Dienstag, 27. September 2011

Tango & Tschäritie

Eigentlich hätte ich mir ja hier mit Glossen häufig genug den Mund verbrannt, aber diese Steilvorlage (eine Ankündigung eines Kriminaltangos als charity event), die heute in mein Postfach flatterte, reizt mich über alle Maßen, es noch einmal zu probieren...

Liebe Funktionäre vom bdk(*),

wer von Euch hat denn (um Himmels willen) bittschön diese Idee ausgebrütet? Das ist doch wohl nicht Euer Ernst! So, so! Ihr veranstaltet also einen Kriminaltango als Tschäritie-Iwänt. Das ist ja prinzipiell sehr löblich. Wir Tangotänzerinnen und -Tänzer hätten da allerdings so unsere erheblichen Zweifel, ob denn der Tango Argentino unbedingt als Deko für Eure Gala herhalten muss. Um genau zu sein: Es stört einige von uns gewaltig und das hat rein gar nichts mit Eurem Beruf zu tun; wohl eher mit den Rahmenbedingungen.

Aber lesen wir vielleicht die Früchte Eurer Öffentlichkeitsarbeit in Ruhe durch. Ihr veranstaltet also eine argentinische Nacht mit drei original argentinischen Showtanzpaaren aus Cuba, Chile und (na klar) Argentinien. Wisst Ihr eigentlich, wie beliebt solche Show-Auftritte bei uns Tango-Tänzern sind? Ihr habt einen original südamerikanischen DJ verpflichten können und als Live-Musik gibt es eine original hawaiianischen Ukelele-Truppe, die den Saal mit ihren original hawaiianischen Tangoklängen zum Kochen bringen wird. Schampus und knallrote Stöckelschuhe inklusive - wie es ja im Tango Argentino üblich ist. Das geladene Publikum sind (wie eigentlich fast immer) Gäste aus Politik, Kultur und Wirtschaft (kommt denn nun der Ministerpräsident?). Und das ganze kostet ja auch nur lächerliche 29 Euro Eintritt. Aber... nichts für ungut, es soll ja auch etwas für den guten Zweck übrig bleiben.

Ganz ehrlich? Nur so unter uns? Das klingt ungefähr so, als hätte sich die katholische deutsche Bischofskonferenz für ihre jährliche Herbsttagung zwecks musikalischer Untermalung und Aufpolierung des Images in der Öffentlichkeit die Toten Hosen als Live-Gig eingeladen.

Und dann gibt es natürlich eine Tombola (wie sich das für jeden ordentlichen Tschäritie-Iwänt gehört). Super Sache! Der Hauptgewinn ist ein Wochenende in einem Morsche NAIN/ILÄWÄN mit geradezu ärmlichen 400 PS (ja ja, der Umweltschutz). Genau das wollte die ambitionierte Tanguera, der ambitionierte Tanguero schon immer einmal - endlich standesgemäß bei der Hinterhofmilonga vorfahren. Die Liste der übrigen Sponsoren entfaltet ihre humoristische Sprengkraft auch erst nach mehrmaliger Lektüre. Neben dem bereits erwähnten Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen (bzw. dessen örtlicher Repräsentanz) wären da noch eine örtliche Brauerei und eine örtliche Diskothek zu nennen und natürlich ein Trachtenausrüster (selbstverständlich original argentinisch). Aber bleiben wir noch kurz bei dem Sportwagenhersteller. Ein Zitat dürfen wir hier einer größeren Öffentlichkeit nicht vorenthalten; das ist der Knaller: "Könnten Autos tanzen, wären die XXXXXXX [diese Sportwagen] sinnliche Tangotänzer, deshalb passen sie in unsere Nacht." Vielleicht gebt Ihr diesen Satz Euren jungen Kollegen von der Verkehrspolizei mit auf den Weg, wenn sie das nächste Mal zu einem Unfall gerufen werden, der mit einem Sportwagen nach einer viel zu langen Nacht mit viel zu viel Bier in einer Discothek passiert ist.

Wir können es ja verstehen: Neben Eurer Arbeit zwischen mausgrauen Ermittlungsakten, ums Überleben kämpfenden Gummibäumen, die hingebungsvoll täglich von einer Schreibkraft gepflegt werden; zwischen Schreibtischen mit cremefarbenen Tischplatten (tausend Dank den arbeitsrechtlichen Vorschriften für blendfreie Büromöbel) und Neonlicht-beleuchteten langen Fluren, die nach Bohnerwachs duften, wollt Ihr einmal endlich richtig die Sau rauslassen und cool sein. Aber cool ist eigentlich nur einer: Horst Schimpanski (so hieß doch dieser Tatort-Komissar) und den wollt Ihr ja eigentlich auch nicht als repräsentative Figur für Euren Berufsstand in der Öffentlichkeit sehen. (Nebenbei bemerkt: Es tanzt sich nur sehr schlecht in Cowboy-Stiefeln.)

Aber wahrscheinlich sind wir nur neidisch. Wir, das ärmliche Tangovolk - alleinerziehende Mütter (und Väter), unterbezahlte Webdesigner, arbeitslose Sozialtherapeuten u.v.a.m. können uns einen solchen Abend nicht leisten. Wir werden draußen stehen und uns die Nase an den Scheiben plattdrücken wenn Ihr das feiert, was Ihr für Tango Argentino haltet. Das habt Ihr wohl irgendwie geahnt und deshalb habt Ihr vorsorglich alle örtlichen Tangoveranstalter als Ehrengäste eingeladen (damit überhaupt jemand da ist, der Tango tanzt).

Wie bereits geschrieben, das hier hat nichts mit Eurem Beruf zu tun. Wenn (beispielsweise) die Landfrauen aus Husum den Abend veranstalten würden, würde dieser Text vermutlich ähnlich ausfallen. Jeder einzelne von Euch ist beim Tango herzlich willkommen, als Deko sehen wir unseren Tango allerdings nur ungern. Vielleicht dürfen wir einen Vorschlag zum Schluss für die kommenden Jahre machen: Wettangeln und Preiskegeln können auch tolle Veranstaltungen sein.

Nichts für ungut!

(*) bdk = Bund Deutscher Kriminalbeamter

So! Das ist jetzt etwas heftiger ausgefallen - es ging nicht anders. Falls es sich noch nicht bis zum bdk herumgesprochen hat, im Tango ist das "Du" die übliche Umgangsform, daher die Anrede in der zweiten Person.

33 Anmerkung(en):

Terpsichoral hat gesagt…

Ich hoffe, du hast das frei erfunden, Cassiel! Obwohl ich schon Lust haette, den Krimi "Murder at the Milonga" zu schreiben.

cassiel hat gesagt…

Verehrte Kollegin, ich fürchte, ich muss Dich enttäuschen, es ist leider die bittere Wirklichkeit. So etwas kann man sich nicht ausdenken...

Anonym hat gesagt…

Hallo! Also bei allem Respekt - einer Mottopartie fehlende Authentizität vorzuwerfen ist ein wenig... dogmatisch, oder? Wenn die Wasserschutzpolizei einen Piratenball veranstaltet, dann wird man ihnen doch hoffentlich auch nicht vorwerfen, dass echte Somalier mit echten AK47-Kalashnikovs draußen bleiben müssen, sich am Ende gar, oh Infamie, den Eintritt nicht leisten können... Kriminaltango ist ein netter Titel mit Bezug zum Job, einen Kriminalwalzer gibt's nun mal nicht, und ausserdem haben die eingeladenen Damen und Herren unter so einem Motto eine brauchbare Richtung für einen Dresscode. Ein Charity-Event ist auch keine keine Studentenmilonga, und statt sich zu ereifern, dass mal wieder ein Klischee geritten wird, könnte man auch ruhig mal augenzwinkernd drüber stehen. Ich verstehe auch nicht, warum Du so über den tristen Büroalltag der Kriminaler herziehst. Sollen sie lieber herumgurken wie in Miami Vice? Oder hättst du sie lieber ganz abgeschafft? Klingt ja fast so... Also ich bin ganz froh, dass es Leute gibt, die sich schlecht bezahlt die Nächte um die Ohren schlagen, wenn mal wieder ein Kind entführt wird oder ein Vergewaltiger die Stadt unsicher macht. Dann können sie meinetwegen gern auch mal ne Rose zwischen die Zähne nehmen, die roten Stilettos aus dem Schrank holen und sich von einem meinetwegen sogar schwülstigen Showtanzpaar in Stimmung bringen lassen. Ich persönlich finde das süß, und auch wenn ich mich selbst 'natürlich' als 'echten' Aficionado begreife, fühle ich mich dadurch nicht im Mindesten düpiert.

Mit freudlichen Grüßen, Mikel

cassiel hat gesagt…

Hallo Mikhel,

vielen Dank für Deine Anmerkung. Nein, ich habe nichts gegen Kriminalpolizisten, aber qualifiziert sie ihr Beruf, eine solche Veranstaltung auszurichten und sind sie automatisch jeder Kritik entzogen, wenn sie es denn tun? Ich denke nicht.

Mich haben diverse Punkte gestört und ich habe mir erlaubt, diese in eine augenzwinkernde Glosse zu verpacken (natürlich habe ich verbal stark überzeichnet). Augenscheinlich habe ich meine Leserinnen und Leser derartig von diesem Genre entwöhnt, daß es leicht zu Missverständnissen kommen kann, wenn ich mal wieder diese literarische Gattung bediene.

Warum muss man eigentlich ohne Not in der Öffentlichkeit ein Bild vom Tango Argentino transportieren, was mit dem üblichen Milonga-Alltag wohl nur ganz entfernt (wenn überhaupt) zu tun hat? Warum werden da immer noch Klischees bedient? Warum muss ich drei Showtanzpaare bringen, wenn es eines auch getan hätte? Warum bringe ich als Live-Act eine Ukelele-Truppe? Waren die günstig im Einkauf? Warum muss ich unbedingt ein Wochenende in einem teuren Sportwagen mit 400 PS verlosen? Die gesamte Wahl der Sponsoren finde ich (vorsichtig formuliert) unglücklich...

Ich gebe zu, ich habe ein gewaltiges Problem mit den auch mittlerweile im alten Europa ausufernden Wohltätigkeitsveranstaltungen. Es ist die schleichende Umstellung einer gesamtgesellschaftlichen Solidarität auf eine privatrechtliche, nicht anspruchsbegründende Gönner-Geste. (Und sind wir einmal ehrlich, nicht wenige dieser Veranstaltungen ergeben kaum einen Gewinnbetrag, die charity-Nummer wird immer gerne rausgeholt um Sponsoren aus der Wirtschaft zu aquirieren - häufig sind dem Veranstalter die potentiellen Empfänger der Mildtätigkeiten scheißegal; es geht nur darum, eine riesige Party für eine bestimmte Klientel auf die Beine zu stellen. Um es klar zu sagen, mit dieser Anmerkung will ich im konkreten Fall dem bdk überhaupt nichts unterstellen - es geht um Erfahrungen mit anderen charity-Veranstaltungen.)

Du fragst zurecht, warum ich das Klischee vom tristen Büroalltag bei der Polizei ausgegraben habe. Na ganz einfach: Ich wollte nur einmal den Spieß umdrehen und den Veranstaltern vorführen, wie es ist, wenn altbekannte Klischees wieder ausgegraben und bedient werden. Nicht mehr und nicht weniger...

Also noch einmal, ich habe überhaupt nicht gegen Polizisten. Gegenüber solchen Veranstaltungen hege ich (aus den skizzierten Gründen) erhebliche Bedenken...

Anonym hat gesagt…

| Es ist die schleichende Umstellung
| einer gesamtgesellschaftlichen
| Solidarität auf eine
| privatrechtliche, nicht
| anspruchsbegründende Gönner-Geste.

BRAVO!!!

So sehe ich das auch und das hat meiner bescheidenen Meinung nach überhaupt nichts mit dem Tango zu tun.

Chris hat gesagt…

es handelt sich doch um die 'Benefizveranstaltung des Bezirksverbandes Oberpfalz'? Leider habe ich nicht herausbekommen, zu wessen Gunsten bespaßt wird, aber grundsätzlich finde ich die Idee ja nicht schlecht. Denn obwohl das Wortungetüm 'Benefizveranstaltung des Bezirksverbandes Oberpfalz'in meiner Fantasie einen Abend es Grauens heraufbeschwört, steht der Bezirksverband des BdK nicht unbedingt in dem Verdacht, den Sozialstaat zu untergraben.

Und daß sich diejenigen, die sich Tag für Tag ganz unkreativ mit dem Elend und dem Bodensatz dieser Gesellschaft herumschlagen, zu so einer Veranstaltung durchringen können, finde ich sogar fast tröstlich, auch wenn sie sicher in mancher Hinsicht nicht authentisch sein wird (die Ukulele-Truppe läßt schlimmes befürchten).
Daß die Veranstalter Gregorio Garrido verpflichtet haben, der zwar kein Weltstar, aber immerhin ein ausgezeichneter Tänzer ist, läßt sogar etwas Szenewissen vermuten. Vielleicht ein Tanguero in Uniform?

Ich wünsche denen jedenfalls viel Erfolg und Vergnügen, und vielleicht verfällt dabei sogar der eine andere Teilnehmer dem "richtigen" Tango, wer weiß?

Anonym hat gesagt…

Glückwunsch Chris, du bist ja ganz besonders diskret. :-)

tangopeter hat gesagt…

Halb so wild - das Original:
www.bdk.de/lv/bayern/was-wir-tun/veranstaltungen/Tango_Opf.pdf
Das Haus der Musik ist ein umstrittenes Kulturprojekt. Charity?
Da habe ich schon bessere Steilvorlagen gesehen. Trotzdem:
Was muss ich tun, damit solche Ankündugungen des bdk auch in mein Postfach flattern?

cassiel hat gesagt…

... auf den "richtigen" Mailinglisten eingetragen sein bzw. intelligente News-Alerts bei Google bestellen.

;-)

TangoBlues hat gesagt…

Geht es hier denn nicht eher um Standard-Tango als den argentinischen ? Sollten wir das dann nicht unter anderen Gesichtspunkten sehen ?
Trotzdem, lange nicht mehr so geschmunzelt, wie bei Cassiels Text ;)

Anonym hat gesagt…

Wenn die Veranstalter Gregorio Garrido verpflichtet haben, dan geht es wohl um Tango Argentino (oder das was der Maestro dafür hält).

chamuyo hat gesagt…

@terpsichoral: Der Krimi ist schon geschrieben:
http://tango.romanvirdi.com/masquerade-tango.htm
Ich habe es nicht gelesen, aber die Werbung erduldet...

Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran, dass das Wort "Tango" für allerhand Unsinn missbraucht wird. Was soll's, ist ja nicht geschützt.

Terpsichoral hat gesagt…

@chamuyo Hmmm. Aber ein guter Krimi ist vielleicht doch noch nicht vorhanden.

@Chris Eigentlich hast du recht.

Cinderella hat gesagt…

Der deutsche 'Kriminaltango' hat doch eigentlich gar nichts mit 'unserem' Tango zu tun. Vielleicht wollten die etwas ganz anderes veranstalten.
Wie auch immer, die Glosse erinnerte mich leider daran, dass es auch manchen Festival- Veranstaltern, die sich für authentische Tangueros und Tangueras halten, nicht immer gelingt die entsprechende Atmosphäre zu schaffen, die für mich zum Tango gehört. Wenn Kellner ständig quer über die belebte Tanzfläche laufen, der Boden vibriert von der Discomusik drei Etagen tiefer, das Licht einfach gruselig ist und der Gang zur Toilette noch gruseliger, frage ich mich doch, was dazu geführt hat, ausgerechnet diesen Veranstaltungsort zu wählen (und das schließlich nicht zum ersten Mal). Vielleicht wäre es bei den Kriminalbeamten sogar atmosphärischer gewesen... Wenn das Tanzen nicht wäre... Mir gelang es die Augen zu schließen, es den Männern zu überlassen den Kellnern auszuweichen und den wummernden Fußboden - weitgehend und so lange ich tanzte - auszublenden. Deshalb war es sicher insgesamt doch schöner als bei den Kriminalbeamten. ;)

Terpsichoral hat gesagt…

@Cinderella "der Gang zur Toilette noch gruseliger": das, zumindest, hoert sich authentisch an. Es gibt einige richtig gruselige Klos in Buenos Aires.

Kerstin hat gesagt…

Jesus Christ, Superstar - Roll over Beethoven..... und jedem sein Tango. Weltkulturerbe.

Anonym hat gesagt…

Ein großartiger Beitrag in einem einmaligen Blog! Toll!

Regensburger hat gesagt…

Mir geht inzwischen diese dilettantische PR-Nummer gewaltig auf die Nerven. Inzwischen kann man nirgendwo mehr hingehen, ohne dass man ein häßliches Word-Dokument (selbstverständlich auf dem Dienstdrucker(?) in Farbe ausgedruckt) als Werbung für die Veranstaltung ansehen muss. Die inhaltliche Kritik vom Autor teile ich, er hat es nur zu höflich formuliert. Ursprünglich war ich offen für einen Tango-Abend des Veranstalters. Inzwischen verkommt er zur Witzfigur. Und weil die Regensburger Szene nicht genügend Besucher hergibt (aus gutem Grund!), ist er auf Nürnberg ausgewichen. Die sind auch unbelastet. Die haben vom ursprünglichen Tango-Marathon im Zirkus-Zelt und dem "Generve" darum nichts mitbekommen.

Promisc hat gesagt…

Dein Meinung private Charities betreffend teile ich zum Teil: Sie sollten auf keinen Fall als Alibi dafür benutzt werden, die öffentliche Wohlfahrt einzuschränken. Ist das jedoch nicht der Fall, sehe ich keine Gründe, dagegen anzustinken - auch dann nicht, wenn einem die 'Originalität' nicht gefallt.

Wobei ich zu dem komme, was mir etwas sauer aufstößt...

"Warum muss man eigentlich ohne Not in der Öffentlichkeit ein Bild vom Tango Argentino transportieren, was mit dem üblichen Milonga-Alltag wohl nur ganz entfernt (wenn überhaupt) zu tun hat?"

Sind denn dieses Bild und dieser 'Milonga-Alltag' festgemeißelt? Gibt es da Grenzen, welche auf keinen Fall verändert werden dürfen? Muss denn alles immer nach (dem mit der Zeit stinklangweiligen) Schema F laufen, nur um der lieben Gewohnheit willen? Darf nicht ein jeder für sich entscheiden (ja, auch Tangueras & Tangueros) auch mal andere Konzepte auszuprobieren bzw. deren Ideengebern zu folgen für eine halt auch mal 'andere' Milonga? Irgendwie erinnert mich das sehr an eine vergangene, sehr heftig geführte 'Diskussion' hier in diesem Blog. Und beides zusammen ergibt für mich naxch dem Gesetz der Reihe ein ziemlich konservativ-reaktionäres Bild...

"Warum werden da immer noch Klischees bedient?"

Wenn Du so weitermachst, wird dieser von Dir so wohlgepriesene 'Milonga-Alltag' zum neuen Klischée - nur, wen lockt dieses eigentlich hinterm Ofen vor? *grins*

just my five cents und Danke für den Fisch ;-)

cassiel hat gesagt…

Soll ich mich jetzt geehrt fühlen weil Du auch einmal zu einem nicht-einschlägigen Thema äußerst? Ich gehe jetzt einfach einmal davon aus... Oder ist es Dir etwa in Deinem Tango langweilig geworden?

Du fragst, ob denn "dieses Bild" und dieser "Milonga-Alltag" festgemeißelt seien? Bevor ich antworte, lass mich eine Gegenfrage formulieren: Wieviel Elastizität vertragen eigentlich manche Kulturgüter? Muss man tatsächlich alles in einem Mainstream-Brei verwässern bzw. auflösen? Für meine Begriffe kann man das tun, es ist aber nicht hilfreich.

Um mich dem Thema zunächst einmal von anderer Seite zu nähern: Ich vermute stark, daß den Tango Argentino deutlich mehr definiert, als das paarweise Sich-Bewegen zur Musik... auf einer Tanzfläche... gegen den Uhrzeigersinn (hoffentlich!)...
Ich bin vielmehr der Meinung, der Tango Argentino bietet (mit dem Reichtum der Musik u.v.a.m.) genug Inhalte um lebenslang zu lernen und zu entdecken. Wenn man dies einmal begriffen hat, dann wird man m.E. immun gegen die Überfrachtung des Tangos mit Blendwerk.

Klassische Milongas hat es bereits vor ca. 70 Jahren gegeben. Damals waren sie ein soziales Ereignis. Dann fiel der Tango über Jahrzehnte (während der Diktaturen) in einen Dornröschenschlaf und noch heute fehlen einfach zwei Generationen im Tango. Die Revitalisierung des Tangos darf man wohl als einen Glücksfall betrachten. Doch was passierte dann? Der Tango wurde hingebogen für die Individualinteressen. Bei manchen war es das Geld, bei anderen das Ego oder sonst irgendein fremder Einfluss. Und alles wurde fröhlich in den Tango importiert. So habe ich beispielsweise drei Tangokurse gemacht, ohme einen einzigen Tango aus den 30er oder 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehört zu haben; Haltung bzw. Gehen wurde praktisch nicht unterrichtet usw. usf. Irgendwann fing es an, mich zu stören. Also machte ich mich auf die Suche nach dem Tango. Und... siehe da. Mit dem Schreiben kamen Gleichgesinnte hinzu.

Daß Du es nun konservativ-reaktionär findest, kann ich nicht ändern. Es stört mich nicht einmal. Ich denke, ich kann noch Jahre oder Jahrzehnte im traditionellen Tango unterwegs sein und er wird mich immer wieder hinter dem Ofen hervorlocken. Ich brauche zum Tango nicht noch den zusätzlichen Kick, den Bühnentango eines aufführenden Paares, eine Tombola, eine hawaiianische Ukelele-Band, Klamotten bzw. Nicht-Klamotten...

Wenn andere das unbedingt wollen, dann kann ich diesen Entwicklungen weitestgehend entspannt zuschauen. An irgendeinem Punkt beginnt es mich dann zu nerven und dann tue ich das, was ich kann: Bloggen. Und mehr noch, ich habe sogar zwei oder drei Leser... ;-)

Ich habe keine Ahnung, ob Du nachvollziehen kannst, was ich meine. Nach meinem Verständnis gibt es so viel im Tango Argentino zu entdecken, daß man getrost auf so manche Begleiterscheinung verzichten kann ohne etwas zu vermissen. Es mag Menschen geben, denen das nicht genug ist - mit denen muss ich mich aber nicht umgeben.

Tanguera aus der Nähe hat gesagt…

So ein schöner Beitrag Cassiel!!! Selten so gelacht! Wie wahr, wie wahr...

Bei den Regensburgern treiben eh ganz seltsame Tango-Blüten, da geht es im Dirndl oder mit Maske zur "Milonga" und anschließend sind dann in der ztg Fotos von einem Buffet mit nackertem Bikinimädl mitten drin zu bewundern. Wer in Regensburg nicht ernsthaft Tango tanzt, hat eh schon ein völlig verzeichnetes Bild vom Tango und einer Milonga. Da kommt es auf bisserl Kriminaltango mit Volkloreeinlage auch nicht mehr an...

Die Lose kosten übrigens 10 Euro das Stück. Nur so am Rande.

Und leider hat der Veranstalter total vergessen, sich auch um die Regensburger Tangoszene zu kümmern, wie er heute in einem Rundschreiben feststellt und noch ordentlich um Werbung bittet:

Ich zitiere mal aus der Rundmail, die bitte möglichst weit verbreitet werden soll:

"Nach der Veranstaltung werden viele Medien berichten, so haben alle Regensburger Zeitungen Berichte angekündigt.

Wir werden nach der Veranstaltung nochmals eine Anzeige schalten, in der wir uns bei all unseren Unterstützern bedanken, ohne die diese außergewöhnliche Tangonacht überhaupt nicht möglich wäre.

Die Werbung und Bekanntmachung unseres "Regensburger Kriminaltangos" in der Tangoszene haben wir leider ziemlich versäumt, da wir uns hier einfach viel zu wenig auskennen.

Wir haben uns dabei auch auf DJ [...] verlassen, der dankenswerterweise seine eigene Milonga zu uns verlegt hat.

Ich als einziger männlicher Tangotänzer der Regensburger Polizei war mit der Organisation nämlich völlig ausgelastet.

Mir wurde übermittelt, dass in München z.B. über unsere Regensburger Tangonacht überhaupt nichts bekannt ist.

Und wir haben immer noch Karten - sind nicht ausverkauft, wie das Gerücht herumgegangen ist, welches uns schadet, weil dann gar nicht mehr nach Karten nachgefragt wird.

Die gesamte Regensburger Tangoszene kann mit so einer tollen Veranstaltung, nach der Türen für Fortsetzung offen stehen, nur Ehre einlegen.

Ganz Bayern wird auf uns schauen - und beobachten, was die Regensburger da zustande bringen. Und wenn es schön gelingt, ist es ein Erfolg für uns alle.

Anzumerken wäre, das meiner Meinung nach die Bühnenshow, welche die Academia de tango Nürnberg choreografiertt (Liuba y Maikel, Giselle y Roque und Dina y Gregorio) exklusiv ist. Den Inhalt könnt Ihr anliegend ersehen.

Wir haben feine Profibeleuchtung an dem Abend.

Und die Mitternachtsshow "Kriminaltango" ist dazu da, dass man auch mal über sich selber und sogar über den Tango lächelt - das darf doch auch mal sein oder?

Das Leben ist doch ernst genug.

Alleine schon die Tombola hat den Besuch verdient.

Wo in ganz Bayern oder in ganz Deutschland können Tangotänzer gewinnen?

Einzeln gefertigtes Designer-Trachtenkleid aus Seide von [...] Tracht und Ledermoden

Wochende mit brandneuem Modell des Porsche 911,

das neue Modell steht noch nicht mal im Porschezentrum Rgbg, kommt erst dieser Tage.

Schmuck/Uhr von Hofjuwelier [...]

Edelanzug mit Hemd und Krawatte von [...]

Kunstwerk von Auktionshaus [...]

Feine Damen-Tangoschuhe der [...]

mehrere Edel-Damengürtel der Gürtelmanufaktur [...]

Chanel Nr. 5 von Parfümerie [...]

mehrere Flaschen Champagner von Feinkost [...]

u.a.

Ihr mögt selbst entscheiden, ob so eine Veranstaltung in Regensburg es wert ist, in Sachen überregionale Bekanntmachung unterstützt zu werden."

Warum berichten die Medien eigentlich immer über solche "Auswüchse"? Interessant.

Allen einen schönen Milongaabend auf den vielen vielen vielen echten Milongas am Samstag!

ps. Gut, dass die Beleuchtung von einem Profi gehändelt wird - da is es ja eigentlich auch völlig egal, was für ein Boden dort ist... :-)

Lydia hat gesagt…

Sorry, Cassiel, aber dieses Rundschreiben kannst selbst Du als Glossen-Autor nicht mehr toppen ;-)

Anonym hat gesagt…

Cassiel! Warum ziest Du diese wunderbare Veranstaltung in den Dreck? Ist dieser Blog jetzt eine Pranger? Ich will jedenfals Porsche faren!

Anonym hat gesagt…

Also, ich gehöre da eher zu den toleranten tangueros, dazu ist meine passion einfach zu unerschütterbar.

Und man kann zu recht diese Ankündigung kritisieren, aber dann müsste man sich auch darüber streiten, was denn der echte Tango sei, den es zu verteidigen gilt. "Der übliche Milonga-Alltag" ist jedenfalls eher ein Grund zum Heulen als zum Verteidigen und was "unser Tango" sei, sei mal dahin gestellt.

Interessant finde ich die Formulierung bei "Tanguera aus der Nähe":
Die Werbung und Bekanntmachung unseres "Regensburger Kriminaltangos" in der Tangoszene haben wir leider ziemlich versäumt, da wir uns hier einfach viel zu wenig auskennen."

Und heute im Postfach: "Der Berufsverband der Kriminalpolizei und wir (die Tangofraktionen
aus Reg. und Nbg.) laden den Regensburger OB und weitere pol.
Prominenz zur Eröffnung ein." Da möchte ich doch Mäuschen sein, wer denn eine Reg. Tangofraktion sei.

Ach, TadN, das Tangobikinimädel würd ich ja gern mal sehen, Tango in Badekleidung gibt's sonst in Sitges zu Genüge auf den dortigen hervorragenden Strandmilongas.

Mein Respekt jedenfalls vor dem Organisator, der wohl sehr emsig für diese Veranstaltung gearbeitet hat. Was daraus wird, man wird sehen, wenn die Regensburger Tangolehrer dadurch Zulauf bekommen, soll's uns allen recht sein.

Anonym hat gesagt…

Vor zehn Jahren liefen Vertreter durch die Städte und sammelten Anzeigen für ein dubioses Heft eines dubiosen Verlages. Es ging um Verkehrserziehung in der Grundschule. Sie sagten zwar nie, sie kämen im Auftrag der Polizei, aber sie ließen immer durchschimmern, die Polizei befürworte das. Man konnte sich kaum entziehen.

Ob es wohl den Sponsoren bei diesem Ball ähnlich ergangen ist?

Anonym hat gesagt…

Hallo Cassiel, Du hast Dich gewundert, dass pornomisq hier kommentiert hat? Ich auch. Bei FB findet sich des Rätsels Lösung, er wollte wohl zur Veranstaltung erscheinen, konnte aber nicht, da "seine Tanguera" gestreikt hat. Ts ts ts

Anonym hat gesagt…

Leut, Leut, Leut. Diese Veranstaltung hat eine längere Vorgeschichte. Und letztlich ist das Ganze nicht wirklich lustig ... obgleich ich den Schliff in Cassiels Schreibe köstlich und gelungen finde.
Es gibt aber in Regensburg auch ein paar Leute, die sich seit geraumer Zeit Gedanken und auch Sorgen zu dem Thema machen - denn es ist schon eine Folgeveranstaltung für 2012 projektiert.

Zu den Grenzen dessen, was erlaubt ist, ist meine Haltung die: ich lasse mich gerne animieren. Gute Animation schätze ich sehr. Manipulation hingegen lehne ich ab. Und unterm Strich war diese Veranstaltung im Vorfeld und in der Durchführung ein durchweg von Manipulationen gekennzeichnetes Unternehmen.

Anonym hat gesagt…

Und weil das alles so super war, ist jetzt der Drahtzieher der Veranstaltung laut Fratzenbuch auch neuerdings: "Tangolehrer, Tänzer, Autor, Herausgeber, Veranstalter, Photograph" - in genau dieser Reihenfolge. Doch damit nicht genug: jetzt wird das noch medial nachbereitet - natürlich alles super - hier z.B. http://bcove.me/zd8x5n6c

cassiel hat gesagt…

Nur ganz kurz und ganz generell: Ich denke, es ist nicht besonders fair, jetzt in irgendeiner Form nachzutreten. Aus den Vorankündigungen war (zumindest für mich) klar, was die Besucherin, den Besucher der Veranstaltung erwartet. Vielleicht hat es ja auch einigen Besuchern gefallen. Vielleicht lassen wir es einfach so stehen.

Anonym hat gesagt…

"Leben ist nicht genug", sagt der kleine Schmetterling, "Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume gehören auch dazu". Dank Dir cassiel für Deinen letzten Eintrag - war fair. Und es ist schön, von Euch zu lesen, Freunde.
Der Veranstalter der Argentinischen Nacht mit Kriminaltango zu Regensburg

cassiel hat gesagt…

Lieber Veranstalter (ich wahre jetzt einmal Deine Privatsphäre und spreche Dich nicht mit Namen an),

ja, mein letzter Beitrag sollte fair sein. Schön, daß Du es verstanden hast. Aber ich hoffe, Du hast meine inhaltlichen Bedenken ernst genommen. So wie ich es mitbekommen habe, hast Du ziemlich ordentlich Deine lokale Szene aufgemischt. Vielleicht fragst Du einfach einmal die anderen Veranstalter, was man besser machen kann und hörst ihnen zu (!). Möglicherweise ist das teils nicht gerade angenehm, aber für Folgeveranstaltungen sehr wertvoll.

Samma wieda guat?

Anonym hat gesagt…

Also so billig kommt der mir nicht davon. Irgendetwas von einem Schmetterling und Freiheit zu faseln reicht nicht aus, diese penetrante Nerverei im Vorfeld zu entschuldigen. Ich kann auf eine Wiederholung in 2012 sehr gut verzichten!

Anonym hat gesagt…

.. ich weiß ja nicht wie viele der Blogger hier tatsächlich auch auf der Veranstaltung waren.
Zunächst will ich sagen, dass ich Euren Unmut respektiere.
Gleichzeitig kann ich nicht anders und muss zur oben zitierten gesamtgesellschaftlichen Solidarität noch etwas loswerden. Selbige habe ich nämlich auf der Veranstaltung gänzlich vermisst. Ich habe beobachtet, wie der Veranstalter, von seiner Moderationsaufgabe völlig überfordert, sich bis auf die Unterhose blamierte. Nun kann man hergehen und sagen, selber schuld. Und da ist ja auch was dran. Aber während der Veranstaltung hätte ich mir mehr Solidarität und tatkräftige Unterstützung gewünscht. Schließlich ist er ja einer von uns. Oder waren alle so gelähmt? Die Gesten eines DJs z.B., der sich hinter dem Rücken des Moderators, den Finger in den Hals steckt, als dieser zu reden beginnt, finde ich nicht nur peinlich sondern auch über alle Maßen unloyal. Und auch jetzt, hier im Blog, " .. dass er so billig davonkäme.." kann jetzt auch wirklich keiner mehr behaupten. Im Sinne gesamtgesellschaftlicher Solidarität und der hohen kulturellen Gepflogenheiten (Weltkulturerbe!!) unter den Tangotänzern, würde ich mir aber wünschen, Kritik und Ärger persönlich mit dem Betroffenen zu klären ... - sofern einem wirklich etwas dran liegt und man nicht nur aus Lust am Drauf hauen agiert oder deshalb, weil man selbst froh ist, sich nicht blamiert zu haben - . Dass niemand wusste, auf was er sich einlässt, gilt auch nicht. Beim aufmerksamen Lesen der Werbung im Vorfeld müsste das eigentlich klar geworden sein. Und ich selber habe auch nichts gegen Kriminalbeamte, selbst dann nicht wenn Sie sich für Tango interessieren.
Bemerkenswert professionell und unbeachtet des wirren Rahmens, waren die Showauftritte. Da kann doch echt jeder was lernen, nach dem Motto "egal was um mich herum passiert", ich mache meinen Job.