Montag, 9. November 2009

Für die neue Woche 36: Astor Piazzolla - Oblivion

Vermutlich denken viele Lesenden, mein Musikgeschmack im Tango ist unglaublich konservativ und wahrscheinlich haben sie Recht. An diesem Montagmorgen war ich wild entschlossen einen Non-Tango zu präsentieren. Passacalli Della Vita, ein italinisches Barockstück von einem unbekannten Schöpfer aus dem Jahre 1650. Wie ich darauf komme? Nun, ich hatte am Freitag während eines gesungenen Tangos die ungewöhnliche Frage der mit mir tanzenden Tanguera zu beantworten, ob ich lieber Männer- oder Frauenstimmen mag. Ich war von der Frage überrascht. Sie blieb in meinem Hinterkopf... über das gesamte Wochenende. Gestern ging ich meine gewohnte Runde mit meinem vierbeinigen WG-Mitbewohner und dachte bei grauem, wolkenverhangenen Himmel noch einmal nach. Mir fiel noch einmal das Passacalli Della Vita ein und ich dachte unvermittelt an barocke Kirchen, mit all ihrer barocken lebensbejahenden Pracht, aber eben auch mit den drastischen Darstellungen vom Sensenmann und irgendwelchen Skeletten an barock geschmückten Gräbern. Der Gassenhauer über die Vergänglichkeit des Lebens hat dieser Lebenseinstellung eine auditiv wahrnehmbare Form gegeben (nebenbei bemerkt: Es ist ein tiptop Non-Tango, der vor Jahren in entsprechenden Umgebungen einmal ziemlich en vogue war). Für mein Empfinden tickt der Tango ein ähnliches Paradoxon. Und weil Passacalli Della Vita nicht in einer embedded Version zu finden war, verlinke ich hier Oblivion von Astor Piazzolla, ein Stück für einen wolkenverhangenen Novembertag. Google-Translation übersetzt Oblivion mit "Vergessenheit" vielleicht ist "Vergänglichkeit" der semantisch passendere Begriff...

Und ich denke trotzdem: Der Tango hilft, diese Widersprüchlichkeit im Denken und Fühlen aufzulösen.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Start in die neue Woche!

Samstag, 7. November 2009

Die Tangofahrgemeinschaft

Heute gibt es ein paar Gedanken zu einem vergleichsweise unspektakulären Thema: Die Tango-Fahrgemeischaft bzw. die Tango-MFG. Eine wunderbare Einrichtung! Lebt man in einer Region mit einer sehr überschaubaren Tangoszene, so findet man sich entweder damit ab, oder man schließt sich zu Fahrgemeinschaften zusammen und fährt mal eben eine Stunde oder länger zur nächsten größeren Milonga.

Ich finde solche Ausflüge immer sehr angenehm und bereichernd. Fährt man in einer Gruppe zu einer anderen (fremden) Milonga, so ist es für mich selbstverständlich, daß man ein wenig darauf achtet, daß sich alle wohl und sicher fühlen. Dazu gehört eben ein passendes Musikprogramm für das Autoradio. Ein paar Decken sind sicherlich auch nicht verkehrt, wenn in der kühleren Jahreszeit jemand während der Rückfahrt schlafen möchte. Und im Tangokontext gehen die Gesprächsthemen während der Fahrt sicherlich nicht zur Neige.

Angekommen bei der Milonga gibt es zumindest für mich dier Regel der ersten Tänze mit den Tangueras der Fahrgemeinschaft. Das nimmt die Scheu und ein gutes Ankommen in der fremden Szene ist sichergestellt (die letzten Tangos gehören für mein Empfinden ebenso dazu - da bin ich aber tiefen-entspannt; tanzt eine Tanguera aus der Gruppe versunken mit einem ortsansässigen Tanguero, dann freue ich mich für sie). Für die Tangueros der Gruppe gilt, das sie in regelmäßigen Abständen einmal nach den Tangueras sehen sollten. Es ist wie beim Autofahren, mein Fahrlehrer hatte mir damals beigebracht, daß ich zu jedem Zeitpunkt die Farbe des Fahrzeugs hinter mir im Gedächtnis haben sollte. Ähnliches gilt für Milongas in anderen Städten. Die Tangueros der Gruppe sollten immer wissen, mit wem die Tangueras gerade tanzen (ohne hinzuschauen) - das ist für mich kein Behüten sondern eher ein Akt der Aufmerksamkeit den Damen gegenüber. Hat eine Tanguera der Gruppe einen etwas hartnäckigen Verehrer, so gibt es die Möglichkeit zur Intervention. Ich sage während der Hinfahrt zu Tangueras, die erstmalig auf eine fremde Milonga fahren, daß sie nur die rechte Augenbraue hochziehen müssen und ich fordere sie auf - eine kleine Versicherung. Das gehört für mich zu einer solchen Fahrgemeinschaft dazu.

Ein kritischer Punkt ist die Frage nach dem Zeitpunkt der Heimreise. Da gilt es, vorher klar zu vereinbaren, wann man die Milonga verlässt. Wenn es einem Mitglied der Tango-Fahrgemeinschaft nicht gut geht, dann kann man ja auch flexibel und spontan die ursprünglichen Absprachen ändern. Die Fahrtkosten kann man sich einvernehmlich teilen, oder das nächste Mal fährt ein anderes Mitglied der Gruppe.

Es fehlt eigentlich nur noch der Hinweis auf die Kekse und das Wasser für die Heimreise. Tanzen macht hungrig und so sollten einige Kekse (ich hatte schon eine wilde Prinzenrolle-Phase) als Bordverpflegung vorrätig sein. Wasser oder Limo hat auch noch nie geschadet.

Die Mühe der An- und Abreise wird aufgewogen durch lustige, ernste und nachdenkliche Gespräche während der Fahrt. Wer es noch nie probiert hat, dem empfehle ich ausdrücklich einen Versuch.

Freitag, 6. November 2009

Süßes oder Saures - Das jüngste Google-PageRank-Update zu Halloween

So ab und zu fällt mir zum Tango überhaupt nichts ein. Dann schweige ich entweder oder ich schreibe einen Artikel off-topic, der dann häufig nie den Weg in den Blog findet. Vielleicht ergeht es diesem Artikel ähnlich und er darf nie die Weite des Internets erleben.

Bloggen besteht ja nicht nur daraus, mehr oder wenige sinnbefreite Beiträge zu verfassen und sie nach der Veröffentlichung zu begleiten, damit die Kommentierungen nicht aus dem Ruder laufen. Als Blogger (bzw. Bloggerin) liest man ja automatisch sehr viel und so ab und zu macht man sich auch Gedanken um seine Leserschaft. Schließlich ist eine rege Anteilnahme an den Themen und den damit verbunden Diskussionen der einzige Lohn, den man erhält.

Ich gebe es zu, ich habe auch schon einige Male darüber nachgedacht, in meinem Blog die Google-Werbung zu aktivieren. Es würden aber wahrscheinlich immer die gleichen Textanzeigen erscheinen. Tangoschuhe von Werner Kern, eine Milonga oder Tanzunterricht irgendwo oder aber ein Hinweis auf ein tourendes Tangostück. Das muss ja nun auch nicht sein.

Und dann ist da noch der ganze technische Firlefanz in den man sich einarbeiten sollte. Man sollte die Grundzüge der Suchmaschinen-Optimierung begriffen haben (obwohl diese out-of-the-box Blogs z.B. von Blogger.com oder Wordpress.com schon ziemlich optimiert sind). Und man sollte vielleicht auch schon einmal vom PageRank gehört haben.
Am 31. Oktober hat Google nachts sein lang erwartetes PageRank Update gefahren. Der PageRank einer Website ist eine Zahl zwischen 0 und 10, die die Wichtigkeit der Seite für die Suchmaschine repräsentiert. Die Tangoplauderei hat den PageRank 3 erhalten. Vielleicht muß ich einmal etwas zur Verteilung dieses PageRanks schreiben. Über 60% der deutschen Internetseiten haben den PageRank 0 und die Werte 9 (das weiße Haus) und 10 (Google und der liebe Gott) werden von deutschen Seiten überhaupt nicht erreicht. Der Spiegel hat z.B. PR 8. Die TangoDanza hat den PageRank 4.
Thematisch betreibe ich ein C-Blog, d.h. ich blogge zu einem Sparten-Thema. Das ist so ähnlich wie ein Schreiben über Katzen, Windeln oder die Orchideenzucht. Insofern darf ich mit meiner Einstufung ganz zufrieden sein. Für die Berechnung des PRs werden viele Faktoren berücksichtigt: Eingehende Links und der PR der verlinkenden Seite, ausgehende Links, Alter der Seite, Aktualität und... und... und...

Aufgrund meiner Erfahrungen und Eindrücke hatte ich allerdings mit einem PageRank 4 gerechnet. Einige wertvolle Blogs haben mich verlinkt (einen Dank und einen lieben Gruß an Joli in Bs As). Insgesamt fehlen diesem Blog aber die Verlinkungen aus der deutschen Tangoszene (stellvertretend für diejenigen, die mich trotzdem verlinkt haben, greife ich tango-regensburg.de heraus und bedanke mich herzlich für die Erwähnung). Zusätzlich wurden bei diesem PR-Update viele Seiten um einen Punkt zurückgestuft. Das macht Google von Zeit zu Zeit.

Warum mich deutsche Tangoseiten nicht verlinken? Ich habe keine Ahnung. Ich habe mich bei vielen Seitenbetreuern per eMail vorgestellt und um eine Verlinkung gebeten. Nur ganz wenige Webdesigner haben dies dann auch getan. Meine Arbeitshypothese lautet, daß Internetseiten (auch im Tango) hauptsächlich von Männern betreut werden. Aufgrund der Kommentare und der Leserbriefe gehe ich davon aus, daß 70 - 80% meiner Leserschaft weiblich sind. Männer mögen im Allgemeinen meinen Stil nicht. OK! Damit kann ich leben. Hab ich eigentlich von dem aufgebrachten Leserbrief eines Tangueros berichtet, dessen Frau ihm regelmäßig liebevoll alle Artikel ausgedruckt und auf den Spülkasten der Toilette gelegt hat? Immer wenn er die Zeitung vergessen hatte, hat er dann offline in der Tangoplauderei gelesen. Er konnte mit meinen Gedanken überhaupt nichts anfangen. Die Idee der liebenden Ehefrau fand ich aber grandios und bedanke mich unbekannterweise für die Unterstützung bei der Verbreitung.

Dieser neue PageRank 3 hat mir so ungefähr 10 - 15% neue Leserinnen und Leser gebracht - genauer kann ich es nach ein paar Tagen noch nicht sagen. Jetzt muss ich mich bemühen, diese Gäste auch zum Wiederkommen zu überreden. ;-) Das werde ich mit diesem Artikel nicht schaffen, aber in den nächsten Tagen gibt es wieder einen Beitrag zum Tango. Versprochen!

Dienstag, 3. November 2009

Ein guter Brauch auf Milongas

Ich wollte schon häufiger dazu schreiben, es ist nur immer beim guten Vorsatz geblieben. Ich finde es ist eine schöne alte Sitte auf Milongas, Besuchern, die eine Anreise von beispielsweise über 100 km haben, den Eintritt zu erlassen (oder aber einen Rabatt zu geben). Ich habe das schon einige Male erlebt und war immer ganz gerührt. Es geht dabei nicht um die paar Euro, es geht um die Gastfreundschaft einer Szene bzw. eines Milonga-Veranstalters.

Wenn es sich also wirtschaftlich darstellen lässt, warum eigentlich nicht?

Montag, 2. November 2009

Für die neue Woche 35: Pedro Laurenz, Alberto Podestá - Alma de bohemio

Diese Woche habe ich Pedro Laurenz mit der "Seele des Künstlers" ausgesucht. Es singt Alberto Podestá.

Allen wünsche ich einen guten Start in die neue Woche!




[Ich habe heute früh versehentlich den Button "Als Entwurf speichern" erwischt , daher kommt mein Beitrag später...]

Sonntag, 1. November 2009

Und schon wieder ein Leser(innen)brief...

Leserin S. hat geschrieben. Und sie hat ausdrücklich darum gebeten hat, ihre Zuschrift nicht (auch nicht in Teilen) zu veröffentlichen, jetzt wird es ein wenig schwierig, etwas dazu zu schreiben. Ich probiere es trotzdem.

Es ging um die Schwächen, um die Sehnsucht, um eigene Begrenztheit und um die Verletzlichkeit. Ganz am Rande ging es ja schon im letzten Beitrag um dieses Thema.

Ich habe in meinem Archiv einen wunderschönen Text der die unerfüllte Sehnsucht bzw. die Suche nach Geborgenheit sehr gut beschreibt. Für mich ist der Tango manchmal die Sehnsucht nach diesem uneingeschränkten Annehmen eines Menschen bzw. die Sehnsucht nach dem Gefühl des Angenommenseins und weil das wohl so radikal nicht geht, bleibt es eben eine Sehnsucht. Beim Tango kann man versuchen - zumindest für eine kurze Zeit - mit einem anderen Menschen dieses Gefühl der emotionalen Heimat zu teilen.
In die Lichtblicke deiner Hoffnung
und in die Schatten deiner Angst,
in die Enttäuschungen deines Lebens
und in das Geschenk deines Zutrauens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Dunkel deiner Vergangenheit
und in das Ungewisse deiner Zukunft,
in den Segen deines Wohlwollens
und in das Elend deiner Ohnmacht
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Spiel deiner Gefühle
und in den Ernst deiner Gedanken,
in den Reichtum deines Schweigens
und in die Armut deiner Sprache
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In die Fülle deiner Aufgaben
und in deine leere Geschäftigkeit,
in die Vielzahl deiner Fähigkeiten
und in die Grenzen deiner Begabungen
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Gelingen deiner Gespräche
und in die Langeweile deines Betens,
in die Freude deines Erfolges
und in den Schmerz deines Versagens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In das Glück deiner Begegnungen
und in die Wunden deiner Sehnsucht,
in das Wunder deiner Zuneigung
und in das Leid deiner Ablehnung
lege ich meine Zusage: Ich bin da.


In die Enge deines Alltags
und in die Weite deiner Träume,
in die Schwachstellen deiner Treue
und in die Kraft deines Herzens
lege ich meine Zusage: Ich bin da.
Ja, der Text ist religiös motivert (es ist eine Variation über die Selbstbeschreibung des alttestamentarischen Gottes - wer es genau wissen will: Exodus 3, 4-14 - eine Quelle kann ich für dieses Zitat leider nicht liefern). Und das führt dann zu der Frage, ob Tango eine Religion ist. Irgendwo habe ich dazu auch schon einmal etwas in einem Blog gelesen. Nach meiner Überzeugung ist Tango keine Religion. Aber Religion und Tango berühren ähnliche Grundbedürfnisse des Menschen. Vielleicht lässt es sich als Suche nach Liebe beschreiben. Ich kann sehr gut damit leben, daß manche Menschen in Tangokontexten auf diese emotionale Tiefe nicht einlassen können oder wollen. Das bleibt jedem selbst überlassen. Manchmal kann es einen allerdings weiterbringen, wenn man auch solche, möglicherweise angstbesetzten emotionalen Gefilde besucht. ;-)

Und weil es hier um einen emotional ganz sensiblen Bereich einer Leserin geht, aktiviere ich vorübergehend die Kommentarmoderation. Ich bitte um Verständnis. Bevor es hier dann doch irgendwann zu meditativ und spirituell wird, werde ich demnächst mal wieder eine zünftige polemische Glosse verfassen - versprochen.

Freitag, 30. Oktober 2009

Leserbrief: Beziehungsdilemma et al

Im Moment bin ich auf anderen Baustellen unterwegs. Deshalb gibt es hier ausnahmsweise einen Leserbrief und ein paar Gedanken. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz etwas zum Thema Leserbriefe schreiben. Mich erreichten in der Folge zum Beitrag: Erotik vs. Sex im Tango Argentino sehr viele Leserbriefe. Ich bemühe mich, Leserbriefe zeitnah zu beantworten, das hat bei über 60 Leserbriefen nicht so funktioniert, wie ich es eigentlich als Anspruch an mich selbst leben will. Ich bitte um Verständnis. Prinzipiell möchte ich noch einmal auf die Kommentarmöglichkeit hinweisen. Ich werde dafür Sorge tragen, daß es nicht zu ruppig wird. Und viele Gedanken in den Leserbriefen waren durchaus berechtigt und es wäre schön gewesen, wenn sie in die Diskussion eingeflossen wären. Das ist aber jetzt auch egal. Ich möchte einen Kontakt mit einem Leser exemplarisch herausgreifen und hier veröffentlichen. Vielleicht ergibt sich eine spannende Diskussion.
Lieber Cassiel,

gelegentlich lese ich Deinen Blog und finde viel Kluges und Amüsantes darin.

Zuerst ein paar Worte zu meiner Wenigkeit:
Beim Tango bin ich seit ca. 8 Jahren, meine schlimme Suchtphase habe ich glücklich hinter mir, so gehe ich inzwischen ca. 1x die Woche zum Tango. Das ist auch insofern einfach, als ich hier inzwischen nur an den Sonntagsmilongas Freude habe. Ich vermute fast, wir sind uns mal in [...], der [...] oder dem Schloß [...] über den Weg gelaufen…

In vielen Punkten stimme ich Dir zu, viele Deiner Beobachtungen teile ich, einen "Edgar" gibt es bei uns auch (hier heißt er W. [Name abgekürzt - Cassiel]). In einem wesentlichen Aspekt möchte ich Dir aber entschieden widersprechen: In Deinen Einschätzungen zum Thema Tango&Beziehung, Erotik, Sex sitzt Du m.E. einem weit verbreiteten Denkfehler auf.

Dieser Denkfehler entsteht durch eine ebenso weit verbreitete Überschätzung von Wichtigkeit, Bedeutung und Gewicht des Tango. Man kann durchaus im Tangoumfeld jemanden kennenlernen, und demjenigen sehr ernsthaft begegnen - sei es für ein paar Tangos, für den ganzen Abend mit sehr anregenden Gesprächen, für die ganze Nacht mit oder ohne Sex, für eine kurze Affaire, eine längere Beziehung - oder eine lebenslange Ehe. All dies ist möglich - und für all dies gibt es genug Beispiele.

Nur einen Fehler darf man nicht machen - und dieser Fehler ist extrem verbreitet: Man begegnet sich auf dem Parkett, ist hingerissen von dem, was man beim Tango erlebt - und zieht aus diesem Erleben Rückschlüsse auf das, was im richtigen Leben möglich ist. Dieser Fehlschluß ist unter dem Namen "klassische Tangofalle" sattsam bekannt und vielfach beschrieben.

Tango ist ein Umfeld, das genauso gut oder schlecht geeignet ist, Lebens- oder Liebespartner für kürzere oder längerdauernde Beziehungen kennenzulernen wie der Arbeitsplatz, ein Sportverein, ein Supermarkt, eine Internet-plattform oder ein Eisenbahnabteil. Und das Risiko des Scheiterns einer Beziehung ist beim Tango nicht höher als bei einer der anderen Kennenlern-Formen, wenn man eine sehr simple Verhaltensregel beherzigt: Man muß geduldig und mit aller Gründlichkeit erforschen, was das Gegenüber für ein Mensch ist - und ob man mit ihm kürzere oder längere Zeit verbringen kann und will. Mit einem Wort: Man muß sein Gegenüber kennenlernen.

Manche Tangonauten sitzen nun dem Irrtum auf, nach ein paar Tangos in perfekter Harmonie wäre dieser Kennenlern-Prozeß abgeschlossen. Das sind die Fälle, von denen Du schreibst - nach ein paar Wochen sprechen sie dann nicht mehr miteinander…

Das Beherzigen meiner Verhaltensmaßregel schafft natürlich keine Sicherheit - die gibt es in Gefühlsdingen nicht. Aber sie kann sehr wohl das Risiko des Scheiterns auf ein verkehrsübliches Maß senken.

Vielleicht lese ich ja mal in Deinem Blog Deine Gedanken dazu… (-;

Herzliche Grüße

Meine Antwort:
Hallo,

vielen Dank für Deine ausführliche Mail. Womit habe ich das verdient.

Ich bin gerade beruflich im Stress, deshalb kommt auch meine Rückmeldung so spät. Ich fürchte ich muss Deinen Beitrag noch zwei bis drei mal lesen um den Unterschied unserer Ansichten (den Du vermutest) herauszufinden. Ich denke, unsere Ansichten liegen dichter beieinander als Du es beschreibst.

Darf ich aus Deiner eMail (selbstverständlich anonym) zitieren?

Ich werde Dir dann antworten.

Viele Grüße

Cassiel

Und dann kam diese eMail zurück:
Servus, Herr Cassiel,
| vielen Dank für Deine ausführliche Mail. Womit habe ich das verdient.
Ist das eine echte Frage? - Falls ja:

Du schreibst pointiert und beziehst klare Standpunkte, die Widerspruch hervorrufen. Aber Du tust es auf eine Art, bei der man das Gefühl hat, daß die eigene Meinung ernst genommen wird - v.a. auch deswegen, weil Du umfangreich auf die Kommentare eingehst.

So kommt wohl die Lebendigkeit der Diskussion auf Deinem Blog zustande.

| Ich bin gerade beruflich im Stress,

Naja - und der Blog macht ja auch eine Menge Arbeit. Wenn Du so weiter machst, kannst Du bald Deinen Beruf an den Nagel hängen und Dein Auskommen als Tango-Therapeut (2/3 weibl., 1/3 männl. Kundschaft) finden. Vorsicht - da lauern die richtig heftigen Beziehungs-Dilemmata… (((((((-;

| deshalb kommt auch meine
| Rückmeldung so spät. Ich fürchte ich muss Deinen Beitrag noch zwei bis
| drei mal lesen um den Unterschied unserer Ansichten (den Du vermutest)
| herauszufinden. Ich denke, unsere Ansichten liegen dichter beieinander
| als Du es beschreibst.

Bin gespannt…
| Darf ich aus Deiner eMail (selbstverständlich anonym) zitieren?

Naklar - so isses gedacht. Kannst mich ja als "Herrn Oswald" (oder lieber "Herrn Osvald" ?) bezeichnen.

Herzliche Grüße

Oswald


Also, lieber Herr Oswald, Du schneidest noch einmal das Thema Tango und Beziehung an und wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann findest Du meinen Ansatz zu streng. Ich hatte mich ja schon erstmalig vor einem halben Jahr in epischer Breite in meinem Artikel Das TBD bzw. TPD zum Thema geäußerst. Ich sehe es immer noch so. Allein aus der Anzahl der Leserbriefe, die mich zu diesem Thema erreichen bemerke ich, wie wichtig einigen Menschen diese Fragestellung ist (vielleicht verlinke ich hier noch einmal den Leserbrief und meine Entgegnung aus dem Juni). Die klassische Tangofalle sehe ich natürlich auch (wenngleich ich den Begriff so bisher noch nicht verwendet habe).

Reduzieren wir doch einmal die Frage auf den Kern: Wie gehe ich mit der Nähe im Tango um. Nähe mit Tangueras, von denen ich niemals etwas will ist überhaupt kein Problem. Nähe mit Tangueras, bei denen ein "ungemütlicher" Vorfall zwischen uns steht ist schwierig - ebenso die Nähe mit Tangueras, die ich unglaublich attraktiv finde. Es ist nichts Sexuelles, vielleicht einfach nur eine kaum zu beschreibende Unruhe. Ich entwickele wahrscheinlich eher ein tiefes Mitgefühl, ein vertieftes Verstehen der persönlichen Schwierigkeiten dieser Tangueras. Das bleibt im Tango wohl nicht aus. Aus Angst, der entsprechenden Dame zu nahe zu kommen, ziehe ich mich dann eher etwas zurück.
Und dann setzt immer wieder diese Liberalität ein. Ich bin immer sehr gut mit dem Grundsatz: "Die Frau bestimmt in der Frage von Distanz und Nähe im Tango" gefahren. Und damit meine ich nicht nur die physische Nähe auf der Tanzfläche.

Lieber Herr Oswald, ich sehe wirklich kaum einen Unterschied in unseren Positionen. Doch, vielleicht einen: ich lebe im Moment eine intensivere Tangophase, so etwa drei Abende die Woche. Da sich meine zwischenmenschlichen Freizeit-Kontakte hauptsächlich im Tango fokussieren, ist die Frage für mich etwas dichter an meinem Leben. Wenn ich nur einmal die Woche zum Tango ginge, dann wäre diese Frage auch nicht so drängend.

Ich habe im Moment etwas viel um die Ohren und deshalb habe ich hier einen Leserbrief aus Denk- und Diskussionsanstoß veröffentlicht. Es kommen auch wieder andere Zeiten, dann gibt es wieder längere Artikel von mir.

Stay tuned ;-)