuggeln eigene Getränke in die Milonga. Diese Rechnung kann nicht aufgehen. Mit dieser Konsumentenhaltung schaufeln manche TA-Tänzer ihrer eigenen lokalen Szene ungewollt ein Grab, sie verurteilen sie zu allmählicher Stagnation durch fehlende Mittel.

Monika: Dir Cassiel muss ich nicht erklären, welche Unkosten für TA-Veranstalter anfallen: Miete, Versicherung, GEMA, Strom, Wasser, Heizung, Unterhalt, Löhne, Handwerker, Tänzer, Musiker, TJs. Das lässt sich nicht mehr aus einer Portokasse finanzieren. Zu erwarten, dass all die Arbeit dahinter über Jahre hinweg von Freiwilligen geleistet wird, scheint mir nicht fair, obwohl das vielenorts praktiziert wird. Ich behaupte, dass darunter irgendwann die Qualität leidet. Nach 25 Jahren Tango-Argentino-Revival in Europa ist in manchen Szenen vielleicht allmählich die Zeit reif für eine andere Form der Finanzierung, welche es den Veranstaltern erlaubt, mit weniger Sorgen mehr Qualität zu generieren.
Wir von Argentango werden in Zukunft das versuchen, was viele andere kulturelle Sparten seit Jahren tun. Sie finanzieren sich über professionelles Fund Raising. Natürlich ist das nicht einfach. Es kostet erst mal viel Zeit und Geduld. Trotzdem ist das ein Weg mit Zukunft. Klar werden wir alle erst mal Überzeugungsarbeit leisten müssen: Tango Argentino ist nicht mehrheitsfähig! Was hat eine fast vergessene Subkultur aus Südamerika in Mitteleuropa verloren? Solche Vorurteile halte ich für das kleinste Problem. Der Katalog an gewichtigen Argumenten zugunsten des Tango Argentino ist gross. Wir haben dieses Frühjahr bereits erste Kontakte mit professionellen Fund Raisern geknüpft. Wir werden diesen Weg einschlagen, sobald wir die dafür nötige Zeit investieren können.

Cassiel: Also gut: Auf Deiner Website schreibst Du (Christian), daß ungefähr die Hälfte der Faktoren des Erfolgs einer Milonga vom DJ beeinflussbar sind. Heißt das, der DJ sollte also auch die Hälfte des Rohgewinns erhalten? Wie sollten Entlohnungsmodelle für Tango-DJs aussehen?

Christian: Eine heikle Frage, denn für eine erfolgreiche Milonga braucht es sehr viel mehr, als nur einen guten TJ. Ich habe längst akzeptiert, dass ich als TJ eine Gage bekomme, die in Anbetracht meiner Investitionen an Zeit wie Geld mehr als Trinkgeld zu betrachten ist, das bereits von den Reisekosten verschlungen wird. Ich betreibe TJ-ing nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern weil ich die diese Musik, diesen Tanz ins Herz geschlossen habe und beides längst Teil meines Alltags ist.

Cassiel: Aber Du willst Dir doch nicht etwa dauerhaft Deine Arbeit kaufen, oder? ;-)

Christian: Klar wäre es schön, wenn wir TJs eine dem Aufwand angemessene Gage erhalten. Das ist aber erst möglich, wenn TA gelernt hat, sich auf neue Weise grosszügiger zu finanzieren. Ich betrachte mich betreffend TJ-ing als Amateur im besten, ursprünglichen Sinn dieses französischen Begriffs, was mich von pekuniären Unannehmlichkeiten ein Stück weit befreit. Offen gestanden behagt mir dieser Zustand kreativer Freiheit. Ich muss nicht nach Quoten schielen.

Cassiel: Vielen, vielen Dank für das sehr interessante Gespräch! Und zum Abschluss einen kleinen unterhaltsamen Gag (den wir natürlich im Vorfeld vorbereitet haben). Darf ich Dich nach Deiner Punktzahl beim Anamnesebogen für die Tangosucht fragen?

Christian: Anamnesebogen zur Tangosucht - was für ein hinterhältiges Attentat auf einen unbedarften Aficionado wie mich. Da wo ich herkomme - die Berge im Appenzell - nennt man so was in die Pfanne hauen. Aber ich muss Dich enttäuschen. Da die Ausrichtung meines Lebens qualitativer Natur ist, liegt meine Anamnese-Zahl ganz am Anfang des dreistelligen Bereichs: 289. Obwohl, ich muss Dir gestehen, dass es Zeiten gab, da hätte das Resultat 576 geheissen. Also gibt es sogar für mich noch Hoffnung.

Cassiel: Das letzte Wort gehört immer meinem Gesprächspartner...

Christian: Im Zusammenhang mit meinem TJ-ing möchte ich mich bei zwei Menschen bedanken, ohne die meine Musik-Programmation nicht wäre was sie ist, respektive es mich als TJ nicht gäbe.
Ich hatte das seltene Glück, von Anfang an mit einem exzellenten Mentor beschenkt zu sein. Das war Marc Peter, die treibende Kraft hinter “A media Luz” in Zürich. Marc hat mich als Tänzer, der noch sehr grün hinter den Ohren war, buchstäblich dazu geschubst, mit dem TJ-ing anzufangen. Ich wäre in meiner Blödheit bestimmt nie auf diese Idee gekommen. Ohne jeden Vorbehalt hat er mir sein Wissen und mehr zur Verfügung gestellt und mit mir während einer dreistündigen, proppenvollen Milonga pausenlos geübt: Learning by doing at its best.
Kurze Zeit darauf hat er mich ins kalte Wasser geschmissen, indem er mich ohne Netz auf sein Publikum losgelassen und sich überhaupt nicht eingemischt hat. Ich bis fast gestorben an dieser ersten Milonga, die ich als TJ mit zig Fehlern mehr verunstaltet als gestaltet habe. Dabei war genau das das Beste von allem, was er für mich gemacht hat: vorbehaltlos Vertrauen schenken – a fond perdu gewissermassen. Wegen dieser Grosszügigkeit, ein ganz feiner Charakterzug der selten anzutreffen ist, werde ich diesem Menschen stets mit grosser Sympathie und Achtung begegnen. Danke, Marc.

In meinem Alltag als TJ gibt es eine Person, die grossen Einfluss hat und meine Musik-Programmation aktiv mitgestaltet. Ich spreche von meiner Lebens-, Herzens- und Tanzgefährtin Monika. Ich bereite mich auf jede einzelne Milonga mit Sorgfalt vor. Oft dauert dieser meist nächtliche Prozess in etwas gleich lang wie die Milonga einige Tage darauf. Ich mache mir Gedanken über mein Publikum, verlustiere mich in meiner Tangothek, verliere mich manchmal stundenlang darin und stelle eine erste Auswahl zusammen, die hinterher mehrmals optimiert wird, obwohl ich weiss, dass vieles davon während der Milonga zwangsläufig wieder auf den Kopf gestellt oder verworfen wird, weil die Situation im Raum es erfordert.

Nach meinem Prozess der Einstimmung im stillen Kämmerlein hinterfragen Monika und ich das Resultat jedes Mal kritisch. Wir diskutieren in alle vier Himmelsrichtungen, ändern manches was noch nicht rund oder bereits zu beliebig ist, streiten uns regelmässig über die Reihenfolge in einer Tanda, tanzen neu in meine Favoriten aufgenommene Titel Probe, haben dabei viel zu lachen und freuen uns meist diebisch auf die kommende Milonga, weil wir neugierig darauf sind zu erfahren, wie die Tänzer auf den einen oder anderen Streich reagieren, falls sie ihn überhaupt bemerken oder ob es gelingt gemeinsam mit den Tänzern den einen oder anderen Spagat zu meistern, ohne dass die Stimmung in den Keller fällt. Danke, Monika.

Cassiel: Jetzt habe ich doch noch eine allerletzte Frage: Was wäre Dein größter Wunsch, wenn Du denn einen frei hättest?

Christian: Das ist schnell beantwortet. Mein grösster Wunsch ist schrecklich banal und ich frage mich oft, wann er endlich in Erfüllung geht: Gebt mir endlich jene Zeitmaschine, an der man Jahr/Monat/Tag, Stunde/Minute/Sekunde, die Höhe über Meer in Metern und zwei Koordinaten in Grad/Minuten/Sekunden einstellen und dann einen mächtigen Hebel umlegen kann! Damit ich mich zusammen mit meiner Lebensgefährtin Abend für Abend für wenige Stunden nur ins Bs As der Vierzigerjahre katapultieren kann, wo wir die 25 besten Gran Orquestas endlich live hören und klammheimlich - wir sind ja unsichtbar, hihi – in noch besserer Qualität aufnehmen können.

Tacheles mit Tangueros 1: Christian Tobler, Tango DJ aus Zürich - Teil B

Hier steht der erste Teil des Interviews

Teil 2 von 3
Cassiel: So, wenn Du keine Einwände hast, dann würde ich Dich jetzt gerne zum Inhaltlichen der Tangomusik befragen. Du hast auf Deiner Internetseite ein Vortragsangebot vorgestellt. Wie entstanden die Ideen zu diesen Vorträgen? Wie ist die Resonanz bisher gewesen?

Christian: Als TJ habe ich bald einmal bemerkt, dass kaum ein Tänzer die wichtigen Orchester auch nur dem Namen nach kennt oder daheim mehr als einzwei CD-Sampler mit mediokren Einspielungen liegen hat. Also habe ich einen Vortrag für Tänzer entwickelt, in der Hoffung damit Tänzern einen Einstieg in die faszinierende Musik zu ermöglichen, zu der sie oft seit Jahren tanzen ohne was darüber zu wissen. Schön wäre es, wenn der Vortrag einen Prozess in Gang setzt, der es ihnen irgendwann ermöglich, nicht sämtliche Orchester wie einen Juan d'Arienzo zu tanzen.
Wer den Vortrag besuchte, hat sich fast immer erfreut bedankt und auch was mit nach Hause genommen. Im Moment fragt ab und an eine einzelne Person danach. Aber fünf oder zehn Köpfe sollten schon zusammen kommen, damit ich mir Zeit für den Vortrag nehme.

Cassiel: Haben sich Deine musikalischen Präferenzen im Laufe Deiner Tango-Karriere geändert? Kannst Du ggf. kurz beschreiben wie? Gab es da noch einmal einen deutlichen Schritt, als Du das DJ-ing begonnen hast?

Christian: Sicher, meine musikalischen Präferenzen erleben immer wieder mal Verschiebungen. Und seitdem ich TJ-ing betreibe sowieso. Wenn so was nicht mehr passiert, ist man als TJ längst in Routine ertrunken und stagniert. Klar hat jeder TJ seine persönlichen Präferenzen. Als TJ bin ich aber auch Dienstleister an einer Gemeinschaft. Daher soll ich meine persönlichen Präferenzen nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.
Anfangs war meine Präferenz ganz klar Miguel Caló, was für ein umwerfendes Orchester. Vor zwei Jahren sind mir betreffend Alfredo de Angelis’ komplexerer vokaler Aufnahmen endlich die Ohren aufgegangen und die Beine frei geworden. Pedro Laurenz wird immer einer meiner ganz grossen Favoriten sein, kein anderes Orchester bewegt dermassen viel Energie beim Musizieren. Meine letzte persönliche Entdeckung waren die Brüder de Caro [Julio, Francisco, Emilio]. Das ist vermutlich erst möglich geworden, als ich auch tänzerisch ein höheres Niveau erreicht habe. Aber ich bin noch weit davon entfernt z.B. de Caros Einspielung von el Monito aus dem Jahr 1939 auch nur einigermassen adäquat aufs Parkett zu zeichnen. Den Prozess dorthin geniesse ich jedoch sehr. Anibal Troilo wird für mich natürlich immer das grösste unter den Gran Orquestas sein - in jeder Hinsicht.
Nochmals: ich versuche meine persönlichen Präferenzen nicht zu sehr in mein TJ-ing einfliessen zu lassen. Denn ich bin als TJ dafür verantwortlich, dass ein ganzer Raum voller Tänzer im Verlauf des Abends immer wieder auf sein Kosten kommt. Da wären meine persönlichen Präferenzen ein zu enges Korsett.

Cassiel: >Ich denke, beim Thema Tandas sind wir uns „erschreckend“ einig. Kannst Du kurz Deine Ansichten zum Thema „innere und äußere Kohärenz von Tandas“ skizzieren? (In Deiner Terminologie heißt das wohl „Mikro- bzw. Makrodramaturgie einer Milonga“)

Christian: Genau, die innere Kohärenz einer Tanda heisst bei mir Mikro-Dramaturgie. Sie orientiert sich ausschliesslich an der Musik, wogegen die äussere Kohärenz der ganzen Milonga bei mir Makro-Dramturgie heisst und neben einer harmonischen aber abwechslungsreichen zeitlichen Abfolge in erster Linie die Geschehnisse auf und neben dem Parkett berücksichtigen soll.

Cassiel: Darf ich spontan einhaken? Was machst Du z.B. mit dem meiner Meinung nach zu Unrecht unterrepräsentierten Ricardo Malerba? Ein sehr eingeschränktes Angebot! Machst Du Mix-Tandas? [Tandas mit Titeln verschiedener Interpreten]

Christian: Malerba ist ein äusserst kontroverses Thema. Es gibt TJ die ihn nie auflegen, weil sie ihm unterstellen er werde im Verlauf seiner Stücke langweilig.

Cassiel: Legst Du ihn auf?

Christian: Ich sehe das nicht so eng. Wenn eine lokale TA-Szene Marlerba nicht ablehnt, lege ich ihn immer wieder mal auf.
Ein TJ hat auch die Aufgabe, seine Szene zu fordern und so allmählich über sich selbst hinaus wachsen zu lassen. Aber das ist ein subtiler Prozess, bei dem man in Kauf nehmen muss, dass man auch mal auf die Nase fällt. Wer nichts wagt, gewinnt nun mal nichts.
Von Malerba gibt es in meinen Augen über ein Dutzend bestens tanzbarer Aufnahmen und sein Einspielung des Vals Corazon de Artista ist grossartig, aber nicht ganz einfach zu kombinieren in einer Tanda mezclada [Tanda mit Titeln verschiedener Interpreten]. Ich ergänze dieses Stück manchmal mit Noche de Ronda von Francisco Lomuto und La Guitarra de San Nicolas von Roberto Firpo.

Cassiel: OK! Was mich wirklich umtreibt: Denkst Du, daß sich durch sorgfältigere Musikzusammenstellung auch kurz-, mittel- oder langfristig etwas in der Qualität des Tangos einer kleineren Szene ändern würde?

Christian: Kurzfristig nicht immer, das hängt vom Niveau einer lokalen Szene ab - mittelfristig meist - langfristig in jeder Szene immer. Tänzer sind wie alle Menschen Gewohnheitstiere, die Neuerungen oft erst mal ablehnen. Je kleiner eine Szene ist, desto leicht lässt sich so eine Entwicklung zum Positiven initiieren. Wenn die Szene klein ist, kann ein TJ das persönliche Gespräch mit Tänzern suchen und sie so neugierig machen. Bei einer grossen Szene ist das nur eingeschränkt möglich, weil Anonymität mitspielt.

Cassiel: Konzipierst Du einen Abend vorab oder entscheidest Du immer spontan über die nächste Tanda? Gibt es Mischformen?

Christian:Ich betreibe eine Mischform, bereite mich auf jede Milonga sorgfältig vor. Meist dauert das rund gleich lang wie die Milonga selbst. Je nach Situation an der Milonga kann ich dieses Konzept einmal mehr oder weniger durchziehen, weil die Tänzer mitgehen und ein andermal muss ich alles auf den Kopf stellen, weil die Tänzer fahrig und/oder unkonzentriert sind. Aber je länger ich dieses Metier betreibe, desto öfter gelingt es mir, die Tänzer auf meine Reise in die EdO mitzunehmen.

Cassiel: Tanzt Du eigentlich gelegentlich auch wenn Du auflegst? Wie siehst Du das (gerade auch im Bezug auf das Thema: Männermangel)?

Christian: Klar tanze ich, wenn ich selbst auflege. Allerdings meist mit meiner Lebensgefährtin.Wenn Du als TJ eine eigene Milonga hast, kommst Du kaum darum herum, auch Taxitänzer zu spielen. Ich mag das nicht besonders, weil es mir bei zu grosser Dosis die Laune verderben kann. Also habe ich das reduziert. Mag sein, dass man mich deswegen manchmal für arrogant hält. Aber ich werde für eine andere Aufgabe gebucht und die will ich ohne wenn und aber mit Inhalt füllen. Zwei-, dreimal Taxitänzer am Abend ist kein Weltuntergang, wenn es nicht immer die selben Frauen sind.
Für mich gibt es im TA manchmal auch so was wie eine falsche Solidarität. Kürzlich habe ich im Internet von einem prominenten Tänzer dazu eine sehr treffende Stellungnahme gelesen. Die Quintessenz der Aussagen war, dass Folgende nicht erwarten können, dass Führende immer alles ausgleichen und ganz allein für ein berauschendes Tanzerlebnis Sorge tragen. Ein wirklich guter Tänzer schafft das tatsächlich. Mir gelingt das gar nicht oft. Dieser Tänzer vertrat die Meinung, gute Führende sollten mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen und offensichtlich lernfaule Folgende konsequent links liegen lassen. So was klingt natürlich provokativ und muss differenziert gehandhabt werden. Aber im Kern stimme ich dem zu.

Cassiel: Eines vielleicht noch: Woher beziehst Du Informationen über neue CDs, die Du beschaffen willst? Kaufst Du auch zeitgenössische Tango-CDs?

Christian: Bei mir lagern inzwischen über 700 EdO-CDs. Da wird es für mich schwierig, weil nicht mehr viel Neues publiziert wird, was ich noch nicht habe. Manches lasse ich mir von Freunden aus Bs As mitbringen, weil das billiger ist. Anderes beziehe ich über Zivals Bs As. In Europa ziehe ich Lavocah DyM vor, aber das ist Geschmackssache. Und Elshaw in Kanada halte ich inzwischen wie gesagt auch für eine interessante Quelle.
Was ich seit längerem ziemlich verzweifelt suche sind drei Editionen japanischer Sammler - CTA von Akihito Baba (aber nicht die argentinischen Bootlegs davon, welche es vor Jahren am Tangokiosk in Bs As zu kaufen gab) / APM von Yoshihiro Oiwa / Audio Park von Yasuhiko Fukukawa. Wir sprechen hier von irgendwo zwischen 200 und 400 CDs mit grossem Repertoirewert, da die restlichen Label es kaum je schaffen, mehr als die immer gleichen rund 3'500 Aufnahmen mit neuen Covern in anderen Zusammenstellungen zu veröffentlichen.

Cassiel: Ups! Da hängst Du mich gerade ab... ;-) ...So speziell bin ich nicht...

Christian: Die grössten TA-Argentino-Sammler sind alle Japaner. Da RCA-Victor in den 60ern seine Master geschreddert hat, sind diese Sammler manchmal die letzte existierende Quelle für neue CDs.
Diese japanischen Sammler sind übrigens keine Tänzer, legen seit den 70ern kleine Serien mit LPs und heute CDs auf und sind eine tolle Quelle für Aufnahmen, die in Bs As noch nie auf CD publiziert wurden. Die CDs sind meist kaum restauriert aber von Schellacks und LPs in erfreulich gutem Zustand transferiert. Von Europa aus ist es leider kaum möglich, diese Editionen zu bestellen: http://www.d1.dion.ne.jp/~cta/list.html


Beispiele der drei japanischen CD-Kollektionen von Akihito Baba, Yoshihiro
Oiwa und Yashuhiko Fukukawa

Cassiel: Ich sehe, Du musst nach Japan! ;-)

Christian: Klar doch - wenn es nach mir geht morgen. Sag, weisst Du einen Sponsor?

Cassiel: Nach all diesen fundierten Informationen: Kannst Du Deine Tipps für angehende DJs zusammenfassen? Ich denke, das wird Viele interessieren!

Christian: Ich könnte jetzt antworten besucht einfach Argentangos TJ-Workshop. Aber das ist kaum die Antwort, auf die Du Cassiel aus bist. Lass es mich statt dessen mit ein paar so tückischen wie konstruktiven Vorschlägen versuchen:
  1. Gefragt sind Zwischentöne: Geduld, Fleiss, Bescheidenheit und ein Quäntchen Talent - TJ-ing ist kein Ding für grosse Zampanos.
  2. Werkzeug nicht mit dem kreativen Prozess verwechseln - Laptop, Kabel und ein Stick mit Tausend Tangos machen keinen TJ.
  3. Den kreative Prozess im Kopf geschehen und vom Herzen steuern lassen, damit das Resultat Tänzer begeistern kann.
  4. Mit den Traditionen einer klassischen Milonga respektvoll umgehen bis man wirklich abschätzen kann, was dahinter steckt – das kann gut und gerne zwei Jahre dauern.
  5. Trotzdem nichts als gegeben annehmen, Regeln wie Gewohnheiten hinterfragen und nur annehmen, was wirklich Sinn macht.
  6. Geduld mit sich selbst haben, wenn die eigene Sicht auf diese Musik wieder mal eine 180-Grad-Drehung gemacht hat.
  7. Einen erstklassigen TJ als Mentor suchen der bereit ist einen so lange zu begleiten, bis man einigermassen flügge ist.
  8. Ein Tangothek aufbauen, die aus wenigstens 400 CDs besteht - aber 800, 1'200 oder mehr CDs sind auch nicht verkehrt.
  9. Daraus ein abwechslungsreiches, breites Repertoire von gegen 2'000 bestens tanzbaren Titeln aller Schwierigkeitsgrade herausfiltern.
  10. Diesen Favoriten eine intelligente Struktur geben, was auf dem Laptop einfacher ist, damit man beim TJ-ing spontan musik-programmieren kann.
  11. Bei der Musik-Programmation sollte der Kern der EdO, die Jahre 1938/48 den Löwenanteil der Titel ausmachen.
  12. Zwei Jahre Konzentration auf die Gran Orquestas der Epoca de Oro - wer dann Lust auf anderes verspürt, hat ein Fundament.
  13. Tag für Tag eine Stunde aktiv Tango Argentino der EdO hören und sich mit diesem kulturellen Erbe aus dem Effeff vertraut machen.
  14. Gehörbildung in irgendeiner Form betreiben, ganz egal ob mittels Buch oder Kurs oder im Kontakt mit einem Tonmeister.
  15. Immer wieder mal ein kompetentes Buch zum Thema professionelle Audio-Technik lesen und/oder versuchen, auch einen technischen Mentor zu finden.
  16. Technische Investitionen langfristig planen und schrittweise machen, was bedingt, dass das Ziel von Anfang an kristallklar ist.
  17. Für daheim eine Musikanlage auf Studioniveau anschaffen, was nicht teuer sein muss, wenn man was davon versteht.
  18. In mobile Technik für Milongas investieren, die es erlaubt möglichst autark von vorhandener Technik vor Ort zu sein.
  19. Viel tanzen, besonders zur eigenen Musik-Programmation, um selbst zu erleiden, was sich gut tanzen lässt und was nicht.
  20. Jede Gelegenheit nutzen, um Erfahrung mit TJ-ing zu sammeln. TJ-ing ist ein Metier für Autodiakten - learning by doing.
  21. Keinerlei Abkürzungen nehmen - wie z.B. diese unsäglichen CD-Sammlungen mit fixfertigen Tandas - sondern von innen heraus an der Aufgabe langsam wachsen.
  22. Nicht vom TJ-ing leben wollen. Seriös betrieben ist TJ-ing eine teure Liebhaberei, deren Unkosten sich kaum durch Gagen decken lassen.
  23. Wer mit TJ-ing Geld verdienen will, veranstaltet am besten eine eigene, grosse und erfolgreiche Milonga, die wöchentlich stattfindet.
  24. TJ-ing an den Nagel hängen, falls der alltägliche Spass daran irgendwann abhanden kommt - es gibt schon genug gleichgültige TJs.
  25. Tag für Tag daran arbeiten, nicht in Routine zu verfallen - das ist der mit weitem Abstand anspruchsvollste Punkt auf dieser lästigen Liste.

Cassiel: Zu 15: Hast Du da eine Empfehlung?

Christian: Es gibt ein anspruchsvolles gutes Buch von Bob Katz, einem der weltweit renommiertesten Mastering Ingenieure, inzwischen in zweiter, erweiterter Auflage bei Focal Press erschienen. Gibt es meines Wissen nur auf Englisch: Mastering Audio - the Art and the Science. Ich musste den Schmöker dreimal lesen um einigermassen auf den Trichter zu kommen. Aber dieses Buch war jede Minute meiner Zeit wert. Und ich werde es wieder lesen.

Cassiel: Du hast viel Zeit, Know-How und Energie in Deine Musiksammlung und in Dein Equipment gesteckt. Kannst Du nach Deiner intensiven Beschäftigung mit Tango-Musik und Wiedergabetechnik überhaupt noch andere DJs genießen? Wie oft hast Du beispielsweise im letzten Monat andere DJs erlebt?

Christian: Au weia, jetzt geht’s ans Eingemachte.

Cassiel: Genau ;-)

Christian: Klar gehe ich an andere Milongas und klar ärgere ich mich öfter mal über das Niveau der Musik-Programmation. Das geht bestimmt vielen TJs so. Mit halbwegs schlechtem Sound kann ich einigermassen umgehen. Aber bei schlechter Musik-Programmation ist meine Toleranzschwelle gering.
Das letzte Mal hat mich ein TJ am 19. September 2009 rundum begeistert. Da hat Thorsten Zörner in Saarbrücken am Festival von Melina Sedó und Detlef Engels in der Johannes-Kirche aufgelegt und der Abend war schlicht und einfach rundum perfekt. Da ist alles zusammen gekommen, was Tänzer sich wünschen können. Wenn ich so einen Abend zweimal im Jahr erlebe, bin ich eigentlich schon zufrieden.
Das letzte Mal hatte ich so einen wunderbaren Abend 2003 an der Zürcher Tangowoche im Schiffbau erlebt, mit 600 Tänzern und Color Tango mit Luciano Jungman am zweiten Bandoneon. Über Orchester / TJ und Tänzer dieser zwei weit auseinander liegenden Nächte hat sich beide Male eine unsichtbare Glocke gelegt und man hat sich gegenseitig hochgeschaukelt, bis der halbe Raum 50 Zentimeter über dem Boden geschwebt hat. Aber eben, solche Moment sind die Ausnahmen, die mich alles andere ertragen lassen.

Cassiel: Zum Abschluss dieser beiden Themenkomplexe muss ich Dich mit einer hypothetischen Frage konfrontieren. Schließlich muss ich Dich für die Leserinnen und Leser greifbar machen: Stell Dir also bitte vor, Du wärest für einen Abend in einer Dir vollkommen unbekannten Stadt. Von einem Freund, der aber gerade nicht in der Stadt ist, weißt Du von zwei Milongas. Ähnliche Besucherfrequenz, ähnliche Umgebungen. Milonga A hat eine sehr gute Anlage und der DJ ist Tonmeister. Nur er versteht vom Tanz nicht soviel; er legt eher unkonventionell auf. Milonga B hat eine 08/15 Anlage, aber einen DJ der in Tandas mit Cortinas auflegt. Für welche Milonga entscheidest Du Dich?

Christian: Was für eine blöde Frage ;-)   B natürlich.

Hier steht der dritte Teil des Interviews

Tacheles mit Tangueros 1: Christian Tobler, Tango DJ aus Zürich - Teil A

Die Serie "Tacheles mit Tangueros" hatte ich schon vor einigen Tagen angekündigt. Heute gibt es also den ersten Beitrag.
In der letzten Woche kam über tango-de eine Nachricht, die auf einen Workshop für angehende Tango-DJs hinwies. Ich besuchte die Internetseite und fand dieses PDF. Dann wurde neugierig und schrieb eine eMail, weil ich Einzelheiten erfahren wollte. Aus dieser einen eMail wurde ein sehr freundlicher und ergiebiger Kontakt, so daß schließlich klar war, Christian ist das ideale "Versuchskaninchen" für meine neue Serie.
Christian lebt und arbeitet in Zürich. Weitere Informationen gibt es auf seiner Website.
Wir haben einige Themen vorab per eMail abgesteckt und den Rest offen gelassen. Wir kennen uns nicht persönlich und haben das Interview als "Klickerei" via Skype-TypoChat am Dienstagabend durchgeführt. Es ging um drei große Themenblöcke:

  1. technische Aspekte der Audio-Wiedergabe unter besondere Berücksichtigung des Tango Argentino
  2. inhaltliche Apekte des Tango DJ-ings
  3. Tango & Geld - Der Tango Argentino zwischen Enthusiasmus und notwendiger Refinanzierung (für diesen Teil wurde Christian von seiner Lebensgefährtin Monika, Tanguera aus Leidenschaft, unterstützt)
Christian hat den Beitrag in Schriftform zum Redigieren und Genehmigen vorgelegt bekommen.
Die Veröffentlichung erfolgt in drei Teilen (analog zu den o.g. Themenblöcken). Das erleichtert die Diskussion, die Christian in den nächsten Tagen freundlicherweise begleiten wird.


Teil 1 von 3

Cassiel: Hallo Christian! Einen wunderschönen „Guten Abend“ nach Zürich. Bist Du bereit?

Christian: Hallo Cassiel, ja wir können sofort loslegen.

Cassiel: OK! Dann fangen wir einmal ganz ruhig an. Hörst Du gerade Tango, wenn ja – welchen? Weiterhin möchte ich Dich fragen, wie Du zu Hause Tango überwiegend hörst (Laptop, CD-Spieler Sonstiges). Wie viel Equipment (Verstärker, Lautsprecher, Klangverbesserer usw.) steht herum und wie teuer ist das ungefähr? Ich frage das einmal ab, um Dich für die Leserinnen und Leser greifbarer zu machen.

Christian: Ich höre im Moment eine alte Milonga von mir. Eben laufen Valses von Alfredo de Angelis mit dem Duo Carlos Dante / Julio Martel. Ich höre Tango Argentino fast ausschliesslich über Laptop. Und nun wird es technisch. Mein Equipment ist mit Sorgfalt zusammen gestellt aus neuen und bis 30 Jahre alten Geräten: Daran hängt eine Festplatte mit meiner Tangothek (500 GB AIFF-Files) das Interface (RME Fireface 400) ein Mastering Prozessor (TC Electronic Finalizer 96k) der mir viele Einflussmöglichkeiten und bessere Wandler als das Interface bietet, der Verstärker, meist ein Transistor (Cyrus Two / PSX) und manchmal eine Röhre (Audio Research Corporation SP-10 / D79B) und die Lautsprecher (Tannoy SRM 10B), professionelle Monitore, die für Tango Argentino perfekt sind, weil sie die Wiedergabe nicht mit Zeitfehlern verunstaltet.


Der "Mittelteil" zwischen Laptop und Verstärker (Foto: Christian Tobler)

Cassiel: Das sagt mir nicht viel. Wie viel Geld ist das (ohne Laptop)? Nur eine ungefähre Größenordnung...

Christian: Neu waren das rund CHF 16'000 ohne Röhre. Aus zweiter Hand bekommt man das heute für bedeutend weniger, vielleicht für CHF 5'000 bis 7’000.

Cassiel: Gut. Magst Du einmal ganz grob in Stichworten Deine audiophile Karriere skizzieren? Bist Du im Zusammenhang mit dem Tango zum „Klangfanatiker“ geworden? Oder gab es diese Leidenschaft unabhängig vom Tango schon vorher in Deinem Leben?

Christian: Nein, Klangfanatiker bin ich nicht, aber ich weiss wie Instrumente und Stimmen live klingen. Klar verstehe ich inzwischen was von Technik. Aber einzig und allein als Mittel zum Zweck. Meine Motivation war stets die Musik. Bei uns daheim stehen vielleicht 3'000 CDs und LPs, weil Musik hören Teil unseres Alltags ist. Bevor ich Tango Argentino der Epoca de Oro entdeckt habe, galt meine Liebe in erster Linie der Klassik bis zum Ende der Romantik und dem Jazz bis 1965. Mit Audio-Technik habe ich mich lediglich angefangen zu beschäftigen, weil zu viele Konzerte musikalisch und/oder klanglich eine herbe Enttäuschung waren und zu viele Künstler nur noch mittels Konserve zugänglich sind, die Jahrhunderteinspielungen geschaffen haben.
Audiophile Leidenschaft ist für mich ein Reizwort, das ziemlich belämmert klingt und genau das tut, was es sagt: Leiden schaffen. Das ist gar nicht meine Welt, Cassiel. Ich ziehe es vor, das Leben zu geniessen. Bei audiophiler Leidenschaft denken die meisten Menschen sowieso an jene postmoderne Form von atheistischem Hausaltar, bei der eine kleinwagengrosse Musikanlage mit Tresortüren anstelle von Frontplatten und Gartenschläuchen anstelle von Kabeln in einem Raum mit DDR- oder Sheraton-Charme den Sound eines Walkmans gebärt - und das zum Preis eines Reiheneinfamilienhauses.
Trotzdem macht exzellente Wiedergabetechnik einen Unterschied. Ein Beispiel: Vor einigen Wochen hatten wir eine Porteña für eine Woche zu Gast, die rund 30 Jahre jung und mit den Gran Orquestas aufgewachsen ist. Irgendwann haben wir sie gefragt ob sie Lust hat, ihre ureigene Musik für einmal so zu hören, wie sie damals geklungen hat. Es versteht sich von selbst, dass wir mit dieser Provokation ihr Interesse wecken konnten. Daraus wurde ein sehr emotionaler Nachmittag. Wir sind zu dritt dichtgedrängt volle drei Stunden ohne Pause zusammen an meinem für drei viel zu kleinem Audio-Arbeitsplatz gesessen und haben uns nach ihren Wünschen kreuz und quer durch die EdO gezappt. Während dieser Zeit sind ihr fast pausenlos Tränen über das Gesicht gekollert. Das hat beim ersten Stück schlagartig begonnen, als nach einer Minute der Sänger einsetzte.
So betrachtet macht exzellente Wiedergabetechnik einen Unterschied - auch für Tänzer. Weil sie dem musikalischen Erleben eine weitere Dimension verleihen kann die ungemein beflügeln kann. Denn falls die Technik rundum stimmt, sorgen weit über 1'000 dieser alten Aufnahmen auf Grund ihrer herausragenden künstlerischen Qualitäten dafür, dass sich jedem halbwegs sensiblen Tänzer umgehend die Haare auf den Unterarmen aufrichten, ein wonnig-kühler Schauer über den Rücken rieselt. 

Cassiel: Und denkst Du, daß es so etwas wie einen „objektiv guten und authentischen“ Klang gibt oder ist das immer auch subjektiv?

Christian: Klang ist grundsätzlich sicher was Subjektives. Aber je mehr Wissen man sich dazu erarbeitet, desto mehr objektive Instrumente bekommt man in die Hand, um Gehörtes daran einzuschätzen - nicht mit Messgeräten, mit den Ohren.

Cassiel: Hörst Du noch viele Live-Konzerte?

Christian: Live-Konzerte sind für mich ein eher seltenes Ereignis geworden, seit ich mich intensiv mit Tango Argentino beschäftige - leider. Schliesslich kann ich mich nicht multiplizieren.
Dafür gibt es aber noch andere Gründe. Vom künstlerischen Niveau der EdO können wir heute live nicht mal träumen. Das ist aber nicht die Schuld der heutigen Kreativen. Verglichen mit damals ist der Markt schlicht winzig und die Einkommensmöglichkeiten marginal. Die Musiker sind nicht gut genug ausgebildet und haben zu wenig Spielroutine. Zudem gibt es kaum Wettbewerb in konstruktivem, künstlerischem Sinn. Ganz viel spieltechnisches Wissen ist verloren gegangen, obwohl hier z.B. Ignacio Varchausky mit seinem Orquesta Escuela de Tango Gegensteuer gibt. Heute musiziert man wenn es hoch kommt vielleicht dreimal eineinhalb Stunden pro Woche vor Publikum. Damals hat man mitunter monatelang sechs mal die Woche zehn Stunden pro Tag vor Publikum musiziert.

Cassiel: Also eine Frage des Geldes? Die Entlohnung der Musiker? Ist Live-Musik zu teuer geworden?

Christian: Nein, Musik ist im Verlauf der letzten Jahrzehnte ein immer billiger zu erwerbendes Gut geworden und Live-Musik auch. Aber dieser Markt der EdO, 600 Orchester die in einer einzigen Stadt miteinander im Wettstreit stehen, ist unwiederbringlich. Das hat nichts mit den Musikern zu tun, denn so einen Schmelztiegel, Inspirationsfaktor haben TA-Musiker heute nicht mehr. Geld spielt dabei eine Rolle, könnte das Rad der Zeit aber auch nicht zurück drehen. Grosse Sinfonieorchester haben ja längst dieselben Qualitätsprobleme. Ihre Probenzeit wird aus Budgetgründen immer stärker beschnitten und irgendwann geht das an die musikalische Substanz.

Cassiel: Ist also die große Zeit des live-aufgeführten Tangos unwiederbringlich vorbei?

Christian: Sicher nicht. Ich bin einfach kein grosser Freund kontemporärer TA-Orchester, weil sie nicht mehr dasselbe Niveau erreichen wie ihre grossen Vorbilder. Und das gilt ganz besonders für die Sänger, obwohl wir im kontemporären TA mit Ariel Ardit, Chino Laborde, Gabriel Dominguez und Javier di Ciriaco vielversprechende Talente hätten.
Was mich im Lauf der letzten Jahre an mehreren TA-Orchestern stört ist die Richtung die sie einschlagen. Anstatt das Niveau stetig zu verbessern, wird nach ersten Achtungserfolgen sofort nach dem momentan lukrativsten Marktsegment geschielt. So kann ein junges Orchester aber nicht reifen. Aber nochmals: dazu zwingen die Orchester die pekuniären Gegebenheiten des heutigen Nischenmarkts.
Im Bs As und Montevideo der Blütezeit wurde eine ganze Reihe der kreativen Macher zu Millionären. Das hat mit Gobbi Senior begonnen, der sich bereits Anfang 20er ein eigenes Flugzeug leisten konnte. Osvaldo Fresedo hatte Ende der 20er in Bs As fünf Orchester am laufen und rannte Abend für Abend für einen kurzen Auftritt von einem zum anderen. Warum wohl? Und Francisco Canaro hat mit den Einkünften seines bis nach Europa reichenden TA-Imperiums seine umfangreiche Filmproduktion finanziert und dabei viele Millionen in den Sand gesetzt. Roberto Firpo wiederum hat seine Millionen Ende 20er, Anfang 30er an der Börse in den Sand gesetzt und war daher gezwungen wieder ein Orchester zusammenstellen.

Cassiel: Wenn man aber bedenkt, welchen Wirschaftsfaktor der TA im heutigen Buenos Aires repräsentiert, dann läuft doch etwas verkehrt, oder?

Christian: Klar hat TA für Bs As (nicht Argentinien) längst grosse Bedeutung. Aber verglichen mit der EdO sind das für die Kreativen heute Peanuts. Nach wie vor rümpft die regierende Oberschicht die Nase über das grösste Kulturgut, das ihr Land jemals hervor gebracht hat. Die haben immer noch keinen Durchblick. Sonst würden sie angemessene Mittel zur Verfügung stellen und Varchauskys neustes Projekt zur Rettung der EdO-Aufnahmen müsste nicht betteln gehen: http://www.tangovia.org/preservacion.htm

Cassiel: Ich möchte noch einmal kurz zu den technischen Aspekten zurückkommen: Welche Ratschläge würdest Du angehenden DJs geben, wie sie schrittweise den Klang verbessern können? Gibt es so etwas wie eine „natürliche Reihenfolge“ der Investitionen?

Christian:Das hängt von der individuellen Situation eines TJs ab. Lass uns auf das zurückkommen, wenn wir die allgemeinen Tipps behandeln, die Du Dir von mir für TJ erbeten hast. Lass mich aber vorher zum Thema Technik noch etwas weiter ausholen, da wir bisher lediglich an der Oberfläche gekratzt haben: Die aus der Professionalität der EdO geschöpfte Virtuosität lässt sich nicht mit mp3 und Co wiedergeben. Wer sich mit der Geschichte der Tonkonserven-Wiedergabe ein klein wenig auskennt weiss, dass die wenigsten Neuentwicklungen Fortschritt für den Hörer beinhalten. Über 95% aller Produkte sind einzig von dummdreistem Marketing- und Profitdenken gesteuert.
Kürzlich haben wir von Argentango nach langer Abstinenz wieder mal eine sogenannte Highend-Messe besucht, weil wir uns zwei Lautsprecher anhören wollten: der eine 40 Jahre alt und perfekt restauriert, der andere eine konzeptionell interessante Neuentwicklung. Als einzige Besucher hatten wir einige unserer Referenzstücke (EdO) auf CD dabei, bei denen wir innert Sekunden hören, ob die Wiedergabe stimmig ist. Das Ohr liefert einen Vorgeschmack und die Haut entscheidet - unbestechlich. Es ist schrecklich einfach, wenn der eigene Körper mal den Dreh raus hat. Die Ketten [CD-Spieler, Wandler, Vorverstärker, Verstärker und Kabel] in denen wir diese Lautsprecher gehört haben kosten insgesamt zwischen CHF 30'000 und 60'000.
Das Resultat der zwei Hördurchgänge war leider ernüchternd und hat unsere zynischsten Vorurteile übertroffen. Irgendwas - vielleicht lediglich eine einzelne Komponente - hat in beiden Ketten nicht gepasst. Bei der einen Kette habe ich das DAC [DAC: Digital-Analog-Converter – Digital/Analog Wandler] in Verdacht. Bei der andern ist die Sache weniger klar. Auf jeden Fall kam einfach keine Musik dabei raus. Ich sehe dieses Resultat als Bankrotterklärung einer auf Abwege geratener Branche. Denn ich kann für rund CHF 5'000 jederzeit eine Kette aus 20 bis 40 Jahre alten Geräten aus zweiter Hand zusammenstellen, die diesen zeitgeistigen Firlefanz mit links an die Wand spielt.
Weil dieser Markt schon seit Jahren optisch anstatt akustisch getrieben ist, gibt es nur noch wenige Angebote die tatsächlich Musik machen. Diesem verhängnisvollen Trend können sich nur wenige Entwickler ungestraft entziehen, weil die meisten Käufer sich sinnentleerten Trends nicht durch Kaufabstinenz entziehen. Ich kann auch noch deutlicher werden: Cassiel, halte mal einen Testbericht ans Ohr. Klingt er gut?
Bei unserem Ausflug in die Gefilde der Wichtigtuer hat uns übrigens ein Kunde begleitet, den ich vergangenes Jahr über sechs Monate hinweg bei der Optimierung seiner bestehenden Anlage betreut habe. Das war ein langer und sanfter Prozess, mit einer ganzen Reihe spannender Überraschungen für alle Beteiligten. Auch ich habe was dazu gelernt. Für ihn war dieser Ausflug der abschliessende Lackmustest meiner Beratungstätigkeit. Er hat sich an diesem Abend mit einem noch breiteren Grinsen als sonst von mir verabschiedet und mich bereits im Bekanntenkreis weiter empfohlen.
Aber zurück zum TA: Nachdem ich mich dazu entschlossen hatte, mit dem TJ-ing ernst zu machen, habe ich auf Grund meines Vorwissens natürlich als erstes geklärt auf welchem klanglichen Niveau die Aufnahmetechnik damals produzierte, damit ich abschätzen konnte wie viel Aufwand ich in eine adäquate Wiedergabetechnik stecken muss. Ich habe schnell herausgefunden, dass damals rund um den Erdball dieselbe Technik einer Handvoll Firmen verwendet wurde. Aber über viele technische Details und den praktischen Alltag eines Tonmeisters von damals gibt es heute kaum noch schriftliche Unterlagen. Und die Entwickler dieser Technik sind sowieso längst gestorben.
Nach vier Monaten knochentrockener Recherche habe ich in Kalifornien endlich einen pensionierten Tontechniker gefunden der 1943 frisch von Universität in dieses Metier eingestiegen ist. Das war Knowhow-Transfer in letzter Minute, da er bereits wenige Monate später gestorben ist, so wie die Musiker und Tänzer dieser Generation in Argentinien.
Dieser Techniker, Robert Morrison, hat darüber sogar ein Buch veröffentlicht, ohne ISBN-Nummer und daher nur unter diesem Link erhältlich: http://www.highlandlab.com/diskrecording.htm. Im Prelinger-Online-Archiv gibt es einen PR-Film über die Produktion und Herstellung von Schellacks/78er, von RCA-Victor 1942 anlässlich der Eröffnung des Werks in Camden NY gedreht: http://www.archive.org/details/CommandP1942
Dieser Mann hat viele meiner Lücken mir ganz viel Informationen aus erster Hand füllen können. Einige seiner Antworten haben mich überrascht und dazu gezwungen, Vorurteile abzulegen.
Üblich waren damals maximal fünf Takes, manchenorts sogar nur deren zwei und das auf Grund der technischen Gegebenheiten ohne jede Korrekturmöglichkeit. Im Klartext: Spielfehler von Musikern und Sängern waren Tabu. Die musikalische Balance wurde einzig und allein durch die Anordnung der Musiker um ein einziges Mikrophon herum steuert.
Zum Einsatz kam handverlesenes Equipment, Kleinstserien aus innovativen Thinktanks, die sich als Monopolisten gebärdeten. Eine zentrale Komponente z.B., den Schneidekopf von Western Electric, konnte man nur leasen. Also wurde nur beliefert, wer dem Hersteller in den Kram passte. Diese Technik wurde in den 20ern vom Forschungslabor des Telefoniegiganten Bell, den Bell Labratories in den USA für die finanzstarke Filmindustrie Kaliforniens entwickelt und von Western Electric gefertigt. Das Ganze war ein in sich geschlossener Kreislauf, welcher auch die Wiedergabekette in den Kinos umfasste. Bereits drei Jahre nach der Einführung ist die Filmindustrie auf eine einfacher zu handhabende Technologie umgestiegen, den Lichtton. Die Schallplattenindustrie hat dagegen mit der ersten elektrischen Aufnahmetechnik fast 25 Jahre lang, also bis Ende der 40er Jahre gearbeitet, wobei ständig punktuell technische Verbesserung eingeflossen sind. Einige dieser Komponenten kosteten das Vielfache eines Mittelklasseautos. Zudem mussten die Aufnahmestudios pro Aufnahme Lizenzgebühren abführen. Darum hat EMI in England Anfang 30er ein eigenes System nach denselben Prinzipien auf den Markt gebracht. Dieser auf Patenten fussende Lizenzierungszwang war eine pausenlos sprudelnde Geldquelle.
Dafür war diese teure Technik puristisches Hi-Tech: oft ein Bändchenmikrophon von RCA (z.B. 44 BX), eine Konsole und ein Verstärker (viel habe ich bis heute darüber nicht erfahren können), ein Schneidekopf von Western Electric (z.B. D-85'264) und eine Lathe von Western Electric (z.B. D-85'249) oder Scully (z.B. #18). Resultat war ein analoges, monophones Direktschnittverfahren mit ausgesprochen kurzem Signalweg. Mischpult, Equalizer und anderen Kinkerlitzchen gab es damals noch nicht. Vielleicht wird jetzt klarer, warum die weitgehend zeitfehlerfreien Aufnahme der EdO enormes Klangpotential haben. Cassiel, falls Du nur Bahnhof verstanden hast oder immer noch ungläubiger Thomas spielen willst, bist Du herzlich eingeladen, mal bei uns in Zürich für ein Wochenende vorbei zu schauen und den Supersound der EdO selbst zu entdecken.

Cassiel: Kennst Du das Projekt von Keith Elshaw (http://www.totango.net/cd.html Ich weiß schon: "nur" mp3s )? Möchtest Du dazu etwas sagen?

Christian: Klar kenne ich Keith. Eine erfreuliche Erscheinung. Vor drei Jahren haben mich seine Restaurationen noch nicht überzeugt. Aber inzwischen hat er viel dazu gelernt. Und wenn Du CDs bei ihm kaufst oder Dir die Daten auf Festplatte liefern lässt, bekommst Du auch unkomprimiertes Material. Gut möglich, dass ich seine neue Bibliothek demnächst komplett anschaffe. Aber vorher muss ich noch einige Tests fahren.

Hier steht der zweite Teil des Interviews
Hier steht der dritte Teil des Interviews

Mittwoch, 18. November 2009

Vorankündigung: "Tacheles mit Tangueros" - eine neue Serie

Ich stehe noch unter dem Eindruck von gestern abend. Ich habe über vier Stunden mit einem begeisterten - mir bislang unbekannten - Tanguero geklickert (SkypeTypoChat). Das war sehr ergiebig und ich bedanke mich schon einmal herzlich an dieser Stelle für die Geduld meines Gesprächspartners. Seine Identität ist noch ein Geheimnis. In den nächsten Tagen werde ich ihn und seine faszinierenden Vorstellungen hier präsentieren. Ich muß das Skript der Session noch in eine Blogform übertragen und mein Gesprächspartner muß natürlich diese Version final genehmigen.

Zukünftig möchte ich in der Serie "Tacheles mit Tangueros" (sollte ich eine Gesprächspartnerin haben, lautet die Überschrift selbstverständlich: "Tacheles mit Tangueras") Persönlichkeiten des Tangos, die mich zu einem eingehenden Wortwechsel reizen, hier vorstellen.

In loser Folge werde ich dann alle sechs bis acht Wochen einen Beitrag bringen.

Natürlich habe ich schon eine Wunschliste mit möglichen Gesprächspartnern. Sollte mir jemand einen interessanten Kandidaten empfehlen wollen (Eigenbewerbungen sind leider nicht erlaubt), so genügt eine eMail mit einer kurzen Begründung, warum dieser Mensch vorgeschlagen wird und einigen Internetadressen (ich bereite mich gründlichst auf diese Interviews vor).

Dienstag, 17. November 2009

Gastbeitrag: Unsere Tanzfläche soll schöner werden!

Heute präsentiere ich eine weitere Sternstunde in diesem Blog und es ist wieder ein Artikel eines Lesers. Freundlicherweise hat Kommentator Austin einen Gastbeitrag verfasst, nachdem ich ihn dazu ermuntert habe. Dieser Gastbeitrag deckt zu meiner großen Freude auch einen Bereich ab, zu dem ich nicht viel beisteuern kann (im Februar hatte ich mich einmal an dem Thema versucht). Insofern gibt es nun endlich das Gegenstück zur Serie bei Elbnymphe über die Garderobe der Tanguera. Ich gebe es offen zu: Mein Kleidungsfundus für die Milonga umfasst zu einem ganz überwiegenden Teil Textilien in einem fröhlichen Schwarz, nur ganz selten traue ich mich auch in einem äußerst gewagten antrazit-farbenen Farbton zum Tango. Ich habe wiederum nur Links zum leichteren Auffinden von Bezügen ergänzt. In einem gesonderten Beitrag werde ich demnächst auf das Schuhwerk des ambitionierten Tangueros eingehen. Und so bedanke ich mich ganz herzlich bei meinem Leser Austin für diesen wunderbaren Gastbeitrag.

Ich gebe es gleich zu: ich diskutiere gerne über Geschmacksfragen. Natürlich weiß ich, dass wir alle tolerant sind und dass es oberflächlich ist, auf Kleidung zu schauen, und dass nur die inneren Werte zählen und so weiter. Aber über diese kultivierten Haltungen muss man sich manchmal hinwegsetzen, sonst wird’s langweilig.

Deshalb beschreibe ich hier mal, wie man(n) meiner Meinung nach beim Tango gekleidet sein sollte und wie nicht. Verglichen mit den Brettern, die auf Cassiels Blog sonst gebohrt werden, ist das zwar ein vergleichsweise dünnes, aber trotzdem wollen die männlichen Dos and Don’ts in Sachen Tangokleidung mal thematisiert werden. In erster Linie ist das als Spaß gedacht, mit Augenzwinkern und cum grano salis, aber es gibt auch ein Anliegen dahinter: meiner Ansicht nach tragen zu einem gelungenen (Tango-) Abend verschiedene Dinge bei, und die Garderobe der Anwesenden ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor für die Atmosphäre. Durch sorgsam ausgewählte (oder zumindest nicht völlig beliebige) Kleidung zeigt man Wertschätzung für den Anlass, die anderen Gäste und das gemeinsame Anliegen. Das ist für die Stimmung gut. Umgekehrt kann man auch schönen Anlässen durch eine Überdosis Jeans und T-Shirt alles Besondere nehmen.

Es ist eigentlich recht einfach, sich für eine Milonga zweckmäßig und gut zu kleiden. Umso unverständlicher ist es daher, dass das so oft misslingt:

Vorsicht bei T-Shirts
Ein großes Rätsel ist mir beispielsweise die große Beliebtheit des viel zu weiten, ehemals (=vor Jahren) schwarzen T-Shirts (XXL) mit der Schulternaht auf halber Oberarmhöhe. Ich schätze die Verbreitung solcher Ungetüme auf mindestens 5% pro Milonga, im Sommer eher mehr. Meine Herren, wenn schon T-Shirt, dann bitte in Eurer Größe!

Generell rate ich bei der Kombination von Tango und T-Shirt zur Vorsicht. Es kann zwar Understatement in höchster Vollendung sein, wenn der 30-jährige argentinische Tango-Gott, der tagsüber den Workshop gehalten hat, abends noch mal im T-Shirt auf der Milonga vorbeischaut. Der gemeine Tanguero aber präsentiert sich im T-Shirt nicht von seiner besten Seite, auch wenn dieses die Aufschrift „Barcelona Tango Festival 2002“ trägt.

Welches Hemd? Rein oder raus?
Die meisten Tangueros tragen Hemden und das ist auch gut so. Viele lassen das Hemd aus der Hose hängen. Das halte ich für ein akzeptables Zugeständnis an die Zweckmäßigkeit: es ist etwas luftiger, das Hemd wirft am Bund keine ungewollten Falten und man muss nicht ständig kontrollieren, ob es hinten herausgerutscht ist. Aber nicht jedes Hemd ist für das Draußen-Tragen gemacht. Businesshemden sind es auf jeden Fall nicht. Ich bin sowieso dagegen, Businesshemden in der Freizeit zu tragen (besonders keine hellblauen). Die meisten der heute gängigen, etwas engeren Freizeit-Hemden hingegen kann man gut raushängend tragen (keine sichtbaren Ersatzknöpfe, unterer Rand einigermaßen gerade etc.).

Streng verboten: Sportkleidung
Ich dachte immer, das sei Konsens: Elbnymphe hat bereits die Trainingshose mit seitlicher Knopfleiste kritisiert (die dem Fußballer gestattet, die Hose auszuziehen und dabei die Schuhe anzulassen), und Cassiel hat ein ähnliches Modell bei Timo, dem Thai-Chi-Tänzer ausgemacht. Noch schlimmer als solche Sport-Hosen finde ich aber jegliche Art von Sport-Oberteilen (besonders hart treffen mich solche ohne Ärmel, aber auch Feinripp-Unterhemden und sogar Fahrradtrikots habe ich schon gesehen. Kein Witz! Mit Rückentasche für den Ersatzschlauch!). Sicher, es gibt Funktionsshirts, die ganz gut aussehen. Beim Sport. Aber nicht beim Tanzen. Fällt den Trikot-Trägern denn nicht das Ungleichgewicht im Vergleich zu ihren Tanzpartnerinnen auf? Die Dame erscheint im Kleid, Ohrringe und Schuhe (140 €) darauf abgestimmt, die Beine mit einer gemusterten Wolford-Strumpfhose liebevoll inszeniert, aber der Herr trägt dazu ein Stück aus der Ergonomic Performance-Serie von Odlo oder Nike, weil „weißte, mir ist beim Tanzen immer so heiß“. Manche Dinge werde ich wohl nie begreifen.

Die Regel „Keine Sportklamotten beim Tango“ gilt übrigens nicht für Frauen: manche Frauen sehen beim Tanzen in Trainingshosen wunderbar aus. Frauen in Sport-Oberteilen hingegen habe ich noch nicht gesehen. Ich glaube, Frauen machen so etwas nicht.

Eigentlich einfach: die Hose
Die Hosenwahl ist für den Tanguero eigentlich nicht schwer. Ich persönlich bevorzuge dunkle Stoffhosen, aber es gibt auch Männer, die in Jeans beim Tango eine gute Figur machen. Das ist aber nur dann so, wenn die Jeans sich noch einen Rest ihrer ursprünglichen Form und Farbe bewahrt hat. In jedem Fall aber sollten die Hosentaschen, egal welcher Hose, fast leer sein. Das Portemonnaie in der Gesäßtasche hat sonst einen ganz großen Auftritt, ebenso wie das in der vorderen Hosentasche munter vor sich hin blinkende Handy. Dass am Gürtel kein Telefon, kein Blackberry und kein Leatherman-Tool hängt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Sollte, sollte.

Beliebt ist auch die Cargo-Hose, mit Taschen an der Seite. Da verhält es sich ähnlich wie mit T-Shirts: an ein paar wenigen Tangueros sieht das sehr gut aus. Die meisten Herren indessen sollten davon die Finger lassen. Faustregel: alle über 35 Jahre sollten vor dem Erwerb einer solchen Hose eine zweite Meinung einholen. Die Gefahr des „under-age-dressings“ (=Dieter-Bohlen-Syndrom) ist bei Cargo-Hosen ziemlich hoch.

Und schließlich mein Liebling: die Marlene-Dietrich-Hose für den Mann. Meist ist sie aus fließendem Stoff und sieht ganz stark nach Kunstfaser aus. Diese Art von Hosen erinnert mich immer an Zirkus oder an den Pierrot aus „Die Kinder des Olymp“. Üblicherweise wird sie mit Tanzschuhen im Turnschuh-Design kombiniert und tritt, so ehrlich muss man sein, tendenziell bei besseren Tänzern auf. Handelt es sich um eine In-Tracht der Tango-Nuevo-Szene oder so was? Bitte klärt mich auf. Aber auch wenn’s so ist: ohne diese Hosen wäre die Welt kein schlechterer Ort.

Also das ist mein Vorschlag, gewissermaßen ein Katalog der Mindestforderungen, mit genügend Raum für die individuelle Note. Nach oben sind natürlich keine Grenzen gesetzt!

Montag, 16. November 2009

Für die neue Woche 37: Osvaldo Pugliese - Emancipación

In dieser Woche kommt mein musikalischer Gruß erst am Montagmittag. Ich stehe noch unter dem Eindruck der Diskussion vom Wochenende und versuche mich immer noch in die Gedanken einzelner Kommentatoren einzufinden.

Also gut! Probieren wir es heute einmal mit Kopfkino...

Ich lade alle Leserinnen und Leser ein, die Augen einmal zu schließen und dem Film zu folgen, den ich jetzt als Rolle auf den Projektor für das Kopfkino spanne...

Wir sind zu vorgerückter Stunde auf einer Milonga. Wir sitzen am Rand der Tanzfläche. In der Ecke ein Sessel, da hat es sich eine junge Tanguera bequem gemacht. Sie hat ihre Comme Il Fauts ausgezogen und schaut gedankenverloren in die Runde. Direkt nebenan sitzen auf einem Sofa eine Frau und ein Mann und reden mit gedämpfter Stimme. Die Kerze auf der Fensterbank ist ausgelaufen und das Wachs hat mehrere leere Gläser "festgeklebt". Halblinks sitzt eine nicht mehr ganz junge Tanguera, eine Erscheinung! Perfekt in Kleidung und Haltung lächelt sie warm und milde in den Raum. Plötzlich erhebt sie sich scheinbar unwillkürlich. Ein großer Tanguero kommt von fern und geht auf sie zu. Beide begrüßen sich knapp und zurückhaltend. Er stellt sich in Tanzrichtung und hält ihr die linke Hand hin. Sie willigt ein und geht federleicht in die geschlossene Umarmung. Er legt ganz ruhig und vorsichtig seine rechte Hand auf ihren Rücken und dann geht es los.



Nach der fanfarenartigen Eröffnung beginnt er leise und vorsichtig mit dem gemeinsamen Ausflug. Sie wird noch sensibler und achtet auf seine Signale. Er ist fordernd: er mutet ihr auch die bewußte Pause zu. Sie hebt dann leicht die Fußspitze und ihr Absatz beschreibt einen unsichtbaren Kreis wenige Millimeter über dem Parkett. Beide sind hinausgeschwommen in ihre eigene Welt. Die Umgebung ist für sie nicht mehr wahrnehmbar...

Da irgendwo passiert der Tango.

Und nun die kalte Dusche:

Der letzte Ton verklingt und der DJ legt - aus welchem Grunde auch immer - Robbie Williams auf...



Wird jetzt vielleicht deutlich, warum ich bei Non-Tangos äußerst zurückhaltend bin? Es ist eine andere Welt! Ganz große Könner ihres Fachs unter den DJs schaffen es, einen Non-Tango organisch einzuflechten. Das ist jedesmal ein Genuß. Aber es erfordert viel Fingerspitzengefühl.

So! Diesen Beitrag habe ich heute einmal so formuliert um deutlich zu machen, was ich meinte.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine gute Woche.

Samstag, 14. November 2009

Und das nächste Mal...

... wenn ein DJ auf einer Milonga Somewhere Beyond the Sea in der Interpretation von Robbie Williams direkt nach einem (einzelnen) Pugliese auflegt, werde ich auffällig oder vielleicht sogar grob.

Gleiches gilt für den Abend an dem wieder einmal vollkommen schmerz- und merkbefreit sechs Non-Milongas in Folge aufgelegt werden.

Also noch einmal zum Mitschreiben: Das Auflegen in Tandas ist keine Macke von Traditionalisten oder irgendwelchen Tango-Spießern! Es ist viel mehr ein Akt der Höflichkeit gegenüber den Gästen einer Milonga. Und wenn ich bei bestimmten DJs schon beim Betreten der Milonga weiß, welche Einzeltitel an dem Abend mit Sicherheit gespielt werden (Annett Louisan, Kevin Johanson, Patricia Kaas usw.), dann sollte man vielleicht ein Wettbüro einrichten. Werde ich schon um den Tangogenuss gebracht, würde ich wenigstens reich. ;-)

Natürlich wird nichts davon passieren, aber so ab und zu darf ich ja zumindest in der anonymen Umgebung dieses Blogs meinem Ärger Luft machen.