Montag, 13. Januar 2014

Ein Gastbeitrag von Christian Tobler: Festivals – Marathons – Encuentros

Christian Tobler, Tanguero und TJ vom Verein Argentango aus Zürich hat mir diesen Gastbeitrag geschickt. Das Thema ist m.E. sehr aktuell und bedarf seit geraumer Zeit einer fundierten Analyse mit anschließender Diskussion. Christian und ich freuen uns auf Ergänzungen, andere Ansichten und weiterführende Ideen in Kommentaren.




In den vergangenen drei Jahren habe ich mit meiner Partnerin ein gutes Dutzend mehrtägige Encuentros in ganz Europa besucht, die es Tango-Argentino-Tänzern erlauben, zusammen mit Gleichgesinnten während mehrerer Tage ausgesprochen intensiv zu Tanzen. Da kommen zwischen Freitag Abend und Sonntag Nachmittag schon mal über 20 Stunden Tanzen zusammen – also definitiv eine geballte Ladung und damit nur etwas für waschechte Aficionados. Ich denke die Zeit ist reif, um diese inzwischen vielfältige Szene und ihre Mechanismen etwas genauer zu beleuchten und einige Dinge beim Namen zu nennen.

Sonntag, 29. Dezember 2013

Bis hierher und weiter...

Ich sitze wieder einmal vor dem Rechner - wild entschlossen, diesen Artikel fertigzustellen, nicht zu kritisch mit mir selbst zu sein und ihn anschließend zu veröffentlichen...

"Bis hierher und so nicht weiter", das war die ursprüngliche Version der Überschrift für diesen Beitrag. Nachdem es hier aber gute Nachrichten geben soll, habe ich die Überschrift dann doch umformuliert. Ich habe mich eigentlich im letzten Jahr konsequent an einen Punkt geschrieben, an dem ich dann doch einmal über meinen Tangobegriff schreiben muss und mich damit der Gefahr aussetze, erneut als Wahrheitseigentümer, als arroganter Traditionalist etc. etikettieren lassen zu müssen. Dabei bin ich eigentlich ein sehr friedfertiger Mensch. Und so kam es, dass ich eine längere Pause des Reflektierens und Nachdenkens gebraucht habe.

Montag, 5. August 2013

Der traditionelle Tango und die Qualität der Wiedergabe

Eigentlich ist ja der dritte Teil meines Tango-Knigges überfällig. In Gedanken steht er schon, aber es fällt mir schwer, ihn endgültig zu formulieren. Ich schreibe nun lange genug dieses Blog, daß ich das Ende meiner aktuellen Schreibblockade in Sachen Umgangsformen im Tango gelassen abwarten kann und bitte meine Leserinnen und Leser um entsprechende Geduld. Ich schreibe heute zu einem anderen Thema, das mich in der letzten Zeit sehr beschäftigt hat. Aktueller Anlass war die Ausstrahlung eines sehr gelungenen Filmes bei Arte...

Die Qualität der Wiedergabe im Tango, ist das überhaupt einen Gedanken wert? Und wenn wir über Qualität reden, was sind die Kriterien? Nach einigen frustrierenden Milongabesuchen in den letzten Wochen, schreibe ich einmal zu diesem Thema. Sicherlich ist das Thema nicht besonders spannend in einer Zeit, in der für mein Empfinden längst das Erregungsmarketing im Tango Einzug gehalten hat. Ich lese beinahe täglich bei Facebook Einträge, die etwa so lauten könnten: "Ich schmiere mir gerade ein Marmeladenbrot und höre Donato..." Wenn der Beitrag von der "richtigen" Person verfasst wird, dann gibt es innerhalb von einem halben Tag ein paar Dutzend, ein paar hundert "Likes" und zig Kommentare... Durch diese Art und Weise der Verständigung über Tango-Titel geht aber leider für mein Empfinden Wesentliches verloren. Der Fokus in solchen Diskussionen liegt häufig an vordergründigen Eigenschaften des Titels, möglicherweise sogar nur am Rauschen und Knistern. Jede (Klang-)Bewertung, die aufgrund eines Hörens einer datenreduzierten Internet-Version über Computerlautsprecher getätigt wird, muss unvollständig bleiben, bisweilen kann sie sogar extrem ärgerlich sein.
Doch vielleicht schreibe ich zunächst zu den eher frustrierenden Milongabesuchen. Ich nehme in der letzten Zeit zunehmend wahr, daß mangelnde Sorgfalt (oder mangelnde Qualität) beim Auflegen eine direkte Auswirkung auf die Ronda und die Fertigkeiten im Tango jedes Individuums in der Milonga haben und das stimmt mich traurig, es könnte auch anders gehen...

Freitag, 28. Juni 2013

Leserzuschrift: Der Tango, der Tod und die Rituale

Ich bin diese Woche beruflich unterwegs und habe deswegen wenig Zeit für das Blog. Glücklicherweise ist auch die laufende Diskussion zum Thema Tango-Knigge eher gemütlich. Heute frühe erreichte mich eine Leserzuschrift mit einer interessanten Frage, die ich hier einmal öffentlich stellen möchte: Wie hält es jede/jeder Einzelne mit Ritualen? In der Leserzuschrift wird das am Beispiel eines Todesfalls diskutiert. Ich stelle hier einfach einmal diesen Meinungsaustausch zur Diskussion.


Hallo Cassiel,

danke zum Kopf hoch, aber damit hab ich keine Probleme. als freier Milonguero der keiner Gruppe angehören will bin ich eh fast immer alleine unterwegs und mache dadurch viele interessante Bekanntschaften [das bezog sich auf einen früheren Meinungsaustausch]. ein aktueller Anlass hier in der Region hat mich auf die Idee gebracht deine Meinung dazu zu erfragen… es geht um Rituale auf einer Milonga, oder wie Tänzer mit Lebensereignissen umgehen bzw. umgehen sollten. im aktuellen Fall ist regionale Persönlichkeit überraschend zu hause gestorben. seine Freunde haben gestern eine Milonga in Weiß als Trauer abgehalten, mit schwarzer Trauerschleife am Körper… etc. heute waren einige damit wieder schon unterwegs…

Freitag, 21. Juni 2013

Cassiels großer Tango-Knigge: 2. Über den Umgang mit den Mitmenschen in einer Milonga

Leseempfehlung vorab, was bisher geschah... in diesem Tango-Knigge:
0. Einleitung - Abgrenzung zu Regeln, zur Etikette und zu den Códigos
1. Über den Umgang mit der aktuellen Tanzpartnerin / dem aktuellen Tanzpartner


Zuerst die innere Haltung, dann die äußere Form!
Es ist wie beim Malen, wo man die weißen Lichter zuletzt aufsetzt.
Konfuzius (551 v. Chr. - 479 v. Chr.)

Weshalb ich diese konfuzianische Weisheit vorangestellt habe? Ich möchte dem Missverständnis vorbeugen, ich wäre nun brennend an starren Regeln im Tango Argentino interessiert. Um es noch einmal klar zu sagen: Wenn jede/jeder im Tango mit der "richtigen" inneren Einstellung im Tango unterwegs ist, dann brauchen wir eigentlich keine Regeln. Nun ist der Begriff richtige innere Einstellung extrem unscharf und den vielfältigsten persönlichen Deutungen unterworfen, deshalb werde ich - so wie im letzten Teil - von generellen Prinzipien ausgehend, die Regeln anders begründen.

Ähnlich wie in vorausgegangenen Überlegungen zum Umgang mit der aktuellen Tanzpartnerin, dem aktuellen Tanzpartner, geht es in diesem Teil noch einmal um den Begriff der Reziprozität. Im Paar ist es vergleichsweise einfach, oder formaler ausgedrückt, man interagiert im Rahmen der echten bzw. direkten Reziprozität. In der Milonga mit all den vielfältig unterschiedlichen Menschen wird es nun ein wenig abstrakter oder genereller, man spricht von der generalisierten Reziprozität, d. h. Geben und Nehmen findet nun nicht mehr auf der eins-zu-eins-Ebene statt, sondern wird in einen größeren Kontext gestellt. Das wird vielleicht in einem kleinen motivierenden Beispiel deutlicher: Jede und jeder war im Tango einmal Anfängerin bzw. Anfänger und hat vielleicht einmal von der Großzügigkeit einer/eines Fortgeschrittenen profitiert. Im späteren Tangoleben ergibt sich häufig genug die Gelegenheit, dieses Darlehen zurückzuzahlen und ebenfalls eine Anfängerin, einen Anfänger profitieren zu lassen. Diesem Beispiel könnte man ohne große Mühen viele weitere konkrete Beispiele hinzufügen.

Dienstag, 4. Juni 2013

Cassiels großer Tango-Knigge: 1. Über den Umgang mit der aktuellen Tanzpartnerin / dem aktuellen Tanzpartner

Leseempfehlung vorab - Die Einleitung zu diesem Tango-Knigge:
0. Einleitung - Abgrenzung zu Regeln, zur Etikette und zu den Códigos



Was du nicht willst, was man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu.

(Die Goldene Regel von Oma und Opa)

Die Milonga ist im Regelfall ein soziales Tanzereignis (oder sollte es zumindest sein :-) ). Es ist daher nicht weiter verwunderlich, daß alle Regeln dieser Zusammenkunft auf das soziologische Kernprinzip der Reziprozität des Handelns - oder einfacher ausgedrückt: Auf den oben zitierten Kernsatz, den wir vermutlich alle von Oma und Opa gehört haben, zururückgeführt werden können.

Man könnte Bücher schreiben und würde vermutlich nicht fertig. Die Regeln im direkten Umgang mit einer Tanzpartnerin, einem Tanzpartner sind vielfältig und doch sind es immer nur Spezialfälle vom generellen Umgang mit einem Mitmenschen. Betrachten wir also die typischen Ratschläge einer Tango-Etikette angefangen bei der persönlichen Hygiene bis hin zu den Spezialfällen (z. B. „Du sollst nicht Deinen Tanzpartner vor Publikum in der Milonga unterrichten.“) und wir werden immer wieder zum Kernprinzip der Reziprozität zurückkommen. Insofern ist es eigentlich sehr einfach, sich in der Milonga zu bewegen.

Freitag, 31. Mai 2013

Cassiels großer Tango-Knigge: 0. Einleitung - Abgrenzung zu Regeln, zur Etikette und zu den Códigos

Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von allen.

(Karl Valentin 1888 - 1942

bayerischer Humorist, Komiker und Stückeschreiber)

Regeln für den Tango Argentino, Códigos oder Etiketten (engl. etiquette) gibt es im Internet in Hülle und Fülle. Dennoch möchte ich nach etlichen unveröffentlichten Anläufen meine Version hier einmal zur Diskussion stellen. Vielleicht ermöglicht eine andere Herangehensweise eine neue Sicht der Situation.

Einen Artikel über das soziale Verhalten, über die dos and don‘ts im Tango Argentino zu schreiben, bleibt ein Balance-Akt. Längst gilt nicht mehr als selbstverständlich, was im goldenen Zeitalter des Tangos (Épocha de Oro etwa: 1935 - 55) allgemein anerkannt und beachtet war. In Diskussionen zu dieser Frage kommt man auch sehr schnell zu einem Punkt, an dem die unterschiedlichen Auffassung sich scheinbar unvereinbar gegenüberstehen. Es gibt die Traditionsorientierten, die die klaren Vorteile von Regeln und Ritualen sehen und auf der anderen Seite stehen die Non-Konformisten, die jedes Regelwerk unter Hinweis auf den Freizeitcharakter des Tangos ablehnen.