Freitag, 1. Oktober 2010

Tacheles mit Tangueras 5: Melina Sedó zur Didaktik im Tango - Teil A

Zu meiner heutigen Gesprächspartnerin muss ich wohl nicht mehr viel sagen. Sie ist (hoffentlich) allen, die schon länger im Tango unterwegs sind ein Begriff: Melina Sedó unterrichtet mit ihrem Partner Detlef Engel Tango weltweit und hat sich am 2. September in einem Skype-TypoChat mit mir über drei Stunden lang unterhalten. Vielleicht ist es ja auch für Leserinnen und Leser interessant, wie lange Vorlauf solche Beiträge haben. Ich habe bereits im letzten Dezember eine erste eMail geschrieben und meinen Interview-Wunsch für den Sommer vorgetragen. Melina hat sehr freundlich sofort zugesagt. Mitte Juli haben wir uns dann wieder per eMail synchronisiert und das Thema eingegrenzt. Ursprünglich hätte ich gerne mit Melina über ihre Diplomarbeit "Geschlechterrollen im Tango argentino" gesprochen aber Melina war professionell bescheiden und merkte an, daß sie zu lange aus diesem Thema heraus sei. So haben wir uns dann schließlich auf den Themenkreis "Didaktik im Tango" geeinigt. Das Interview ist grob in drei Themenbereiche gegliedert:
  1. Einleitung und die Didaktik in Anfänger- oder Einsteigerkursen
  2. Die Situation und die Didaktik in Workshops (z.B. bei Tangofestivals)
  3. Selbstvertrauen im Tango
Melina und Detlef leben (wenn sie nicht gerade in Sachen Tango unterwegs sind) in Saarbrücken.

Die hier zu lesende Fassung ist das Protokoll unseres Chats (mit ganz leichten Änderungen). Die Korrekturen gingen per eMail hin und her und schließlich hat Melina diese Fassung genehmigt.



Teil 1 von 3

Cassiel: Guten Abend Melina, schön, daß wir es endlich schaffen, ein wenig zu plaudern. Fangen wir gleich an? Bei den Vorüberlegungen zu diesem Interview war ich plötzlich bei der Frage, wie ich Dich mit einem Begriff etikettiere. Nicht, daß es notwendig wäre, aber interessiert hat mich die Frage dann doch. Tanguera? DJane? Tango-Lehrerin? Tango-Profi? Für mich passt jeder Begriff und jeder Begriff ist unpassend. Wie siehst Du Dich?

Melina Sedó: Guten Abend, Cassiel. Danke für die Einladung zum Gespräch. Im Tango bin ich tatsächlich all das, aber inzwischen hauptsächlich Tango-Lehrerin und Managerin. Dabei ist der Anteil des Organisierens, Vorbereitens, der Reise-Planungen und des Marketings, der Buchhaltung und der Kontaktpflege viel größer als der des Unterrichtens pro Woche. ;-) Mit dem Herzen bleibe ich Tanguera, aber dafür habe ich leider viel zu wenig Zeit...

Cassiel: Wenn Du es einmal ganz grob abschätzen solltest: Wie viele Stunden verbringst Du im Durchschnitt pro Woche mit dem Tango? (Kannst Du es überhaupt näherungsweise angeben?)

Melina Sedó: Da "Tango" für mich eben auch die ganze Organisation heißt und wir wegen des Tango mindestens 2 volle Arbeitstage pro Woche im Auto, Zug oder Flugzeug sitzen, würde ich sagen: 6 Arbeitstage pro Woche. Manchmal mit einer sehr hohen Stundenzahl. Also: Fast jeden Tag von Morgens bis Abends... oder Nachts!

Cassiel: Macht der Tango nach intensiven Jahren immer noch Spaß? Oder stellt sich manchmal auch eine Müdigkeit angesichts der Intensität ein?

Melina Sedó: Der Tanz an sich macht Spaß, auch das Unterrichten, DJen, Organisieren. Aber natürlich bin ich oft recht erschöpft und vor allem "des Reisens müde". Ich wäre gerne mehr zuhause, aber das ist im Moment eben nicht möglich. Und wenn dann ein "freies" Wochenende ist, kann es gut vorkommen, dass wir schon wieder reisen, um zum Spaß auf ein Festival fahren. ... Na gut, das kommt nur selten vor, da wir nur sehr wenige Wochenenden im Jahr nicht arbeiten. Aber es ist schon sehr fordernd und sicher nichts, was ich in dieser Intensität bis ans Lebensende tun möchte.

Cassiel: Darf ich fragen, wie Du entspannst? Bleibt Zeit für Hobbies?

Melina Sedó: Mein liebstes Hobby: auf meinem Sofa liegen und lesen. Oder abends mal ein paar DVDs schauen. Und wenn ich dafür Energie und Zeit finde: historische Fantasy-Rollenspiele mit meinen Freunden. Und dann habe ich gerade noch ein Fernstudium an der Uni Hagen angefangen... aber das wird mit Sicherheit viele, viele Jahre dauern. ;-)

Cassiel: Fernstudium? Welche Fachrichtung?

Melina Sedó: Masterstudium: Europäische Moderne - Geschichte und Literatur. Das wollte ich immer schon studieren.

Cassiel: Das klingt ja jetzt sehr verlockend, aber leider müssen wir das jetzt so stehen lassen und wenden uns dem Tango zu. Im Vorfeld des Interviews haben wir uns darauf verständigt, daß es in diesem Interview um das Themenfeld „Didaktik im Tango“ gehen soll (die Einschränkung war sicherlich sinnvoll, sonst dauert es Tage, bis ich meine Fragen abgearbeitet habe ;-) ). Magst Du den Begriff einmal definierend eingrenzen oder legen wir sofort los und ich beginne mit der ersten Frage?

Melina Sedó: Eine Einschränkung des Themas macht durchaus Sinn, denn ich schreibe gerne und viel. Und wir möchten ja nicht die Leser des Blogs langweilen. ;-) Leg ruhig mit der ersten Frage los!

Cassiel: Gut, dann fangen wir vielleicht einmal mit der Ausgangssituation an. Ihr (d.h. Du und Dein Partner Detlef Engel) gebt auch Einführungskurse bzw. Anfängerkurse. Habt Ihr Euch Gedanken zur Didaktik gemacht? Wie sieht Euer Konzept aus? Was lernen die Teilnehmenden in den ersten drei oder fünf Stunden? Worauf achtet Ihr in didaktischer Hinsicht?

Melina Sedó: Das sind ja gleich ganz viele Fragen, auf die ich viel antworten kann. Der Anfängerkurs:
Wir haben viel Jahre lang in unserer Großregion regelmäßige Anfängerkurse gegeben und viele Erfahrungen mit dem Thema gemacht. Heute unterrichten wir allerdings ausschließlich auf Workshops, Festivals oder Tangoreisen.
Wenn ich also von Anfängerkursen spreche, so beziehe ich mich auf die Vergangenheit. Aber alles was ich sage, trifft genauso für einen Grundlagen-Workshop eines Festivals zu und - in vielerlei Hinsicht - auf unser Unterrichtskonzept im Allgemeinen.
Nun...
Anfänger zu unterrichten ist eine große Herausforderung und ist mit einer großen Verantwortung verbunden. Hier kann man auch am meisten „falsch“ machen. Leider werden allzuviele Anfängerkurse oder -Workshops immer noch von „Anfängerlehrern“ unterrichtet. Irgendwie hat sich die Idee breitgemacht, dass man selbst weder gut tanzen, noch viel Ahnung haben muss, um Anfänger zu unterrichten. In Frankreich gibt es z.B. viele Associations (Vereine), die unterrichten ihre Anfängerkurse selbst und für fortgeschrittenere Tänzer laden sie Profi-Lehrer ein. Ich will jetzt nicht sagen, dass die Profis besser sind, aber das zeigt schon eine Grundeinstellung nach dem Motto: „Anfänger kann ja jeder unterrichten.“
Das Gegenteil ist richtig: Es ist keine Zauberei, einem sehr fortgeschrittenen Tänzer eine Figur zu zeigen, aber einem Anfänger das Gehen und eine schöne Umarmung zu vermitteln, ist eine Kunst.
Zumal: Anfängerkurse sind sehr inhomogen. Die Lehrer müssen sich auf eine Situation einstellen, in der sie tanzerfahrene Personen neben völlig Bewegungsunbegabten unterrichten müssen, Menschen, die ihren Körper schon lange tänzerisch oder sportlich einsetzen und Leute, die nach 40 Jahren sitzender Tätigkeit zum ersten Mal wieder eine koordinierte Bewegung versuchen. Wir treffen auf Menschen, die Angst vor Nähe haben, solche, die große Probleme haben, eine Entscheidung zu treffen und sich gegenüber einem Partner selbstbewusst zu positionieren. Und wir werden Leute unterrichten müssen, die wirklich gar keinen Bezug zur Musik haben und nun plötzlich im Takt gehen müssen.
Das heisst, wie müssen ihnen helfen, sich in ihrem Körper wohl zu fühlen, stolz und offen einen anderen Menschen zu umarmen und dann auch noch auf die Musik einzugehen. Wenn das nicht sehr anspruchsvoll ist!

Darüber hinaus gilt es im Anfängerkurs nicht nur, die technische Basis für das spätere Tanzen zu legen, sondern auch eine Philosophie zu vermitteln, die gute „Gesellschaftstänzer“ erzeugt und keine Aspiranten für den Showtanz. Im Unterricht müssen daher auch die Musik, „Regeln“ der Milonga und das harmonische Miteinander auf der Piste eine Rolle spielen.
Ein weiteres Problem: Menschen lernen unterschiedlich. Die Eine braucht die logische Erklärung, der Andere das vorgetanzte Beispiel des Lehrers, der Andere muss einfach genug Zeit haben, selbst auszuprobieren oder muss die Bewegung im Austausch mit dem Lehrer erspüren.... Wir versuchen daher, die Schüler auf allen Kanälen zu erreichen und sprechen daher verschiedene Lernzentren an: das intellektuelle Verstehen, das körperliche Erfühlen, das visuelle Erkennen. Oft stellen wir sie vor Probleme oder Fragen, die sie lösen müssen, sei es nun intellektuell oder durch ausprobieren. Wir arbeiten auch viel mit Bildern oder bringen die Leute auch mal zum Lachen, damit sich die Anspannung lösen kann.
Aber: Ich muss sagen, dass sehr unintelligente Menschen Probleme mit unserer Methode haben, da wir doch beide einigermaßen intellektuell an die Sache herangehen. Ein: „Guck halt zu und mach‘s nach“ wird es bei uns kaum geben. Auch nicht das Auswendiglernen von Figuren. Das heisst nicht, dass wir nie Figuren unterrichten, aber sie spielen eine sehr untergeordnete Rolle bei uns. Unsere „Anfänger“ haben z.B. nie den Grundschritt auswendig gelernt.
Und hier kommen wir zu einem ganz anderen Thema:
Es gibt leider zu viele Lehrer, die denken, sie müssten die Schüler von Anfang an mit Figuren „unterhalten“, da sie eben dies erwarten. Dazu sage ich nur: völliger Unfug! Wenn man einem erwachsenen, normal intelligenten Menschen sagt: „Der Tango ist Gehen in Umarmung und bevor wir irgendwelche komplexen Figuren lernen, müssen wir erst einmal die Basis „meistern“, dann wird das jeder verstehen. Das ist wie im Erlernen jeder Sportart oder eines Musikinstrumentes.
Und deswegen nehmen wir uns auch die Zeit für diese Basis und: wir schreiben es auf! Unsere Schüler (sei es in Kursen oder Workshops) bekommen Handouts mit den Basisprinzipien, Ideen zu Improvisation, musikalischen Konzepten, Diagrammen und einer Menge anderem Kram von uns überreicht: So ist sicher gestellt, dass die Inhalte und Details nicht verloren gehen. Das Lernen geht ja nach dem Unterricht erst richtig los und da brauchen viele auch einfach eine schriftliche Dokumentation.
Das heisst aber nicht, dass Schüler bei uns stur büffeln müssen bis sie nach vielen Monaten endlich mal tanzen gehen können. Nein, im Gegenteil, wir möchten ihnen einfache Elemente vermitteln, mit denen sie schon in der ersten Stunde auf der Milonga mittanzen können. Viele Paare haben auch echte „Aha-Effekte“ in der ersten Stunde, da sie körperlich spüren, wie harmonisch Kommunikation verlaufen kann.
So sieht unsere „Anfängerstunde“ aus, die ich übrigens auch auf Festivals jederzeit als Workshop für weit fortgeschrittene Tänzer anbiete:
  • Postura alleine
  • Elementare Schritttechnik alleine (seit, rück, vorwärts)
  • Umarmung & Positionierung zum Partner
  • Unterscheidung der Kommunikation von Gewichtswechseln am Platz & Seitschritten
  • Gehen im parallelen System in der Ronda im Paar
  • Gehen im einfachen, doppelten und halben Tempo im Paar
  • Vielleicht Spurwechsel im parallelen System
  • Später kommen dann: Wechsel ins gekreuzte System und Gehen im gekreuzten System, Pivots, Ochos als Kombination von Pivots & Schritten und Drehungen als Kombination von Gewichtswechsel, Schritten & Pivots.
Für uns gibt es 5 Worte (Elemente) im Tango: Schritte in 3 Richtungen, Gewichtswechsel am Platz und das Pivot. Dazu gibt es eine Grammatik: das parallele & gekreuzte System sowie das Wissen um unterschiedliche Drehzentren. Und fertig ist die Sprache Tango, ohne dass wir Sätze (Figuren) auswendig lernen müssen!
Das bedeutet aber auch, dass es bei unserer Methode (je nach Unterrichtsintensität, Gruppengröße und Begabung) Monate dauern kann, bis wir die erste Drehung einführen. Und bis jemand mal Ganchos, Voleos oder sonstwas Exotisches lernt, musste er in unseren Kursen mindestens 2 Jahre warten.
Übrigens stellen wir unseren Schülern immer frei, in welcher Art von Umarmung sie tanzen wollen. Unser Konzept ist stilneutral und jede unserer Bewegungen kann in enger, sowie weiter Umarmung angewandt werden. Natürlich ist in enger Umarmung alles schwieriger, weshalb Anfänger häufig erst einmal weit tanzen.

Cassiel: Ich möchte vielleicht doch die einzelnen Schwierigkeiten aufdröseln. Wie begegnet Ihr Haltungsschwierigkeiten? Wie begegnet Ihr Schwierigkeiten mit der Musik (welche Musik wählt Ihr für den Unterricht aus?) Und welche "Tricks" habt Ihr bei Schwierigkeiten in der Umarmung (Kommunikation?)? Habe ich einen Punkt vergessen?
Ach so, wieviel Geduld muss man mit der Selbstfindung des Tango-Anfängers haben?

Melina Sedó: Das geht jetzt sehr in die Details und eigentlich müsstest Du in einem unserer Workshops sein, um eine qualifizierte Antwort zu bekommen. Was ich nun schreibe, kann nur sehr oberflächlich bleiben.
Ich lasse mal das Thema "Haltungsschwierigkeiten" aus. Die Details würden diesen Rahmen sprengen.
Schwierigkeiten mit der Musik sind sehr häufig und wir arbeiten auch hier viel alleine und im Gehen. Wenn wir Musikinterpretationskurse geben, wird es mit Sicherheit dort keine Figur oder komplizierte Bewegung geben. Wir üben Musikalität durch genaues Hinhören, klatschen, auf der Stelle auftreten, gehen und nehmen erst einmal alle Schwierigkeiten heraus, die durch zu komplexe Schritte entstehen. Und es ist erstaunlich, wie interessant man die Musik schon ausdrücken kann, wenn man sich auf das Gehen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, rhythmischen Varianten, Dynamiken, Techniken usw. konzentriert. Dies ist ein Schwerpunkt unseres Unterrichtens und unseres Tanzes.
Welche Musik wir auswählen? Das hängt ja sehr vom musikalischen Thema ab und würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. In durchschnittlichen Workshops, die sich eher mit der Technik von Bewegungen und Kommunikation beschäftigen wählen wir entweder unrhythmische, langsame Musik (Di Sarli) oder einfache, langsamere rhythmische Musik (Canaro). Und in ausgewählten Kursen setzen wir auch eine ganz andere Musik ein: so fangen wir Milonga z.B. immer mit Lockerungsübungen zu Afro-Musik an. ... Jedenfalls ist die musikalische Vorbereitung ein großer Teil des Unterrichts und wir stellen unseren Schülern auch Musik zum Download bereit, wenn es um bestimmte musikalische Themen wie Rhythmus & Melodie, Synkope und vieles andere geht.
Schwierigkeiten mit der Umarmung sind ein Dauerthema und wie die Frage nach der Haltung kann ich hier nicht zu sehr darauf eingehen. Es sei nur gesagt, dass wir uns hier viel, viel Zeit nehmen, viel mit Bildern arbeiten... Außerdem spielt hier die Basistechnik eine große Rolle. Wir arbeiten mit zirkularen, natürlichen Bewegungen des Oberkörpers zur Kommunikation, die es gestatten, die Arme zu entspannen. Viele Tangueros haben noch die Vorstellung, dass sie die Arme als festen Rahmen zur Kommunikation einsetzen müssen. Das schafft natürlich Spannung und verhindert eine echte Umarmung. Übrigens haben wir einen Spezialworkshop im Programm, der sich ausschließlich mit der entspannten Kommunikation in der Umarmung beschäftigt.
Und ja: etwas Zeit und Geduld braucht man/frau für das Erlernen dieses Tanzes schon. Aber da sage ich ja nichts Neues, oder?


Hier steht der zweite Teil des Interviews
Hier steht der dritte Teil des Interviews

Melina kommt am Wochenende von einer (Tango-)Reise zurück und wird eine evtl. hier entstehende Diskussion freundlicherweise begleiten.

1 Kommentar:

Aurora hat gesagt…

soeben hast du den Beitrag veröffentlicht und ich hab gaaanz zufällig deinen Blog aufgerufen um 12.15 Uhr :-)
Welch schöner Zufall

jetzt aber schnell lesen! Schon mal ein Dankeschön an dich, cassiel, und Melina!