Donnerstag, 1. November 2012

Beobachtungen aus dem Milonga-Alltag

Ich habe in diesem Jahr (nach den entsprechend leidvollen Erfahrungen vom Vorjahr) zunächst überhaupt nichts zum FcA in Saarbrücken geschrieben. Nun sind in Kommentaren von Leserinnen und Lesern dieses Blogs vereinzelt Anmerkungen zu diesem Festivalito aufgetaucht und ich möchte - mit etwas Abstand - meine Beobachtungen nach der Rückkehr in meinen Milonga-Alltag beschreiben.

Bei den Anmerkungen von Kommentatoren zum FcA ging es zum Einen um das DJing in Saarbrücken, darüber kann man bestimmt ausführlich diskutieren. Zum Anderen gab es eine Anmerkung, die mich zunächst extrem gestört hat. Ein Kommentator attestierte diesem (und anderen) Festivalitos eine gewisse elitäre Grundhaltung, ja sogar eine Arroganz. Solche Äußerungen ärgern mich im ersten Moment. Ich bleibe dann allerdings erst einmal ruhig und überlege, hinterfrage meine Empfindungen und wäge schließlich meine Worte sorgfältig. Es ist manchmal anstrengend angemessen zu schreiben. In der letzten Zeit finde ich Zitate aus meinen Beiträgen im Netz (mich zu zitieren und dann darauf herumzuhacken ist auch einfacher als eigenen content zu erstellen). Mir fällt es zunehmend schwerer auf das bisweilen hysterische Erregungsmarketing - gerne in eigener Sache, wie ich es mittlerweile immer häufiger im Netz (speziell bei Facebook) wahrnehme, adäquat zu reagieren.


Dieser Artikel sollte zunächst eine knackige Glosse werden: "Der teilweise zu beobachtende ganz alltägliche Milonga-Horror". Da mir aber in jüngster Zeit Gedanken beinahe beliebig zerfleddert werden und Versatzstücke dann an anderer Stelle im Netz auftauchen und dort in abenteuerlicher Weise debattiert werden, versuche ich einmal, meine Beobachtungen ernsthaft zu beschreiben.

Üblicherweise ist es nicht meine Art, in Kategorien von Angebot und Nachfrage zu argumentieren. In der Frage von Festivalitos greife ich jetzt allerdings einmal ausnahmsweise auf dieses Argument zurück. Wenn diese Festivalitos inzwischen eine derartige Nachfrage erzeugen, dann ist es m.E. verkehrt, da vorschnell ein Moment von elitärem Bewußtsein zu vermuten und entsprechend zu agitieren. Ganz offensichtlich ist es so, daß diese Angebote eine immer größer werdende Nachfrage kaum mehr bedienen können. Insofern greift das Argument, solche Zirkel seien elitär, für mich immer weniger. Kann es nicht sein, daß die Zahl der Tänzerinnen und Tänzer, die sich nicht mehr jede Gedanken- bzw. Lieblosigkeit an einer Milonga gefallen lassen wollen, stetig wächst?

Ja, auch ich habe die angenehme und rücksichtsvolle Atmosphäre in Saarbrücken sehr genießen können. Gefühlte 99% der anwesenden Tänzerinnen und Tänzer tanzten eben nicht nur mit der aktuellen Partnerin, dem aktuellen Partner, sondern mit der gesamten Tanzfläche. Die Musikauswahl war gut (auch wenn ich kein Freund von DJ-Challenges bin - aber dazu habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben) und Lampis hat am Sonntag als krönenden Abschluss eine überragende Milonga aufgelegt. Ich weiß leider nicht mehr wo ich es gelesen habe, aber der Gedanke gefiel mir: Man kommt in einer großen Luftblase von einem solchen Festivalito zurück... und... landet manchmal sehr unsanft im eigenen Milonga-Alltag.

Ich war in der Zwischenzeit mehrmals beim Tango und es gab gute und weniger gute Abende. In einer Frage werde ich allerdings mittlerweile unduldsam. Es geht um die Rücksichtslosigkeit auf der Tanzfläche. Mit der Begründung: Wir sind hier doch nicht in Buenos Aires! oder Wir wollen Spaß! kann man da (mehr oder weniger offensichtlich) regelmäßig die schauerlichsten Dinge beobachten. Achsbrüche zu Hauf, Tango als persönliches Stockcar-Rennen andere unnötige Rempeleien, die auf mangelnden Respekt der Ronda schließen lassen usw. usw.

Um es noch einmal klar und deutlich zu schreiben: Der freie Platz vor einem Tanzpaar (in Tanzrichtung) gehört genau diesem Tanzpaar und nicht den Lückenspringern. Selbstverständlich gehört es für meine Begriffe zu den Sorgfaltspflichen der bzw. des Führenden, nicht übermäßig viel Platz zu beanspruchen, sondern die Lücke angemessen (im Bezug auf die Zahl der Anwensenden) zu gestalten. Leider gelingt das nicht immer. Zum Teil liegt es daran, daß vielleicht manche Lehrerinnen und Lehrer es immer noch nicht für notwendig erachten, im Tangountericht ein paar gute Tipps zum entspannten sozialen Tango zu geben, vielleicht liegt es im Einzelfall aber auch an einer unsensiblen Musikauswahl. Manchmal wird mittels sehr dynamischer Musik so viel Energie in die Tanzfläche gepumpt, daß es fast zwangsläufig zu Kollisionen kommen muss. So gesehen ist es kaum ein Wunder, daß es Tänzerinnen und Tänzer gibt, die hunderte von Kilometern Anreise, hunderte Euros Kosten in Kauf nehmen, nur um ihren Tango entspannt genießen zu können. Daran kann ich persönlich nichts Elitäres oder gar Arrogantes entdecken.

Interessant sind in diesem Zusammenhang vielleicht die Überlegungen von Organisatoren einer neuen Milonga. Sie denken ernsthaft darüber nach, wie sie die Ankündigung ihrer Milonga entsprechend gestalten, daß diese rücksichtsvollere Form des sozialen Tangos geschätzt wird. Natürlich sitzt die Angst tief, als abgehoben, eingebildet oder gar elitär etikettiert zu werden, aber ist das eigentlich richtig? Solange Veranstalter vorab deutlich ankündigen, wie sie den Tango auf ihrer Milonga musikalisch gestalten (Stichworte: klassische Tangos in Tandas mit Cortinas) und Wünsche formulieren, wie alle Gäste entspannt den Tango genießen können (Aufforderung mittels Cabeceo und Mirada, keine fliegenden Beine, Respekt für die Ronda, rücksichtsvolles Tanzen usw.) kann ich daran nichts Verwerfliches entdecken. Für mich hört sich manchmal die Kritik an derlei Wünschen ein wenig verräterisch an. Mitmenschen, die Cabeceo und Mirada für Überbleibsel einer argentinischen Macho-Kultur halten, stehen bei mir in dem leisen Verdacht, daß sie sich einem ehrlichen Wettbewerb um die Gunst der Frauen nicht wirklich stellen wollen. Und die Vertreter einer übertrieben Liberalität (anything goes) machen vielleicht aus ihrer Unfähigkeit, auf ein erlerntes (möglicherweise nur größräumig tanzbares) Figurenrepertoire zu verzichten und respektvoll in der Ronda zu tanzen, ein Diktat für die ganze Milonga. Der zweite Schritt ist dann schon schwieriger: Wie geht man als Veranstalter mit den Besuchern um, die diese Regeln offensichtlich ignorieren? Melina hat dazu einen sehr anschaulichen Artikel geschrieben. Ich denke, zunächst hilft ein freundlicher, diskret vorgetragener Hinweis auf die vorab veröffentlichten Regeln zum entspannten Tango für alle. Sollte das nicht wirken, muss man möglicherweise den Betreffenden bitten, die Milonga zu verlassen.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf eine Initiative von Thorsten Zörner hinweisen. Unter tango-tradicional.de findet sich eine Liste traditioneller Milongas in Deutschland (und dem benachbarten Ausland). Ich hoffe, die Informationen sind noch aktuell.

[Update 02.11.2012] Gerade habe ich via Facebook ein schönes Video zum Thema gefunden. Die Schweizer wieder einmal... :-)



Nach den jüngsten Erfahrungen würde ich mir für die (hoffentlich sachliche) Diskussion wünschen, daß sich Kommentatorinnen und Kommentatoren bemühen, beim Thema zu bleiben und sich thematisch nicht zu weit entfernen. Vielen Dank.

19 Anmerkung(en):

Mara G. hat gesagt…

"hysterisches Erregungsmarketing - gerne in eigener Sache"

Die Formulierung gefällt mir!!!

Anonym hat gesagt…

Lieber Cassiel, in diesem Blog werden oft Individuen genannt. Über sie wird dann ausführlich in den Kommentaren diskutiert und besprochen. Und, ab und zu, werden sie falsch repräsentiert, wird über sie hergezogen auf gröbste und ungerechteste Art und Weise (nicht immer von dir persönlich, sondern von einer kleiner Minderheit deiner Leser). Manchmal werden da falsche Informationen über diese Personen angeboten, sie werden aus dem Zusammenhang zitiert, ihr Worte werde verzerrt, usw. Beispiele: Baerbel Ruecker, Terpsichoral Tangoaddict, Homer und Christina Ladas, Michael Lavocah (wobei es bei Michael um subtilere Sachen ging, wie seine alte Webseite mit seinem Buch zu verwechseln). Wenn Leute hier angegriffen werden, werden sie sich und andere natürlich verteidigen. Und wenn sie missverstanden und misrepresentiert werden, werden sie natürlich versuchen, die Missverständnisse zu klären.

Ironischerweise wählst du immer Leute als Feinde aus, die -- wie in allen obigen genannten Beispielen -- mit dir in fast allen Punkten einverstanden sind (sprich: die Wichtigkeit der Ronda, Mirada und Cabeceo, Tandas und Cortinas, 100% traditionelle Musik, usw). Sind das wirklich die Uebeltaeter des Tangos?

cassiel hat gesagt…

Geneigte(r) Anonym, ich nenne selten Individuen und ich "repräsentiere" sie nicht falsch. Sollten Kommentare von Dritten persönlich werden (wie z.B. zuletzt beim Autor eines deutschen Tango-Buches) dann versuche ich es richtig zu stellen. Ich habe nicht falsch über Michael Lavocah berichtet, sein Anhang zum Buch (über das DJing) war m.E. unvollständig und ich bin anderer Ansicht das habe ich auch begründet. Nun stürzen sich manche Zeitgenossen fast begierig auf diese Kritik und übersehen dabei den Rest der positiven Besprechung(en). Ich ahne schon Deine Identität (das ist nun wirklich kein Kunststück sondern beinahe offensichtlich) und das macht die Diskussion nicht einfacher.

Belassen wir es vielleicht dabei...

bird hat gesagt…

Hi cassiel,

" ...und Lampis hat am Sonntag als krönenden Abschluss eine überragende Milonga aufgelegt."

du hast mich mit diesem Kommentar neugiereig gemacht. Könntest du etwas ausführlicher beschreiben, was das für dich heißt bzw. wie sich das angefühlt hat, zu welch schönen Momenten es dich, vielleicht andere auch, bewegt hat ?
Ich bin jedenfalls ganz neidisch geworden, ob deiner Worte. Eine Piste auf der die Tanguer@s zu einem sehr großen Teil sorgsam miteinander umgehen, ein richtiger Tanzfluss entsteht, welch traumhafte Stimmung. Und das das elitär sein soll, erschließt sich mir nicht.
Habe den Blogeintrag von Melina durchgelesen und er hat mich dazu annimiert, in meinem eigenen Umfeld mehr darauf zu achten und gegebenen Falls auch jemanden freundlich anzusprechen. Es gehört eine Portion Mut dazu, denn erstmal steht man wie ein vermeintlicher Besserwisser da, obwohl das so gar nicht gemeint ist.

cassiel hat gesagt…

Hallo bird,

Du fragst nach dem DJing von Lampis und ich will es einmal probieren, von meinen Empfindungen zu berichten.

Vorab muss ich vielleicht einige Dinge im Umfeld erwähnen, die für mein Empfinden wichtig sind. Lampis hat die letzte Milonga des Festival aufgelegt. Das ist eine besondere Situation. Eine Gruppe von Menschen war für ca. 20 Stunden bereits gemeinsam in Sachen Tango unterwegs, das Ende des Festivalitos ist absehbar und das sind Faktoren, die diese letzte Milonga beeinflussen. (Aber Lampis kann auch anders: Ich habe ihn beispielsweise im Frühjahr in Montecatini gehört, da hatte er die vergleichsweise undankbare Aufgabe, die erste Milonga des Festivals nach dem Welcome-Dinner - im selben Raum - aufzulegen. Das hat er ebenfalls sehr professionell gemacht.)

Nach meinem Empfinden ist Lampis in seinem DJing etwas lyrischer als seine Kollegen und das passte zu diesem Anlass sehr gut.

Dazu kommt, daß Lampis ein Amateur ist, der aus Liebe zur Sache das DJing betreibt. Er ist freundlich, zurückhaltend, frei von Eitelkeiten, äußerst angenehm im Umgang und ihm Gespräch. Ich weiß nicht, wie viele Menschen tatsächlich mit ihm an dem Nachmittag tatsächlich gesprochen haben, aber er wirkt auch aus der reinen Beobachtung so. Ganz auffällig wurde dies beim wohlverdienten tosenden Schluss-Applaus, es schien ihm fast ein wenig unangenhm zu sein, so viel Aufmerksamkeit zu erhalten.

Konkrete Dinge, die mir bei seinem Auflegen positiv aufgefallen sind: 1. Er war (so jedenfalls meine Wahrnahmung, die durchaus unvollständig und damit verzerrt sein kann) der einzige DJ, der sich einmal die Mühe gemacht hat, an das andere Ende des Raumes zu gehen und dort zu hören, wie sein Musik klingt. 2. Wenn man als Tänzer an seinem DJ-Tisch vorbei tanzte, dann suchte er ab und zu den Blickkontakt mit den Führenden (das versuche ich beim Auflegen, wenn die örtlichen Gegebenheiten es zulassen, ebenfalls). So holt er sich ein Rückmeldung. Sind die Tänzer zufrieden? Er versucht sein Publikum zu lesen.

Wenn es um Gefühle geht, dann kann ich nur von mir sprechen. Am Anfang jeder neuen Tanda hatte ich jeweils das Gefühl: Genau! Diese Tanda will ich jetzt gerne tanzen. In anderen Situationen scannt mein Hirn zunächst die ersten Takte und dann (irgendwann) entscheide ich, ob ich tanzen möchte oder ob ich es lasse. Genauer kann ich es Dir leider nicht beschreiben. Es ist die sensible Abstimmung der einzelen Titel innerhalb einer Tanda und die Folge der Tandas. Dazu werde ich aber noch einmal gesondert bloggen (im Rahmen meiner Reihe über das Tango-DJing).

In manchen Detailfragen bin ich sicherlich anderer Meinung (so legt Lampis beispielsweise nur sehr ungern Alfredo De Angelis auf), aber das ist für mein Empfinden vollkommen in Ordnung.

Zum Schluss muss man vielleicht meine Anmerkung leicht relativieren. Es geht um Gefühle, die sind immer subjektiv. Ich empfand das Auflegen von Lampis als grandios (und ich denke es erging einem Großteil der anderen Festivalbesucher ebenfalls so). Möglicherweise gibt es aber auch Zeitgenossen, die sein Auflegen nur als frei von größeren Fehlern einstufen würden. So subjektiv kann die Wahrnehmung sein.

bird hat gesagt…

Hi cassiel,

herzlichen Dank für diesen, deinen Einblick.
Das:
"... Am Anfang jeder neuen Tanda hatte ich jeweils das Gefühl: Genau! Diese Tanda will ich jetzt gerne tanzen."
hat mich berührt. Wow, kommt sicher, in dieser Intensität, selten vor. Wie schön für den DJ !

neuer Leser hat gesagt…

Hier gibt es immer sehr viel Text zu lesen und das hat mich zunächst abgeschreckt. Nach einigen Wochen habe ich mich daran gewöhnt und muss sagen, dass mir dieser Blog sehr gefällt. Welch' wohltuende Ruhe und Klarheit! Vermutlich wird dieser Blog nie die Leserzahlen erreichen, die man wohl heute im Tango braucht, aber mir kommt diese ruhigere und gründliche Art sich dem Tango zu nähern sehr entgegen.

Danke.

PacoDaCapo hat gesagt…

Da ist leider wieder etwas grob verzerrt dargestellt worden, was Richtigstellung herausfordert. Hört sich ja nett an, eine Formulierung wie „hysterische Erregungsmarketing- meist in eigener Sache“, die prompt Applaus beschert hat! Dabei bezog sich dieser Gedanke gar nicht auf diese Kommentarspalte, sondern auf Facebook, da sollte man sich nicht … sh. ganz unten…!

Ich habe als Kommentator – von Cassiel in rot verlinkt - keinem Festival irgendetwas attestiert, denn ich war, wie ich an anderer Stelle geschrieben haben, nie dabei und kenne weder die Akteure noch die Umgebung oder die Teilnehmer. Elitär nannte ich nicht irgendein Festival, sondern die Auswahl der unter diesen „Amigos“ erkorenen Beschränkung in der Musik und damit zusammenhängend auch auf einen Pistenkodex, und ich wies auf die Gefahr hin, das könnte bei anderen, die ebenfalls Tango tanzen, aber nicht zum Kreis dieser Teilnehmer gehören, als Arroganz ausgelegt werden.
Ich habe es warnend geschrieben und nicht als faktische Tatsache hingestellt. Ich gab und gebe nur zu bedenken. Dabei ging es nicht darum, über Festivals zu schreiben, sondern es ging um Tango, um Musik und um DJs und ihre Rolle.

Ich lasse mir deswegen aber auch nicht das Label eines „Vertreters einer übertriebenen Liberalität“ anheften. An anderer Stelle habe ich deutlich gemacht, dass ich in einer Debatte keinerlei Interessen, eigene Sache oder ähnliches verfolge, ich bin ein ganz einfacher Konsument, nur ein „kleiner“ Tango-Verbraucher also. Manche mögen ja eine Sache, die ihnen wichtig ist, mit einer missionarischen Vehemenz vertreten, die dann zu Frontenbildung führt. Das möchte ich in dieser Thematik nicht. Ich will auch auf der Piste keinen Krieg! Wenn mich jemand anrempeln sollte, was sehr selten vorkommt, ist es schnell verziehen, weil ich mir nicht die Laune verderben (lassen) möchte. Ich tanze eher defensiv und fahre auch so, meistens. Was Melina beschreibt, bedeutet so viel wie Krieg. Polizei (Pickelhaube, Tangoverbot etc. im Hinterkopf dabei als Assoziationen) ist schon mal eine gewisse Vorstufe davon, was für mich letztlich „Krieg“ bedeutet.

Dies kann nicht mein „Inhalt“ sein als „normaler“ Milongateilnehmer. Ich will mich amüsieren, entspannen, erden, ich will geniessen, nicht streiten. Wenn ich aber dem Link von Cassiel folge und mir die Milonga-Empfehlungen von T. Zörner ansehe, kann ich mir nur die Augen reiben. Wenn der Berliner DJ Hagen S. im NOU ein Vertreter von Golden-Age-Tangos in Tandas und Cortinas sein soll und die Szene im NOU keine zwischen Neotango und Tango tradicional changierende Milonga sein soll, dann muss sich innerhalb ganz kurzer Zeit etwas Bedeutendes ereignet haben, was mir entgangen ist: Entsprechend einer schockartige Wandlung eines „Saulus“ zum „Paulus“ etwa bzw. eine Örtlichkeit, wie ich sie nicht kenne oder bisher kannte.

PacoDaCapo hat gesagt…

Aus eigenen Erlebnissen kann ich diese Bemühungen um Salonkultur oder Pistenhöflichkeit [etwas – für mich – völlig selbstverständliches] auch in anderen Milongas bestätigen, die sich in dieser Liste finden, aber immer gab es da und dort „skurrile Typen“, die sich sofort eine vehemente Kriegserklärung von Melina eingefangen hätten. (Rote Karte!) Aber, die tanzende Gemeinschaft in solchen Nächten ist immer irgendwie mit diesen Extremvertretern klargekommen, ohne dass es zu Platzverweisen hat kommen müssen. Nicht ich bin da ein „prinzipienloser und indifferenter Liberaler“, sondern es hat sich einfach – von ganz vielen - niemand provozieren lassen und aufgeregt. Und wenn, dann im Stillen und für die anderen unbemerkt. Haben wir nicht auf anderen Feldern genügend Stress-Situationen, vielleicht im Beruf, auf der Autobahn usw.? Muss man diese – geliebte - Nische jetzt auch noch zum Kriegs-Schauplatz machen? Ich meine: Nein! Da spreche ich aber für mich! Wäre ich Veranstalter, wäre die Überlegung vermutlich eine andere…

An keiner Stelle habe ich die Werbung für Höflichkeit und die Ansage eines vorgestellten Umgangs bei einer Milonga kritisiert und als Arroganz abgestempelt. Das halte ich auch aus meiner Sicht der Dinge für ein dringend notwendiges, aber oft zu kurz oder überhaupt nicht abgehandeltes Thema. Es besteht bei entspanntem Lesen meiner Kommentare keinerlei Anlaß, sich zu ärgern. Oder auch beinahe…, Cassiel ;-))

Was in der Kommentarspalte zum „FdA“ 2011 los war, weiß ich nicht, habe es nie gelesen.

Wenn man aber daran denkt, sich solche Beobachtungen bei „Alltagsmilongas“ als Satire von der Seele zu schreiben, ist eine zarte Warnung angebracht: Gerade hatten wir das mit einer Typisierung bei der Betrachtung dieses „Sachbuchs“ von Riedl. Wenn es nun Cassiel doch – vielleicht heimlich - reizt, mit zugespitzter Satire auf irgendeiner Art von Tango-Poetry-Slam-Bühne seinen „alltäglichen Milongafrust“ rauszulassen, vielleicht mit Bühnenpartner und Erfolgsautor Rapoti, geht er in eine Richtung, die schon Riedl eingeschlagen hat. Meine Typisierung habe ich dort gelesen und „weggesteckt“; ich sage jetzt nicht, mit welchem Kürzel ich nach Riedl-Katalog etikettiert werden müßte. Es ist alles nicht schmeichelhaft, keine Kategorie ist erstrebenswert, jeder ist eigentlich eine lächerliche Figur – für Herrn Riedl!

Ich hatte bisher eher den Eindruck, so etwas entspräche ihm - oder Dir, Cassiel, nicht. Ich kann aber von Tangofreunden berichten, die selbst ein radikales Bekenntnis zu Melina und Detlef als Lehrer abgeben, sich aber bei einer Neotango-Milonga mit großem Vergnügen „herumtreiben“. Wenn das Melina wüßte… Ay ay ay, die würde schon in die Tasche greifen und nach den Kärtchen fingern…

Abschliessend daher meine Meinung: In der Isolierung unter vermeintlichen Amigos läßt man dem „Nachwuchs“ keine Chance, obwohl dem im Großen und Ganzen dieses Motiv „Höflichkeit und Rücksichtnahme“ nicht pauschal abzusprechen ist. Das führt nur – muss nicht unbedingt, könnte es aber latent und tendenziell – zu einer möglichen Arroganz. Und die Diskussion um Tandas und Cortinas kann davon allenfalls ablenken, es bedeutet nicht, dass Tandas und Cortinas automatisch für einen kultivierten Verlauf einer Milonga stehen, während es bei deren Fehlen bzw. bei in den Augen einiger getrenger „Sittenwächter“ „inadäquaten Tandas“ zu Gerempel und Unhöflichkeiten kommen muss.

Das halte ich für einen kurzsichtigen Fehlschluss, zu dem sich hier niemand aus der Leserschaft verleiten lassen sollte.

cassiel hat gesagt…

[Teil 1] @PacoDaCapo

Ich will jetzt nicht eine Diskussion über Begriffe lostreten. Wenn Du aber in Deinem ursprünglichen Kommentar schreibst, Du hättest den Eindruck man ziehe sich bei der elitären Auswahl oder Einschränkung in eine Nische zurück, Man träfe sich in Zirkeln, Grüppchen oder Cliquen, dann wertest Du über den Tango an solchen Festivals; Du attestierst (für mein Sprachempfinden) solchen Veranstaltungen etwas. Im Verlauf sprichst Du davon, welche Abgehobenheit, ja Arroganz für Dich spürbar ist, wenn Meschen derartige Veranstaltungen schätzen. Das solche Festival schnell ausgebucht sind, liegt vielleicht daran, daß das Angebot zu klein ist, da muss man Monate vorher schon genau wissen, wo man hinmöchte und sich anmelden. Aus dem Umstand, daß dieses (noch) sehr beschränkte Angebot innerhalb kürzester Zeit ausverkauft ist nun ableiten zu wollen, es handele sich um einen elitären Zirkel von Eingeweihten, die unter sich bleiben möchten finde ich falsch. (Und Du bist leider nicht der Einzige, der so denkt - deswegen habe ich ursprünglich dazu gechrieben.)

In der Folge beziehst Du einige Anmerkungen von mir auf Dich, die ich gar nicht in Deine Richtung geschrieben habe. Aber egal, lesen wir weiter...

cassiel hat gesagt…

[Teil 2]

Ich finde Deine Zuspitzung nicht richtig. Du schreibst, daß Du auf der Piste keine Krieg willst, du schreibst von missionarischer Vehemenz und von Polizei. Damit betreibst Du für mein Empfinden eine verbale Zuspitzung, die so nicht gerechtfertigt ist. Nein, es geht niemals um Krieg, um Missionierung oder gar um Polizei, es geht nur darum ab und zu entspannt tanzen zu können - abseits von dem "teilweise zu beobachtenden Milonga-Horror". Erst neulich beim Milongabesuch habe ich mal wieder leidvoll erfahren müssen, was es heißt, wenn eine Ronda faktisch nicht vorhanden ist. So etwas stört mich gewaltig und ich finde es nicht richtig, daß man mir Polarisierung vorhält, wenn ich schreibe, wie sehr ich Veranstaltungen schätze, an denen rücksichtsvoll getanzt wird. Nur weil ich schreibe, ich finde solche Veranstaltungen schön und entspannend betreibe ich m.E. keine Kategorisierung im Riedlschen Sinne.

Nun könnte man vordergründig dem FcA vorhalten, es ließe dem "Nachwuchs" keine Chance. Da gibt es für mein Empfinden ein Verdrehen der Kausalität. Nicht das Tangokombinat ist für die Pistenkultur zuständig, sondern jeder Veranstalter und (fast noch wichtiger) jeder Tangolehrer. Die DJs haben nur einen Anteil daran, wenn sie durch ihre Musikauswahl eine Milonga zu einer Party machen. Das es nun leider (nach meinem Empfinden) mit dem rücksichtsvollen Tanzen eher die Ausnahme als die Regel ist, ist daher wohl kaum den Veranstaltern solcher Festivals anzulasten.

Theresa hat gesagt…

Ich möchte momentan nicht in die Diskussion einsteigen, aber eine Korrektur anbringen: Das Nou in Berlin veranstaltet seit geraumer Zeit tatsächlich eine rein traditionelle Freitagsmilonga. Also ich dort vor ein paar Monaten auflegte, wurde sehr gepflegt getanzt.
(Und ich habe festgestellt, dass über meine eigene Milonga veraltete Angaben in Thorstens Liste stehen, muss das dringend korrigieren).
Theresa

Austin hat gesagt…

Eine von Cassiels Fragen in seinem Artikel ist doch die, wie ein Veranstalter ein Milonga eine bestimmte Art des Miteinander auf seiner Veranstaltung etablieren kann, ohne als arrogant oder elitär wahrgenommen zu werden. Meiner Ansicht nach ist es a) schwierig, so was zu etablieren, es sei denn, es gibt eine Community, die genau das sucht und die diese neue Milonga sogleich für sich entdeckt und "stilitstisch dominiert". Es muss sich dort möglichst schnell ein von der Community getragener Konsens des "so läuft das hier" einstellen. Durch Regeln und Hinweise des Veranstalters wird wahrscheinlichg wenig bewirkt.

Wird man diese Milonga dann außerhalb ihrer regelmäßigen Besucher für eine elitäre Veranstaltung halten? Wahrscheinlich. Muss das den Veranstalter stören? Nein, denn solange die Tür für alle offensteht und der Gruppendruck für ein gewisses Miteinander sorgt, hat er sich nichts vorzuwerfen.

Unterm Strich wird die vielgescholtene Nachfrage entscheiden. Denn wenn die Besucher dieser Milonga einfach mehr Spaß haben, werden andere das auch erleben wollen, und wenn es ihr Ding ist, dann bleiben sie auch dabei.

Falls es aber zu viele "Liberale" und zu wenige "Stilisten" für die Veranstaltung gibt, dann würde ich versuchen, das ganze auf Einladungsbasis nicht-öffentlich zu machen. Kommt noch arroganter rüber, aber dafür haben die, die hingehen wollen, ihren Spaß.

cassiel hat gesagt…

@Austin
So verlockend es vielleicht auf den ersten Blick sein mag, ich halte eine nicht-öffentliche Einladungsbasis für den falschen Ansatz. Ab und zu trifft man auf solche Strukturen im Tango und die halte ich tatsächlich für gefährlich; da kann man berechtigterweise behaupten, die Protagonisten wollen unter sich bleiben. Wollen wir tatsächlich eine Aufspaltung in Gruppen?

Vielleicht sollten sich nur alle darum bemühen, den Charakter ihrer Veranstaltung exakt vorab zu veröffentlichen. Den Rest muss dann, wie Du schon bemerkt hast, der Mechanismus von Angebot und Nachfrage regeln.

Austin hat gesagt…

Was ist denn so schlimm daran, wenn eine Gruppe von Tangofreunden ab und zu mal unter sich bleiben will? Zerfällt das ganze dann gleich in Gruppen? Glaube ich nicht. Du kündigst doch auch nicht jedem Deiner Freunde die Freundschaft, wenn der mal auf einer Party eingeladen ist und Du nicht?

Aber wie wäre es mit einer Mischform? Du startest mit einer Gruppe von Gleichgesinnten und nimmst sie in eine Mitgliederliste auf. Die Mitglieder dürfen jederzeit andere Gleichgesinnte mitbringen, und der Veranstalter nimmt diese Neulinge gerne in seine Mitgliederliste auf, sofern diese keinen groben Bockmist gemacht haben. Auf diese Weise kannst Du die größten Chaoten fernhalten, und es müsste sich schnell herumsprechen, dass es nicht schwer ist, auf die Mitgliederliste zu kommen.

Anonym hat gesagt…

Vielleicht eine etwas dumme Frage:
was ist eine "nicht-öffentliche Einladungsbasis", und was ist falsch oder nicht falsch daran?
LG von anonym16

cassiel hat gesagt…

@anonym16
Es gibt keine dummen Fragen. Mit der nicht-öffentlichen Einladungsbasis ist eine Gruppe von Gästen einer Milonga gemeint, die persönlich (z.B. per Mail) zu diese Milonga eingeladen wird. Es gibt keine öffentliche Ankündigung für derartige Milongas. Ich habe meine Bedenken dazu weiter oben formuliert.

So, jetzt muss ich arbeiten...

Swetoslaw Beltschew hat gesagt…

Lieber @Cassiel,

ich verstehe deine Argumente gut - eine Veranstaltung auf nicht-öffentliche Einladungsbasis fördert die Gruppenbildung beim Tango. Ich teile auch deine Meinung, dass die Milonga einen Ort ist, an den Sozialverhalten erwartet wird. Ich bin auch überzeugt, dass eine genaue Auskunft bei der Ankündigung der Veranstaltung Pflicht jeder Veranstalter sein soll.

...Nur, was hilft das?

Neulich besuchte ich eine Milonga, die wie folgt angekündigt war: "traditionelle Milonga mit Tandas und Cortinas. Abendgarderobe ist erwünscht". Ich betrat erwartungsvoll den Tanzraum und erblickte folgendes Bild: stockdunkles Raum (Cabaceo war praktisch unmöglich), Auf den Parkett tanzten tatsächlich Paare in Abendgarderobe (der Tanz was sie vorführten entsprach meine Vorstellung für Tango allerdings nicht) und aus den Lautsprecher tönte Ortos Aires. Der Anzahl der Stücke in den Tandas war zufällig und die Cortinas wurden durchgehend von den Paare vertanzt.

Anders Beispiel: bekannter TJ kündigt seine Veranstaltung ähnlich wie oben an. Er hält sich auch an den Ankündigung und die Räumlichkeiten fördern das soziale Verhalten der Besucher. Mindestens 5-mal am Abend werden Musikwünsche geäußert, die so oder so ähnlich klingen: "was Popiges", "Lustiges", "Moderneres", "nicht ständig dieser Hoiler" auflegen. Die Tanzfläche wird durch extrovertiert tanzende Paare regelmäßig erobert und die Cortinas wurden gerne vertanzt.

Was ist damit sagen möchte ist: die Gruppenbildung bei der Tango ist längt eine Tatsache. Kein traditioneller Tänzer würde sich auf eine Neo-Milonga verirren. Es ist, anderseits, schwierig, Tänzer, die sich an den Codigos eine traditionelle (soziale) Milonga nicht halten auszuschließen. Wer Regel aufstellt, muss sorgen, dass diese gehalten werden und die, die dagegen verstoßen, "bestrafen". Fast alle Veranstalter sind damit, verständlicher weise, überfordert. Da schein mit den Vorschlag von @Austin vernünftig, ob er auch praxistauglich ist, mag ich nicht beurteilen.

cassiel hat gesagt…

@Sweti
Ich kenne das, was Du beschrieben hast, nur zu gut. Leider! Eine gute Lösung kann ich auch nicht anbieten. Wenn allerdings klassische Tangos in Tandas mit Cortinas angeboten werden und dann Otros Aires läuft, würde ich mein Geld zurückverlangen. So einfach ist das. Und anschließend gäbe es wahrscheinlich ein klares Feedback per eMail an den Veranstalter. Und das von Dir erwähnte Wunschkonzert ist ja der Oberalbtraum. Als DJ erfülle ich mittlerweile kaum noch Wünsche (ich achte allerdings auf eine deutlich formulierte Ankündigung im Bezug auf die Musik).

Für mein Empfinden ist häufig Unkenntnis die Ursache oder ein DJ, der versucht, dem vermeintlichen Massengeschmack hinterherzulaufen. Tango ist eben auch nur ein Markt, der - wie so häufig in unserer Gesellschaft - von einer entsprechenden Optik gesteuert wird.

Rein klassische Angebote werden sich trotzdem immer stärker durchsetzen - ich glaube an Qualität.